Auszug aus:
Graf Johann Heinrich Bernstorff: Erinnerungen
und Briefe, Zürich 1936.
Die Zahlen in Klammern geben die Seitennummern an.
Bernstorff ist Botschafter in Konstantinopel. Oktober 1918:
Der 1. Weltkrieg neigt sich dem Ende:
(175): Ende Oktober: Telegramm vom Reichskanzler,
Bernstorff möge Konstantinopel verlassen und nach Berlin kommen.
(176): Er tut es via Torpedoboot nach Constanza,
Eisenbahn nach Bukarest, (Frühstück bei Feldmarschall von Mackensen
im deutschen Offizierskasino):
Mit diesem un-
terhielt ich mich sehr gut. Er zeigte für die diplomatische Seite
des
Krieges und für hohe Politik im allgemeinen ein Verständnis,
wie ich
es bei unseren hervorragenden Generälen nur noch bei Seeckt gefunden
habe. Unsere Weiterreise nach Berlin war ein recht unsicheres Unterneh-
men; bei der Durchfahrt durch Budapest hörten wir in den Straßen
lebhaftes Schießen, aber man ließ uns unbelästigt unsere
Fahrt fort-
setzen, so daß ich am 31. Oktober im Hôtel Adlon in Berlin
anlangte
und mich am 1. November bei Prinz Max und Solf melden konnte. Mit
ersterem ging ich lange im schönen Garten des Reichskanzlerpalais
spazieren, was wir bis zur Revolution täglich zweimal wiederholten.
Die
alten Bäume dieses Gartens haben "so manchen Sturm erlebt".
Meine
Leser erinnern sich gewiß der Bismarck'schen Bemerkung: er habe
Caprivi mehr als alles andere übelgenommen, daß er einen dieser
Bäume
hätte umschlagen lassen.
[...]
"Für Prinz Max hegte ich neben freundschaftlichen Empfindungen
ein tiefes Mitgefühl. Wenn er sein Amt ein Jahr früher angetreten
hätte, so wäre er mit seinem Idealismus der richtige Mann gewesen,
um einen leidlichen Frieden zu erreichen. Er würde Vertrauen im
Auslande und bei der deutschen Linken haben gewinnen können. Die
Frieden von Brest-Litowsk und Bukarest wären anders ausgefallen.
Der Weg zu weiteren Friedensschlüssen hätte offengestanden. Jetzt
aber war die herrliche Armee, die unser Vaterland vor dem Feinde
geschützt hatte, von der Uebermacht geschlagen worden. Die bisherigen
Fehler der Reichsregierung hatten ihre Folgen getragen. Nun gab
es zunächst nur eine Aufgabe, nämlich die Monarchie zu retten,
nicht
etwa nur aus prinzipiellen Gründen, denn die Weltgeschichte ist
weder monarchisch noch republikanisch, sondern evolutionistisch. Die
Monarchie mußte aber von uns gerettet werden, weil es keinen anderen
Weg gab, dem deutschen Volke eine geordnete und geeignete Vertretung
(177)
dem Feinde gegenüber zu gewähren. Eine Revolution
dagegen mußte
Deutschland in der Stunde der größten Gefahr lahmlegen. Diese
"For-
derung des Tages" wurde von dem Reichskanzler bei unseren täglichen
Spaziergängen vertrauensvoll und offen mit mir besprochen, nachdem
er
mir gesagt hatte, daß er mich zu diesem Zwecke von Konstantinopel
ge-
holt habe. Ich war mir sofort darüber klar, daß wir beide dasselbe
woll-
ten, nämlich die Monarchie retten, es handelte sich nur darum, wie
sich das gemeinsame Ziel erreichen ließ, da die Situation eine sehr
schwierige war. Dieses Vertrauensverhältnis dauerte leider nur neun
Tage bis zur Revolution und ist durch unsere erste Unterredung begrün-
det worden, nachdem der Prinz mich um vollkommene Offenheit gebeten
hatte.
Der Kanzler begann damit, mich zu fragen, ob ich auch Wilsons
Noten dahin verstehe, daß die Abdankung des Kaisers notwendig sei.
Diese Frage mußte ich bejahend beantworten. Die zweite Frage lau-
tete: Wer soll es dem Kaiser sagen? Worauf ich erwiderte: Das müssen
Sie tun. Darauf schüttelte der Prinz den Kopf und lehnte kategorisch
ab, mit den Worten: das kann ich als badischer Thronfolger und deut-
scher Fürst nicht tun, worauf ich schnell sagte, dann hätten
Sie auch
nicht Kanzler werden dürfen. Diese Offenheit, die er anscheinend nicht
gewohnt war, hat dem Prinzen sichtlich gefallen, denn er bat mich noch
am ersten Tage, nur ja in Berlin zu bleiben; nach Konstantinopel könne
ich doch nicht mehr zurückkehren. Er werde schon einen Platz für
mich
im Auswärtigen Amte finden. Mit dieser ersten Unterredung im Gar-
ten des Reichskanzlerpalais begannen für mich unhaltbare Verhältnisse,
die erst endeten als ich auf einem Sitz im Reichstage landete, nach dem
ich trachtete seit der Stunde, wo ich Konstantinopel verließ. Jch
wollte
keinesfalls Prinz Max im Stich lassen, der sich so vertrauensvoll an
mich wandte, aber ich hatte wie Archimedes keinen locus standi, von
dem aus ich Irgendetwas, geschweige denn die Welt aus den Angeln
heben konnte. Prinz Max hatte keinen starken Willen und keine hin-
reichende Gesundheit für den Reichskanzlerposten in so schwerer Zeit.
Er schlief nur mit Hilfe starker Schlafmittel, was mich an eine Anekdote
von Bismarck erinnerte. Dieser setzte einmal Friedrich Wilhelm IV.
hart zu, als die Königin in das Zimmer trat und sagte: Quälen
Sie
den König nicht so. Er hat heute Nacht nicht geschlafen. Bismarck
erwiderte nur: "Ein König muß schlafen."
Die "Erinnerungen" des Prinzen Max geben eine gute und richtige
Darstellung der letzten Tage vor der Revolution, die ich miterlebte.
Von meiner Seite sind nur einige Nachträge zu liefern, die des Reichs-
kanzlers Bemühungen, die Monarchie zu retten, klarer hervortreten
lassen. In den "Erinnerungen" ist nicht erwähnt, daß
Prinz Max mich zu
Scheidemann sandte, mit dem ich die Frage in einer sehr langen Unter-
redung besprechen sollte. Dieser wünschte ebensosehr wie ich die Revolu-
(178)
tion zu verhindern, doch legte er dabei am meisten Gewicht
darauf, daß
seine Partei noch nicht regierungsfähig sei und erst regieren lernen
müsse.
Darin hat er nur allzu Recht behalten, obgleich das "Nicht regieren
können"
mehr ein deutscher Nationalfehler als ein Parteigebrechen zu sein scheint.
Auch trägt das Ausland die Hauptschuld an dem Mißgeschick der
deut-
schen Republik. Jedenfalls war Scheidemann damals aufrichtig von dem
Wunsche beseelt, in einer konstitutionellen Monarchie zu leben. Er trieb
durchaus nicht zur Revolution, forderte aber die Abdankung des Kaisers
zugunsten seines Enkels als conditio sine qua non für die Erhaltung
der
Monarchie, die er dann aber mehr oder weniger garantierte. Mit dieser
Ansicht Scheidemanns stimmte damals fast jedermann in Berlin überein,
der die inner- und außerpolitischen Verhältnisse kannte. Die
Revolution
konnte nur vermieden werden durch rechtzeitige Abdankung des Kai-
sers. Das hat Prinz Max klar erkannt, der Monarch aber leider nicht.
Wenn der Kaiser rechtzeitig dem Rat des Kanzlers gefolgt wäre, so
würde sein Enkel noch heute auf dem Throne sein. Gleich nach meiner
Unterredung mit Scheidemann besuchte ich auf Weisung des Reichs-
kanzlers auch Clemens Delbrück, den damaligen Chef des Zivilkabinetts,
der mir keine Hoffnung auf die Abdankung des Kaisers machte. Als
diese am 9. November erfolgte, kam sie zu spät, um die Revolution
zu
verhindern. Zu spät! Diese Worte stehen am Eingang fast aller Revo-
lutionen der Weltgeschichte, und doch lernen die Monarchen nie daraus.
Zum 9. November habe ich dem Berichte der "Erinnerungen" des
Prin-
zen Max nur sehr weniges hinzuzufügen. Als der neue Reichskanzler
Friedrich Ebert sich mit den übrigen Anwesenden vom Prinzen Max
verabschiedet hatte, blieb dieser in seinem Arbeitszimmer mit mir allein
zurück. Dann sagte er mir, er habe die Gesandten der deutschen Staa-
ten in ein anderes Zimmer bestellt, um die Frage zu besprechen, ob er
versuchen solle als Reichsverweser die Ordnung wieder herzustellen. Ohne
Zustimmung der deutschen Fürsten wolle er das Amt des Reichsverwe-
sers nicht übernehmen. Ich redete ihm nach Möglichkeit zu, was
er auch
in den "Erinnerungen" erwähnt, ohne mich besonders zu nennen.
Dann
bat er mich, ihn zu den Gesandten zu begleiten. Ich kann mich nicht
entsinnen, welche Herren an der Besprechung teilnahmen. Erinnerlich
ist mir nur, daß der bayrische Gesandte Graf Lerchenfeld dem Prinzen
ebenso warm zuredete, wie ich es vorher getan hatte. Er sah in der
Reichsverweserschaft die letzte Möglichkeit, die Revolution zu verhin-
dern. Bei dem traurigen letzten Frühstück des Prinzen im Reichs-
kanzlerpalais, an dem ich allein teilnahm, bemühte ich mich weiter
in
dem gleichen Sinne. Den Schluß dieser Tragödie bildete der in
den
"Erinnerungen" beschriebene Abschiedsbesuch des Prinzen bei Ebert,
wo auch dieser noch für die Reichsverweserschaft eintrat. Doch der
Prinz wollte den Versuch nicht mehr unternehmen. Ausschlaggebend
war wohl seine Pietät gegen den Kaiser, von dem er keinen Auftrag
(179)
hatte. Vielleicht war es auch zu spät. Immerhin war die Not des Va-
terlandes so groß, daß der Versuch hätte unternommen werden
müssen.
Ich komme immer wieder darauf zurück, daß die Vertretung Deutsch-
lands vor dem Auslande für dieses im Herzen des Kontinents liegende
Land, die Lösung aller anderen Fragen ausschlaggebend beeinflußt.
Man
kann sich nicht ausdenken, welchen Unterschied es für Deutschland
und
die Welt bedeutet haben würde, wenn unsere Feinde in Versailles nicht
ohne Widerstand hätten jeden politischen Unsinn beschließen
können,
der ihnen einfiel. Ich lasse vier spätere Briefe des Prinzen Max folgen,
die Licht auf die obigen Fragen werfen. Nur der letzte behandelt die
Bildung einer neuen großen Mittelpartei.
Salem in Baden, den 7. Juni 1922.
Lieber Graf!
Ich kenne nur einen Auszug Ihres Artikels aus dem "Demokratischen
Deutschland" im Berliner Tageblatt, aber ich möchte Ihnen heute
schon
danken für die verständnisvollen Worte, die Sie gefunden haben.
Es
wird auch mir immer klarer, daß die Geschichte mir den Vorwurf
machen wird, nicht mit der genügenden Rücksichtslosigkeit die
Abdan-
kung des Kaisers betrieben zu haben. Allerdings, glaube ich, darf man
nicht vergessen, wie die Flucht des Kaisers ins Hauptquartier bereits
den ersten revolutionären Schritt darstellte, und eine staatsmännische
Lösung beinahe ausschloß.
Ich habe durch alle möglichen mündlichen und schriftlichen Auf-
klärungen über die kritische Zeit viel Neues erfahren, und es
ist ein
geradezu schrecklicher Gedanke, daß die Veröffentlichung der
Abdankung
in der Zeitung vom 9. früh aller Wahrscheinlichkeit nach genügt
hätte,
den Ausbruch der Revolution zu verhindern. Waren wir dann einmal
über den 9. November hinweg, so hätten die eintreffenden Waffenstill-
standsbedingungen eine ganz neue Situation geschaffen: das deutsche
Volk hätte noch einmal mit ungeteiltem Zorn sich gegen den Feind
gewendet, wenn auch nicht mehr zum Kampfe, so doch zur moralischen
Abwehr.
. . . . . . . . . . .
Es würde mir eine besondere Freude sein, Sie einmal wiederzusehen,
um über Vergangenes und Gegenwärtiges zu sprechen.
Mit besten Grüßen
gez. Max Prinz von Baden.
(180)
Salem, den 17. Juni 1922.
Mein lieber Graf Bernstorff!
Ich erfahre vertraulich von dem früheren Kriegsminister Scheuch, daß
der Schriftsteller Nowak in einem in Kürze erscheinenden Buche über
den Zusammenbruch Deutschlands eine Darstellung über das Schießver-
bot vom 9. Noveniber gibt, die mit meiner und General Scheuchs Erinne-
rung nicht übereinstimmt. Nowak soll sich dabei auf Ihr Zeugnis be-
rufen. Er sagt sich nun auf den 26. dieses Monats in Salem an, um
mir sein Manuskript zur Berichtigung vorzulegen. Ich wäre Ihnen zu
großem Dank verpflichtet, wenn ich bis zu diesem Tage eine kurze
Dar-
stellung von Ihnen haben könnte, wie sich Ihrer Erinnerung nach der
strittige Vorgang abgespielt hat. Ich zögere absichtlich, Ihnen mein
eigenes Erinnerungsbild schon jetzt zu geben, um das Ihre unbeeinflußt
zu erhalten.
Ich möchte noch bemerken, daß Scheuch großes Gewicht darauf
legt,
daß Nowak nichts von meiner vorherigen Orientierung durch ihn er-
fährt. Ich habe allerdings auch den Eindruck, daß diesem begabten
Journalisten gegenüber große Vorsicht am Platze ist.
Die Lektüre Ihres vollständigen Artikels hat meinen Wunsch gestärkt,
mit Ihnen möglichst bald über die Vergangenheit zu sprechen.
Hoffent-
lich findet sich bei meiner Reise nach Gmunden im Spätsommer Ge-
legenheit, Sie in München zu treffen. Es würde mir natürlich
auch eine
besondere Freude sein, Sie in Salem begrüßen zu können.
Mit herzlichstem Dank für Ihren freundlichen Brief und den Aus-
druck Ihrer mir so wertvollen Gesinnung.
Ihr sehr ergebener
gez. Max Prinz von Baden.
Salem, den 3. Dezember 1922.
Mein lieber Graf!
Für die Uebersendung des Auszugs aus Friedrich Rudolf Zenkers
Machwerk danke ich Ihnen vielmals. Die Sache ist so sinnlos und lächer-
lich, daß ich beinahe glaube, General Groener tut ihr zu viel Ehre
an,
wenn er Strafantrag stellt. Ich habe neulich in einem ähnlichen Fall
nach Beratung mit Reichsgerichtspräsidenten Simons die Stellung eines
Strafantrages mit folgender Begründung abgelehnt:
"Auf die Anfrage vom 21. d. M. erwidere ich ergebenst, daß ich
wegen
des Artikels "Das Ehrhardtlied" in Nr. 37 der "Sächsischen
Landeszei-
tung" keinen Strafantrag stelle. Wollte ich jede Publikation verfolgen,
die, statt meine Politik zu bekämpfen, meine Person verunglimpft,
so
würde ich aus den Prozessen überhaupt nicht herauskommen. Meine
Politik gedenke ich vor einem anderen Forum zu vertreten."
(181)
Aus Ihrem Artikel habe ich einen Auszug im "Berliner Tageblatt"
gelesen. Es ist mir eine große Genugtuung, daß Sie in so überzeugender
und kraftvoller Weise die damalige Linie verteidigen, die ja auch die
Ihre war und auf der alleine die Monarchie gerettet werden konnte. Ich
freue mich deshalb sehr auf den ganzen Artikel, in der mir in Aus-
sicht gestellten Nummer des "Demokratischen Deutschland" und
danke
Ihnen im voraus dafür.
Mit bestem Gruß,
Ihr sehr ergebener
gez. Max Prinz von Baden.
Salem, den 8.9.26.
Mein lieber Graf!
Es gereicht mir zur großen Freude, ganz mit Ihren Ansichten über-
einzustimmen. Die Notwendigkeit, das Gefüge des Staates vor Erschütte-
rungen zu bewahren, muß jedem klar werden, der beobachtet, wie viel
Aufruhrstoff noch in den Massen ist, und wie groß die Gefahr, daß
es
bei einem neuen Umsturz nicht wieder gelingen möchte, die ordnungs-
liebenden Elemente zum Sieg über den bolschewistischen Machthunger
zu führen. Ich habe gerade in letzter Zeit darüber sehr interessante
Nachrichten erhalten. Darum scheint auch mir der Gedanke, einen Mit-
telblock zu schaffen, der stabil genug wäre, um bei Koalitionen nach
rechts oder nach links sich als der führende Teil zu erhalten, eine
allein aussichtsreiche Lösung zu sein.
Ich habe schon lange ähnliche Gedanken gehabt. Es scheint mir das
Problem zu sein, die Katholiken zu sprengen, um einen Teil des Zen-
trums, der nicht der Proletarierpartei Wirths beitreten möchte, zu
dem
Mittelblock hinüberzuziehen. Dazu ist Vorbedingung, daß man
das Zen-
trum nicht erschreckt, und ich gebe zu bedenken, ob nicht ein Partei-
name, der das Wort "Liberal" enthält, Kulturkampf-Reminiscenzen
auf-
tauchen läßt. Ich hatte schon einmal die Hoffnung, die Ruhrbesetzung
würde die Deutschen zusammenschweißen, damals sagte ich in einer
Rede: die neue Einheitspartei sollte sich nennen: christlich-national,
denn
sie würde weder dem Zentrum allein die Vertretung der christlichen
Idee, noch den Deutsch-Nationalen allein die der nationalen Gesinnung
überlassen.
Ich habe gewartet, daß diese große Partei komme sollte, und
Ihr Brief
hat mich mit einer Hoffnung erfüllt, daß sie vielleicht endlich
auf dem
Marsch ist.
Stets Ihr sehr ergebener
gez. Max Prinz von Baden.
(182)
Auf den 9. November folgten recht traurige Tage. Bei uns herrschte
völlige Anarchie, die nur allmählich unterdrückt werden
konnte. Für das
ordnungsliebende deutsche Volk war dies eine eigentümliche Erfahrung,
die nicht ohne Einfluß auf die spätere historische Entwicklung
geblieben
ist. Monatelag wurde auf den Straßen Berlins geschossen. Wenn ich
von
dem Hôtel Adlon zum Auswärtigen Amt ging, mußte ich mich
an den
Häusern entlang drücken. In demselben Hôtel wohnten Fürst
und
Fürstin Bülow, die bald von dem Mittelpunkt der Stadt fortzogen,
um
mehr Ruhe zu haben. Meine Frau hatte sich in Berlin wieder mit mir
vereinigt, nachdem der Zusammenbruch der Türkei eine Trennung not-
wendig gemacht hatte. Wir bewohnten Zimmer, deren Fenster nach dem
Hofe hinausgingen, während das Ehepaar Bülow auf den Pariser
Platz
blicken konnte. Unsere Zimmer waren naturgemäß im November sehr
dunkel, und als Bülows auszogen, wollte meine Frau gern deren Zimmer
nehmen, die wir mit Herrn Louis Adlon besichtigten. Wir standen alle
drei mitten im Zimmer, als eine Gewehrkugel durch das Fenster ge-
flogen kam und den Spiegel über dem Kamin zertrümmerte. Nach
die-
sem Erlebnis wünschte meine Frau in unseren Hofzimmern zu bleiben.
Zwei Erinnerungen aus jener Zeit sind mir besonders lebendig ge-
blieben: einmal der Tag der Beisetzung der Opfer der Revolutions-
kämpfe, wo die rote Fahne zwei Stunden lang auf dem ehrwürdigen
alten Gebäude des Auswärtigen Amtes flog, und während dieser
Zeit alle
Beamten als Proteststreik das Haus verließen. Es war dies das erste
und
letzte Mal in meinem Leben, daß ich mich an einem Streik beteiligte.
Ferner der Tag, wo die Kommunisten, die damals Spartakisten hießen,
sich der Stadt und der Regierung bemächtigen wollten und stark be-
waffnet an den beiden Eingängen zur Wilhelmstraße standen, während
die Reichsregierung keine Truppen zur Verfügung und deshalb die ganze
sozialdemokratische Partei auf die Straße gerufen hatte.
Die Wilhelmstraße war schwarz von Menschen, darunter viele Frauen,
und alle standen Kopf an Kopf dicht gedrängt ohne Waffen von "Unter
den Linden" bis zur Leipziger Straße, ein imposanter Anblick.
Der
Deutsche ist wirklich kein Revolutionär, wenn er auch in der Politik
auf Abenteurer und Hochstapler hineinfällt. Die Spartakisten schossen
nicht, und damit war die Entscheidung gefallen, daß Deutschland keine
Sowjetrepublik werden sollte. Wir alle, die jene Zeit mitgemacht haben,
mußten wohl täglich Seelen- und Gewissenskämpfe durchmachen.
Die
Sowjets sandten schon damals viele Funksprüche in die Welt, die sie
an den Volksbeauftragten Haase richteten und die im Auswärtigen
Amte mitgelesen wurden. Einer dieser Funksprüche hat mich damals
stark beeinflußt. Er lautete dem Sinne nach: "Wenn ihr eine
durch-
greifende Revolution machen wollt, müßt ihr alle alten Beamten
weg-
jagen. Wenn diese bleiben, wird die Revolution mißlingen."
So klar war es mir vorher nicht gewesen, daß es die Pflicht aller
Be-
(183)
amten sei, im Dienst zu bleiben, um die Ordnung möglichst bald wieder
herzustellen, und nur der Gewalt zu weichen, bis wir dieses Ziel er-
reicht hatten.
Damit war kein Richterspruch vor dem Forum der Weltgeschichte
gesprochen, daß der Kaiser uns des Eides entbunden hatte. Die Frage,
die zu entscheiden war, hieß: Wo liegt das Heil für unser Volk
und Vaterland? Damals hatte ich keinen Zweifel, daß die Republik
die einzige Möglichkeit war. Rückblickend muß ich ja leider
zugeben,
daß sie sich als regierungsunfähig erwiesen hat, weil sie abgesehen
von
dem elenden Druck durch das Ausland, nicht die genügende Zahl
entsprechender Männer produzierte. Friedrich Ebert hat Großes
ge-
leistet, indem er die Ordnung wieder herstellte, und Gustav Strese-
mann war der einzige Deutsche, der bisher die Fähigkeit bewies,
Deutschland wieder eine Stellung in der Welt zu erobern. Beide Männer
konnten aber nicht ersetzt werden, als Krankheit sie dahinraffte. Schon
von Anfang an verliefen die Personalfragen nicht glücklich. Prinz
Max
hatte zuerst Konrad Haussmann an die Spitze der Waffenstillstandskom-
mission stellen wollen. Warum dann Erzberger die traurige Fahrt nach
Compiègne unternehmen mußte, weiß ich nicht, doch wäre
Haussmann
dazu geeigneter gewesen, wenn man nicht das einzig Richtige tat, die
Sache rein militärisch aufzuziehen. Erzberger die Waffenstillstandskom-
mission übergeben, hieß von vornherein eine Nebenregierung schaffen,
denn er war nun einmal ein Arbeitsmarder. Er konnte von keiner Sache
hören, ohne sie selbst erledigen zu wollen. Was immer von ihm und
über
ihn gesagt worden ist, er war sehr intelligent, fleißig und ein warmer
Patriot katholischer Färbung. Sein unglückliches Ende hat er
nicht
verdient, wenn er auch nicht die Vorbildung und die Kinderstube hatte,
um alle die großen Dinge zu gutem Ende zu führen, die er unternahm.
Falls er am 9. November in Berlin gewesen wäre, hätte er sicher
irgend
einen energischen Schritt unternommen, um die Revolution zu verhin-
dern. Er war aber an dem Tage schon auf dem Wege nach Compiègne.
Damit begann der Kampf zwischen dem Auswärtigen Amte und der
Waffenstillstandskommission, ein Kampf, der sich bald zu einem per-
sönlichen Duell zwischen Erzberger und meinem Vetter Ulrich Brock-
dorff-Rantzau entwickelte, in welchem schließlich der letztere unterlag.
Wie immer in solchen Fällen kann die Weltgeschichte heute nicht
mehr entscheiden, wer recht gehabt hat. Ich hatte mich leider zwischen
die beiden Protagonisten eingeklemmt, indem ich nach dem Rücktritt
des Prinzen Max noch im Auswärtigen Amt blieb, was ich nicht
hätte tun sollen, da in dem damaligen Deutschland in einer Beamten-
stellung keine Politik zu machen war. Selbst Rantzau als Minister ist
schließlich daran gescheitert, daß er in der Nationalversammlung
keinen
Rückhalt hatte. Ich sollte die Friedensverhandlungen auf Wunsch von
Solf vorbereiten, ein Wunsch, dem sich dann Rantzau anschloß. Diese
(184)
Vorbereitungen waren indessen eine höchst unnötige Beschäftigung,
da
tatsächlich doch keine Friedensverhandlungen stattfanden. Wir wollten
diese groß aufziehen wie eine Genfer Abrüstungskonferenz mit
Rede und
Gegenrede, während wir uns tatsächlich Siegern gegenüber
befanden,
die noch ausschließlich haßerfüllt und rachsüchtig
waren. Clemenceau
dachte garnicht daran, sich die Siegesfreude verderben zu lassen oder
die Welt wieder aufzubauen. Wie sein Vorfahre Brennus hatte er nur
einen Gedanken, nämlich "Vae victis". Er trägt daher
auch in erster
Linie die Schuld, wenn wir heute noch in einer verrückten Welt leben.
Seit Versailles hat sich kein Staatsmann gefunden, der die Dame Europa
aus den Gleisen Clemenceaus herausführte. Diese Dame hatte bekannt-
lich schon als "mythologische Frau" einen üblen Ruf, da
sie sich von
einem Ochsen entführen ließ. Bei der Stimmung des Hauptgegners
war
wirklich eine Vorbereitung der Verhandlungen, wie wir sie betrieben,
z. B. mit vierzig Sachverständigen, garnicht am Platze. Nicht einmal
Talleyrand hätte in Versailles etwas erreicht. Ein Freund erinnerte
mich
kürzlich daran, daß ich damals immer gesagt hätte: "Wenn
ich nach
Versailles fahren müßte, würde ich keine Delegation, sondern
nur einen
Hofrat mitnehmen." Dieser Kelch ging aber an mir vorüber.
Rantzau war sehr begabt und intelligent, aber er hatte schwere Be-
lastungen, nämlich sein ungewöhnlich starkes Mißtrauen,
das an Ver-
folgungswahn grenzte, und seine Unfähigkeit, auch nur die kleinste
freie
Rede in größerem Kreise zu halten. Dazu kam seine persönliche
Empfind-
lichkeit, die jede sachliche Differenz zu einer persönlichen werden
ließ.
Wenn er von jemandem sprach, sagte er nie: "der ist dieser oder jener
Ansicht", sondern "der ist für mich oder gegen mich".
Zu jener Zeit nahm Rantzau mich immer mit in die Kabinettssitzun-
gen, wenn Friedensfragen auf der Tagesordnung standen. Er war ein
Spätaufsteher, da er die Nacht zum Tage machte. Erzberger dagegen
hatte schon stundenlange Arbeit hinter sich, wenn er im Kabinett um
10 Uhr erschien, voller Gedanken und Vorschläge, über die immer
Differenzen entstanden, da Rantzau Aufschub bis zum nächsten Tage
verlangte, um sich vorzubereiten.
VI. Kapitel
VÖLKERBUND
In den Wintermonaten zwischen der deutschen Revolution und dem
Versailler Vertrage baute man in Berlin große Hoffnungen auf den
Völkerbund. Wer einmal die Geschichte Europas nach dem Weltkriege
ausführlich schreiben wird, dürfte sich wundern, wie unfreundlich
das
Geschick den Gedanken des Wiederaufbaus behandelt hat. Die beiden
Seiten stehen sich in der Gesinnung noch heute gegenüber, als dauerte
der Krieg fort, weil der erhoffte "beau geste" der Sieger immer
zu
spät oder garnicht erfolgte. Ich kann nur ein Teilbild geben, wie
ich
es miterlebt habe, aber zweimal mindestens wäre nach meinen Erfah-
rungen eine vollkommene Aussöhnung der Welt möglich gewesen.
Gleich
nach dem Kriege, bevor man uns die Tür des Völkerbundes in das
Ge-
sicht zuschlug, und nach der Begegnung von Thoiry.
In meiner Eigenschaft als langjähriger Präsident der noch vor
der
Gründung des Völkerbundes geschaffenen "Deutschen Liga für
Völker-
bund", kann ich mich darauf berufen, daß der Völkerbundsgedanke
in
Deutschland schon zu einer Zeit wirksam war, als der gegenwärtige
Völkerbund noch nicht bestand, und daß man in Deutschland, wie
unser
in Versailles vorgelegter Entwurf beweist, in der zielbewußten Ver-
wirklichung des Völkerbundsgedankens erheblich weiter gehen wollte,
als der gegenwärtige Völkerbundspakt. So scheint es mir auch
weiter-
hin eine wesentliche deutsche Aufgabe zu sein, für die Vertiefung
des
Völkerbundsgedankens und die Vervollkommnung des heutigen Völker-
bundes zu wirken und die Lücken, die er hier und da aufweist, nicht
als Vorwand für eine Abkehr vom Völkerbund, sondern als Ansporn
zu
seinem tatkräftigen Ausbau anzusehen.
Die erste Abweisung Deutschlands durch den Völkerbund hat bei uns
die Stimmung bis Thoiry sehr nachteilig, wahrscheinlich sogar entschei-
dend beeinflußt. Als die "Deutsche Liga für Völkerbund"
nach der Revo-
lution in Berlin gegründet wurde, fanden sich alle ein, die guten
Willens
waren und an den Wiederaufbau glaubten. Es war ein Traum! Dann
folgte in Deutschland ein stetiges Sinken der Aktien des Völkerbundes,
die beinahe auf Null standen, als ich nach Erzbergers Rücktritt zum
Präsidenten der Liga gewählt wurde. Meine damaligen Auffassungen
wiederzugeben, wäre nicht so einfach nach allem was seitdem gesche-
hen ist, wenn nicht ein von mir gezeichneter Artikel vorläge, den
ich
als neugewählter Präsident der Presse gab und der hier folgt:
(214)
"Wie jeder ernste einzelne Politiker für eine sittliche Idee
eintreten
und gleichzeitig praktische Ziele verfolgen muß, so will auch die
Liga
ein Ideal hochhalten und die deutsche auswärtige Politik in einer
be-
stimmten praktischen Richtung beeinflussen. Das Ideal ist die Herstel-
lung eines wahren Völkerbundes, über dem die Majestät des
Rechts
thront, und der auf Grund einer vollen Durchführung des Selbstbestim-
mungsrechts der Völker jeder Nation das ihrige gibt und eine allge-
meine Abrüstung ermöglicht. Unsere Gegner erklären dieses
Ideal für
eine Utopie. Selbst unser großer Kant hat gesagt: "Der Friedenszustand
unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der
vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d.h. wenn gleich nicht immer
ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit
demselben. Er muß also gestiftet werden." Gewiß wären
wir Utopisten,
wenn wir glaubten, den ewigen Frieden schon am nächsten Donnerstage
herstellen zu können. Der ewige Friede ist ein Ideal, das wie alle
sitt-
lichen und religiösen Ideale auf Erden niemals realisiert werden dürfte.
So oft das Ideal in menschlicher Gestalt unter uns wandelte, "hat
man
es von je gekreuzigt und verbrannt". Das hindert aber nicht, daß
das
Streben nach dem Ideal den besten Inhalt des Menschen- und Völker-
lebens ausmacht, und daß die Weltgeschichte als das ständige
Empor-
arbeiten der Menschheit zu der Verwirklichung einer sittlichen Idee zu
betrachten ist.
Wer nicht aus sittlichen Motiven den Rechtsgang an die Stelle des
Waffenganges setzen will, wer nicht an die Idee des Völkerbundes glaubt,
sondern sie für eine Utopie hält, der sollte doch wenigstens
als prak-
tischer deutscher Politiker einsehen, daß das Streben nach einem
wahren
Völkerbunde für uns die einzige Rettungsmöglichkeit bietet,
und daß
eine anders gerichtete deutsche auswärtige Politik keinerlei Aussichten
auf Erfolg bietet.
Lord Grey, der den Vorsitz der englischen Liga für Völkerbund
über-
nommen hat, sagte kürzlich in einer Rede, die Hauptlehre des Weltkrieges
bestehe darin, daß man nicht wie früher lediglich national empfinden
dürfe, sondern auch internationales Gefühl haben müsse.
In dieser
Aeußerung spricht sich die Erkenntnis aus, daß der Weltkrieg
selbst
demjenigen Volke, welches durch denselben am meisten gewonnen hat,
mehr Schaden als Vorteil brachte. Die gegenwärtigen Leiden der Welt
sind eben so groß, daß sie nur auf internationalem Wege und
durch
internationale Mittel geheilt werden können. Einzelne Staaten erscheinen
der heutigen Katastrophe gegenüber machtlos. Die Lord Grey aufge-
gangene Erkenntnis tut uns noch viel mehr bitter not, denn der Wie-
deraufbau Deutschlands, unsere große Hoffnung und unser höchstes
politisches Ziel, kann, so bitter diese Wahrheit auch schmecken mag,
nicht ohne fremde Hilfe verwirklicht werden. Internationales Emp-
finden läßt sich sehr gut mit starkem Nationalgefühl verbinden,
wie
(215)
die Zeit der schönsten Blüte deutschen Geisteslebens bewiesen
hat. Der
klassische Idealismus schuf erst das deutsche Nationalgefühl, das
er
aber mit der Erkenntnis des Weltbürgertums verband.
Die Idee des Völkerbundes hat durch die Friedensbedingungen und
die Verfassung von Versailles so schweren Schaden gelitten, daß die
Mehrzahl der Deutschen heute resigniert auf den Völkerbund als eine
Utopie verzichten zu müssen glaubt, obgleich diese Idee nach der Revo-
lution fast allgemeinen Anklang gefunden hatte. Auch die Tatsache,
daß Wilson, der uns in Versailles eine so schwere Enttäuschung
berei-
tete, bisher der Hauptvorkämpfer des Völkerbundes gewesen ist,
beein-
flußt die deutsche öffentliche Meinung gegen diese Idee. Wir
dürfen
aber nicht vergessen, daß trotz aller Mängel seiner gegenwärtigen
Ver-
fassung doch der Völkerbund zum ersten Male in der Weltgeschichte
politische Wirklichkeit geworden ist - der Völkerbund, den der Königs-
berger Philosoph Kant als deutschen Begriff geprägt und als Mensch-
heitsideal gefordert hat. Die Tatsache, daß Wilson aus diplomatischer
oder geistiger Unzulänglichkeit in Versailles seinen Idealen untreu
ge-
worden ist, darf für uns kein Grund sein, unsere Auffassungen und
Ansichten über die Völkerbundsidee zu ändern. Mag uns die
Haltung
Wilsons in Versailles noch so sehr enttäuscht haben, mag die heutige
Verfassung des Völkerbundes noch so wenig den Idealen entsprechen,
welche der Präsident selbst früher aufgestellt hatte, der Gedanke
des
Völkerbundes lebt trotz alledem und wird sich durchsetzen trotz der
Unpopularität, die er gegenwärtig in Deutschland erleidet, weil
es für
uns und für die ganze Welt kein anderes Heilmittel gibt.
Ich halte es für die Aufgabe der deutschen auswärtigen Politik,
den
Kampf für den Völkerbundsgedanken da aufzunehmen, wo Wilson ihn
seinen Händen entgleiten ließ. Vielfach wird der Einwand erhoben,
daß
Deutschland keine auswärtige Politik mehr treiben könne, weil
es keine
Macht habe. Gewiß ist zur Durchführung politischer Gedanken
Macht
erforderlich. Doch braucht diese Macht nicht ausschließlich eine
mili-
tärische zu sein. Denken wir daran, wieviel es uns in dem Weltkriege
geschadet hat, daß wir politisch rückständig waren, und
die Macht der
Ideen in der ganzen Welt gegen uns focht. Eine tiefe Kluft gähnte
zwischen der archaischen politischen Romantik des deutschen Obrigkeits-
staates und dem aufklärenden Zeitgeiste Westeuropas, wo sich das eng-
lische Puritanertum mit dem Geiste der französischen Revolution ver-
mählt hatte. Denken wir ferner an die starke propagandistische Wir-
kung, die sehr zu unserem Schaden ausgeübt wurde, einerseits von dem
Bolschevismus zu einer Zeit, wo Rußland militärisch gänzlich
macht-
los war, und andrerseits von dem schwachen Belgien, das sich auf ein an
ihm begangenes Unrecht berufen konnte. Die deutsche auswärtige Po-
litik pflegte sich früher den Mächten zuzuwenden, die zum Absterben
verurteilt waren. In Zukunft muß sie eine Politik der Ideen und der
(216)
sittlichen Kraft sein. Mit einer solchen Politik kann ein Volk von 80 Mil-
lionen nicht ignoriert werden, selbst wenn es zerstückelt ist und
weder
eine Armee noch eine Flotte besitzt.
Der große Fehler der Versailler Friedenskonferenz, – und dieser
Fehler wurde in Spa wiederholt – lag darin, daß man über den
Wunsch,
Deutschland zu bestrafen, und über die Beutegier der Sieger die Not
der Welt vergaß. Jedem Deutschen kann nicht dringend genug empfoh-
len werden, die glänzende Darstellung zu lesen, die der Engländer
Keynes
von den Versailler Verhandlungen gegeben hat. Während die ganze
europäische Völkerfamilie in immer tieferes Elend versank, beriet
man
in Versailles über die Forderungen zur Wiedergutmachung in einer
Höhe, die selbst mit Gewalt nicht zu erpressen ist. Anstatt ein groß-
zügiges Programm aufzustellen zu einem gemeinsamen Wiederaufbau
der Welt durch alle Völker, schloß man die Besiegten aus dem
neuge-
schaffenen Völkerbunde aus, der infolgedessen ein Torso und eine gegen
Deutschland gerichtete Allianz geblieben ist. Die Schöpfung würde
in-
dessen durch den Eintritt Deutschlands und aller anderen Staaten völ-
lig geändert werden. Der Kampf für die Reform des Völkerbundes
bietet
ein Feld für eine aktive auswärtige Politik, die ja vielfach
bei uns ge-
fordert wird. Eine solche Aktivität könnte nicht einmal bei der
miß-
trauischen Entente Anstoß erregen und würde uns die verlorenen
Sym-
pathien der ganzen Welt zurückgewinnen.
Den radikalen deutschen Parteien auf der Linken und rechten Seite
kann das Programm der Völkerbundliga nicht gefallen. Der Linksradi-
kalismus hofft auf die Weltrevolution, welche den Versailler Frieden
über den Haufen werfen soll, während ein reformierter Völkerbund
die
demokratische Evolution zum Dogma erheben wird. Der Rechtsradikalis-
mus dagegen glaubt, daß der Völkerbund mit seinen völkerversöhnenden
Tendenzen dem Nationalismus und damit der Reaktion den Todesstoß
versetzen wird. Wenn indessen die Flut des Nationalismus bei uns noch
mehr steigen und uns überschwemmen sollte, wird die Entente nicht
so naiv sein, uns zu Kräften kommen zu lassen, während wir immer
daran festhalten müssen, daß wir in der sittlichen und wirtschaftlichen
Wiedergeburt des deutschen Volkes das Hauptziel unserer Politik zu
sehen haben. Anderenfalls werden wir immer Objekt und nicht Subjekt
der Politik sein, und würde selbst der Zerfall der Entente unsere
Lage
nicht verbessern. Es kommt noch hinzu, daß wir den einmal unterschrie-
benen Friedensvertrag nach bestem Können und Gewissen erfüllen
wol-
len. Das fordert die Loyalität und Ehrlichkeit, welche die Losung
unserer
Politik sein soll. Der Völkerbund ist aber ein Teil des Friedensvertrages
und, trotz aller Mängel, noch immer der beste Teil, denn er enthält
für
uns wenigstens eine Hoffnung, die sonst überall in dem Vertrage fehlt.
Nach den ausdrücklichen Bestimmungen des Versailler Friedens soll
der Völkerbund diesen Frieden von Zeit zu Zeit revidieren. Durch den
(217)
Eintritt in den Völkerbund werden wir die Gleichberechtigung mit allen
Nationen erhalten. Erst durch diese Gleichberechtigung und Gegenseitig-
keit wird es möglich sein, eine Weltwirtschaft aufzurichten, die unbe-
dingt erforderlich ist, um die Beziehungen der Länder untereinander
wieder auf eine ersprießliche Basis zu bringen. Diese Weltwirtschaft
kann nur auf dem Boden des Völkerbundes erblühen, und nur auf
diesem
Boden werden uns wirtschaftliche Hilfsquellen erwachsen, die uns die
verlorenen Gebiete einigermaßen werden ersetzen können. Der
Völker-
bund muß eine internationale Weltwirtschaft organisieren, in die
Deutschland eingefügt wird, weil unsere durch den Friedensvertrag
ge-
fährdete Lebensfähigkeit auf anderem Wege nicht gesichert werden
kann.
Diese Weltwirtschaft muß eine Organisation der schaffenden Arbeit
sein.
Die höchste Steigerung der Produktion Deutschlands ist erforderlich,
um seinen Fortbestand zu sichern. Das gleiche gilt von allen anderen
Ländern. Die Idee der wirtschaftlichen Gemeinschaft der ganzen Mensch-
heit und der Ausdehnung des freien Verkehrs zwischen allen Völkern
der Erde muß die Wirtschaftpolitik des Völkerbundes beherrschen.
Die meisten unserer politischen Ideale sind durch den Weltkrieg zer-
trümmert worden. Mit ganzem Herzen hängen wir aber noch an dem
uns gebliebenen idealen Gedanken der Einheit des deutschen Volkes.
Indessen ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein Grundprinzip
der Völkerbundsidee. Das Bekenntnis zu dieser Idee gibt uns also das
Recht zu fordern, daß das Selbstbestimmungsrecht ebenso für
uns gel-
ten soll wie für alle anderen Nationen, und auf Grund dieser Idee
müs-
sen wir auch von den widerwilligen unter unseren bisherigen Feinden
die Anerkennung der historischen Tatsache abringen, daß das deutsche
Volk, soweit die deutsche Zunge klingt, eine nationale Einheit ist, die
nur zeitweilig im Laufe unserer Geschichte durch dynastische Politik
gelockert wurde."
Ich war mir bei der Gründung der "Liga für Völkerbund"
vollkommen
bewußt, daß diese in Deutschland nur wenig Arbeit würde
leisten
können. Der Deutsche ist gewohnt, die Politik und namentlich die aus-
wärtige, seiner Regierung zu überlassen und sich selbst vorzubehalten,
hinterher, meistens, wenn es schon zu spät ist, um Fehler zu vermeiden,
die Schale seines Zornes über die gerade führenden Herren zu
gießen.
An dieser bedauerlichen politischen Sinnesrichtung haben weder das erste
noch das zweite noch das dritte Reich irgend etwas geändert. Die nächste
deutsche Republik wird wie die vorige den Versuch machen müssen,
die Deutschen zur Politik zu erziehen. Wer schwimmen lernen will, muß
vorher in das Wasser springen. Wenn ich als Präsident jemanden auf-
forderte, der Liga für Völkerbund beizutreten und für sie
zu arbeiten,
bekam ich fast regelmäßig als Antwort die Gegenfrage: Was sagt
das
Auswärtige Amt dazu?
(218)
Die Liga hatte indessen eine weitere Aufgabe, die nach meiner Auf-
fassung ihre wesentlichste war. Die verschiedenen Ligen waren in einen
Weltverband zusammengeschlossen worden, der nach zwei Richtungen
arbeitet. Er will alle Fragen erörtern, deren sich der Völkerbund
an-
nimmt bezw. annehmen sollte, und er will durch ständige geographische
Abwechslung seiner Kongresse den wahren Völkerbundsgedanken in
alle Länder tragen. Seine Organisation ist der des Völkerbundes
nach-
gebildet, indem eine Generalversammlung, ein Generalrat und ein stän-
diges Bureau bestehen. Letzteres hatte früher seinen Sitz in Brüssel,
jetzt in Genf.
Der Weltverband forderte unsere Liga zum Beitritt auf und lud uns
1921 zur Generalratssitzung in Wien ein, wo die gegenseitigen gesell-
schaftlichen Beziehungen durchaus normal und korrekt waren. Während
bei der interparlamentarischen Konferenz in Stockholm die Franzosen
und Belgier noch fernblieben, um unseren Delegierten nicht zu begeg-
nen, befleißigten in Wien gerade die Franzosen sich besonderer Liebens-
würdigkeit gegen uns, sodaß ganz zwanglose Unterredungen zustande
kamen, wie bisher noch auf keiner der internationalen Konferenzen, die
seit dem Kriege stattgefunden hatten.
Hierbei gewann ich den Eindruck, daß die österreichische Regierung
gut beraten war, als sie ihre Aufnahme in den Völkerbund beantragte.
Sie gewann dadurch die Möglichkeit, ihre Interessen wirksamer zu ver-
treten, als wir es damals zu tun in der Lage waren. Gewiß hatte der
Völkerbund in allen großen politischen Fragen versagt, aber
er bestand
nun einmal und ist berufen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Daran
wird dadurch nichts geändert, daß wir schmollend abseits stehen.
Für
einen Staat kommt es in erster Linie darauf an, seine Interessen zu ver-
treten: "Salus publica suprema lex." Hätten wir, als die
Oberschlesische
Frage an den Völkerbund verwiesen wurde, sofort unsere Aufnahme
beantragt, brauchten wir uns heute nicht den Vorwurf zu machen, daß
wir das wirksamste Mittel, unsere Sache zu fördern, außer acht
ließen.
Es muß jedem einleuchten, daß Polen als Mitglied des Völkerbundes
in
Genf ganz anderen Einfluß auf den Gang der Ereignisse ausüben
konnte
als das abwesende Deutschland. "Les absents ont toujours tort,"
sagt
das französische Sprichwort. Außerdem entstand in allen Völkerbunds-
kreisen eine starke Verstimmung gegen uns, weil wir als prinzipielle
Gegner des Völkerbundes galten und weil wir unsere Aufnahme nicht
beantragt hatten. Solche Imponderabilien beeinflussen selbstverständ-
lich auch die Entschließungen des Völkerbundes.
Der Verlauf der Sitzung des Weltverbandes befestigte mich in dem
Entschlusse, mich künftig in erster Linie den Arbeiten der deutschen
Liga und des Weltverbandes zu widmen – Arbeiten, die ich für sehr
nützlich für den Wiederaufbau und für die deutschen Interessen
hielt,
namentlich in der Frage der nationalen Minderheiten. Die Stellung als
(219)
Präsident unserer Liga war sehr schwierig, da diese ebenso wie der
Welt-
verband eine rein private Vereinigung war, die aber bei ihrer Geburt den
Segen der Regierung erhalten hatte.
Dieser Segen war auch ein materieller, indem die Liga eine Subven-
tion erhielt, ohne die sie bei der allgemeinen Verarmung nicht leben
konnte. Ich mußte mich als Präsident hindurchwinden durch meine
eigenen Auffassungen, die des Auswärtigen Amtes, der Liga und des
Weltverbandes. Wie sich ein Witzbold ausdrückte, wollte das Auswärtige
Amt sich natürlich nicht einen Hund halten, der es selbst in die Beine
biß. Ich erwähnte schon oben, daß der damalige Minister
Rosen ein
Gegner der gesamten Völkerbundsidee war. Er vertrat den Standpunkt,
wir dürften keine Liga haben, damit diese nicht im Auslande den Ein-
druck erweckte, daß die deutsche Regierung in den Völkerbund
ein-
treten wollte.
Unter den eben geschilderten Verhältnissen ist es wirklich ein Wun-
der, daß ich zehn Jahre Präsident der Liga sowie zeitweilig
Vizepräsi-
dent und Präsident des Weltverbandes sein konnte, ohne daß jemals
ein
ernster Konflikt eintrat. Allerdings hatte ich über dreißig
Jahre dem
Auswärtigen Amte angehört und daher ausgezeichnete, zum Teil
freund-
schaftliche Beziehungen zu den zuständigen Herren. Außerdem
gelangte
Stresemann bald zur Macht, mit dem ich bis zu seinem tief bedauerlichen
Ableben in vollster Harmonie gearbeitet habe.
Ich erwähnte oben, daß die Frage der nationalen Minderheiten
beson-
ders eifrig von der Liga gepflegt wurde, die schon deshalb ein morali-
sches Anrecht auf Förderung seitens der Regierung hatte. Diese Frage
führte auf dem Prager Kongreß des Weltverbandes zu sehr lebhaften
Verhandlungen, die beinahe eine Auflösung des Weltverbandes veran-
laßten, aber schließlich die Folge hatten, daß sich die
Ligen als aner-
kannte Schützer der Minderheiten konstituierten.
Im Verlauf des Kongresses empfing uns Präsident Masaryk im Hrad-
schin, wohl einem der schönsten Punkte der Erde. Ich war auf diese
Be-
gegnung sehr gespannt, nachdem wir beide als Gegner auf dem ameri-
kanischen politischen Kriegsschauplatze mit einander gerungen hatten.
Der Präsident tat das Richtige und Ritterliche, indem er mich in takt-
voller Weise geradeheraus auf unseren Washingtoner Kampf ansprach.
Wäre nur damals die ganze Welt schon soweit gewesen, den früheren
Gegner zu achten! Herr Masaryk schien genau zu wissen, wie nahe ich
daran war, den Kriegseintritt Amerikas zu verhindern.
Wie schön ist Prag, mit seinen Kirchen und Palästen, seinen blühen-
den Akazien an der Moldau, und seinen historischen Erinnerungen! Und
doch! Waren es vielleicht gerade diese Erinnerungen an "Krieg und
Kriegsgeschrei", die auf den Kongreß abfärbten? Reizte
das große Bild
von Huss vor dem Konzil von Konstanz, das über unseren Sitzungen
thronte, zu gleichem Bekennermute? Wie dem auch sei, die Gegensätze
(220)
platzten in allen Verhandlungen mit überraschender Schärfe aufeinan-
der. Indessen war das Ergebnis immer insofern das gleiche, als die Hef-
tigkeit der Rede stets dem Gegner zugute kam. Wie die Tschechen und
Jugoslawen besiegt wurden, weil sie nicht Maß hielten, so ging es
auch
den Griechen und Polen, als sie mit überströmendem Fanatismus
die
Aufnahme der Türken, bezw. der Ost- und West-Ukrainer, in den Welt-
verband bekämpften. Dieser wurde immer mehr zu dem, was der Völker-
bund sein sollte, zu dem Forum, vor dem die Unterdrückten ihre Klagen
anbringen. In der Kommission war die Aufnahme der Türken beinahe
gescheitert, weil man ihre Behandlung der Christen mißbilligte. Nach
der Philippika des griechischen Delegierten im Plenum erfolgte die Auf-
nahme fast einstimmig. Ganz ähnlich erging es den Ukrainern, denen
die Polen in gleicher Weise halfen.
Einen Augenblick gab es, wo sich die ganze Versammlung in ruhiger
Harmonie befand, und zwar als Professor Aulard im Namen der fran-
zösischen Delegation eine Resolution einbrachte, wonach die Aufnahme
Deutschlands in den Völkerbund schleunigst herbeizuführen sei.
Von dieser Zeit ab, 1922, bin ich regelmäßig während der
Völker-
bundsversammlungen nach Genf gefahren. Es lag für mich nahe, an dem
Sitze des Völkerbundes meine Eindrücke über diesen zu vervollständigen.
Als Vorsitzender der deutschen Liga mußte ich Wert darauf legen,
selbst
die Atmosphäre von Genf zu kennen, und ich konnte andrerseits auch
darauf rechnen, zu diesem Zwecke bei den führenden Persönlichkeiten
Eingang zu finden. Von vornherein stand ich dort unter dem schmerz-
lichen Eindrucke, daß wir noch abgesperrt waren von der öffentlichen
Meinung der übrigen Welt. Gleich nach meiner Rückkehr aus Genf
sprach ich auf dem Elberfelder Parteitage über die Frage des Eintritts
Deutschlands in den Völkerbund, und sagte ungefähr folgendes:
"Ich bin mir voll bewußt, daß die letzten Entschließungen
über unsere
auswärtige Politik von dem Leiter derselben intuitiv in camera caritatis
gefaßt werden müssen. Die tiefsten Probleme dieser Politik eignen
sich
auch nicht zu öffentlichen Erörterungen. Indessen sollte in einer
Demo-
kratie sich doch jeder Staatsbürger über die faktisch vorhandenen
Unter-
lagen zu diesen Problemen orientieren. Im vorliegenden Falle ist im
Auslande die Auffassung verbreitet, daß Deutschland hauptsächlich
darum nicht dem Völkerbunde beitritt, weil unsere öffentliche
Meinung
diesen Beitritt nicht wünscht. Ich lasse zunächst dahingestellt,
ob diese
Auffassung richtig oder falsch ist, jedenfalls besteht sie, und damit wird
unserer öffentlichen Meinung eine Verantwortung aufgebürdet,
die sie
nicht tragen kann, ohne sich über die Frage genau zu orientieren.
Ich
kann auch nicht zugeben, daß die Frage des Eintritts Deutschlands
in
den Völkerbund das tiefste Problem der auswärtigen Politik, nämlich
die Frage der westlichen oder östlichen Orientierung entscheidend
be-
(221)
einflußt. Der heutige Völkerbund ist noch keine überstaatliche
Organi-
sation, sondern nur ein Mittel zu diplomatischer und politischer Betä-
tigung. Ebensowenig kann ich anerkennen, daß der Rapallo-Vertrag
das
erwähnte tiefste Problem betroffen oder auch nur der künftigen
Ent-
scheidung hierüber präjudiziert hat. Der Rapallo-Vertrag ist
ein Frie-
dens- und Handelsvertrag, der in dieser Hinsicht als mustergiltig be-
zeichnet werden kann. Wenn er mehr, wenn er gar eine östliche poli-
tische Orientierung bedeutete, so würde er ein grober politischer
Fehler
gewesen sein, denn es muß doch jedem einleuchten, daß die Lösung
der
Reparationsfrage – die Forderung des Tages – unmöglich wäre,
wenn
wir uns politisch östlich orientierten. Unsere öffentliche Meinung
muß
sich darüber klar werden, daß wir zunächst das Reparationsproblem
lösen, und daß wir zu diesem Zwecke uns mehr als bisher politisch
und
diplomatisch betätigen müssen, denn unsere Stellung in der Welt
kann
nur auf diesem Wege wieder gewonnen werden. Lediglich auf dem wirt-
schaftlichen Wege läßt sich das Ziel nicht erreichen. Das können
wir
durch ein liebevolles und eingehendes Studium der Bismarckschen Diplo-
matie lernen, wenn auch selbstverständlich dessen Entscheidungen in
einzelnen Fragen historisch bedingt waren und daher heute nicht mehr
maßgebend sein können. Unsere wirtschaftliche Not, so groß
sie auch
ist, darf uns nicht an der Erkenntnis hindern, daß diplomatische
Arbeit
getan werden muß, um unsere Stellung in der Welt wieder zu erringen.
Die Frage unseres Eintritts in den Völkerbund ist deshalb aktuell
ge-
worden, weil England uns wiederholt dazu aufgefordert hat, und weil
die stärkste Partei des Reichstages, die sozialdemokratische, die
Regie-
rung in einer Resolution ersucht hat, eine solche auswärtige Politik
zu
treiben, die zum Eintritt in den Völkerbund führte. Dieser hat
sich in
seiner letzten Tagung schon im voraus bereit erklärt, das Reparations-
problem zu übernehmen, und hat sich damit zum ersten Male zu der ihm
ursprünglich zugedachten Hauptaufgabe bekannt, nämlich zu der
zeit-
weilig notwendig werdenden Revision der Friedensverträge. Ob hierin
ein Fortschritt liegt, müssen die zukünftigen Verhandlungen lehren.
Es
geht aber nicht an, daß Deutschland noch einmal, wie bei der oberschle-
sischen Entscheidung, in einer lebenswichtigen Frage ungehört verur-
teilt wird. Wenn wir damals in dem Völkerbunde gleichberechtigt an-
wesend gewesen wären, so würde die Entscheidung sicher günstiger
für
uns ausgefallen sein, vielleicht nur ein wenig, aber sicher besser, als
bei
der Verurteilung in contumacium. Wenn wir auch nur tausend Deutsche
vor dem traurigen Schicksale des polnischen Jochs bewahrt hätten,
so
würde das schon den Eintritt in den Völkerbund gerechtfertigt
haben.
Die Frage des Völkerbundes läßt sich vom pazifistischen,
vom völker-
rechtlichen und vom politischen Standpunkte aus betrachten.
Der Pazifismus hat, wie das bei einem militärisch erzogenen Volke
nicht anders möglich war, bei uns immer wenig Boden gefunden. Jetzt
(222)
ist er vollends diskreditiert, weil er weder den Krieg zu verkürzen,
noch
die Friedensverträge oder den Völkerbund nach seinen Idealen
zu gestal-
ten vermochte. Der Politiker kann daher, auch wenn er selbst den Pazi-
fismus als das Ideal betrachtet, heute noch nicht seine Maßnahmen
nach
diesem Ideal formen, denn rings um uns herrscht der Imperialismus.
Darum dürfen wir aber den Pazifismus nicht verachten, ebensowenig
wie
wir die Religion als Ideal um deswegen weniger schätzen, weil die
Berg-
predigt in den Kämpfen des Alltags nicht als bindendes Gebot betrachtet
wird. Die pazifistische Stimmung ist in allen Völkern im Wachsen be-
griffen. Das haben wir vor dem Kriege nicht verstanden und infolge-
dessen in der Schiedsgerichts und Abrüstungsfrage Obstruktion getrie-
ben, die uns in den Ruf brachte, den Krieg als das ideale Mittel der
Politik zu betrachten. Wenn wir diesen Ruf nicht gehabt hätten, läge
jetzt die Schuldfrage ganz anders, und es wäre auch nicht möglich
ge-
wesen, die ganze Welt und insbesondere Amerika gegen uns in das Feld
zu rufen. Unsere Mißachtung des Pazifismus hat uns daher großen
Schaden gebracht, vielleicht sogar unsere Niederlage verschuldet. Die
Staatsmänner der Entente haben immer dem Pazifismus ihre Huldigung
dargebracht, weil sie der öffentlichen Meinung ihrer Länder diese
Kon-
zession machen mußten, selbst wenn sie imperialistische Maßregeln
be-
fürworteten. Während die Türkei, von einer Macht der Entente
gegen
die andere finanziert und ausgerüstet, den unsinnigen Porzellanfrieden
von Sèvres zersprengen darf, wird das waffenlose Deutschland auf
Grund des ebenso unsinnigen Friedens von Versailles weiter miß-
handelt. So kann die Entente wahrlich das deutsche Volk nicht zum
pazifistischen Ideal bekehren. Wir verlangen erst Gerechtigkeit und
wahre Selbstbestimmung der Völker, dann Pazifismus. Deshalb ist das
pazifistische Ideal auch kein zureichender Grund, um unsrerseits einen
Antrag um Aufnahme in den Völkerbund zu stellen. Ausschlaggebend
sind andere Motive. Immerhin dürfen wir nicht ein ähnliches Odium
auf uns laden wie vor dem Kriege.
Mit der Fortbildung des Völkerrechts durch den Völkerbund, das
heißt
mit einer Organisation des Rechtsgedankens wäre wohl jeder Deutsche
einverstanden, aber die Gegner unseres Eintritts in den Völkerbund
sind
der Ansicht, daß wir dadurch in der Freiheit unserer Entschließungen
zu sehr beschränkt werden würden. Darin liegt meines Erachtens
eine
Ueberschätzung des heutigen Völkerbundes. Wir sehen doch, wie
wenig
die anderen Staaten sich durch den Völkerbund einschränken lassen.
Infolge der verlangten Einstimmigkeit und der allgemeinen politischen
Lage ist der Völkerbund vorläufig nur eine Diplomatenversammlung,
in
der mehr oder weniger wichtige Fragen besprochen und teilweise erledigt
werden. Nur in den Formen des Eintritts unterscheidet sich der Völker-
bund von anderen diplomatischen Konferenzen.
Die politischen Motive sind in der vorliegenden Frage die einzigen
(223)
entscheidenden. Wichtige deutsche Interessen werden dadurch vernach-
lässigt, daß wir in Genf nicht vertreten sind. Alle bisherigen
Sünden
des Völkerbundes zugegeben, so ist zu bedenken, daß die Entente
uns
fortgesetzt durch den Obersten Rat, die Botschafterkonferenz, die Repa-
rationskommission, oder wie sonst ihre schönen Institutionen alle
heißen,
ebensolche Ungerechtigkeiten hat angedeihen lassen. Trotzdem mußten
wir mit ihnen verhandeln, weil jedes andere Vorgehen Selbstmord ge-
wesen wäre. Wir mußten unsere Interessen zu wahren und unser
Recht
zu erkämpfen suchen. Der Kampf ums Recht ist die Losung der deut-
schen Politik. Wenn wir die Einladung nach Genua annahmen, so kann
ich nicht einsehen, warum wir nicht aus denselben Gründen die Einla-
dung Englands nach Genf annehmen sollten. Wir brauchen nur zu ant-
worten, daß wir bereit seien, wenn England dafür sorge, daß
unser Ein-
tritt in den Völkerbund sich in würdigen Formen vollziehe. Nach
meinen
Genfer Eindrücken unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Aufnahme
keinen Schwierigkeiten begegnen würde, und daß uns auch ein
Sitz im
Völkerbundsrate zuerkannt werden würde. Die Schlußrede
des Vorsit-
zenden brachte dies zum Ausdrucke, indem er mit Absicht und Betonung
sagte, es sei noch nie ein Staat abgewiesen worden, der Einlaß begehrt
habe. Selbst wenn Frankreich seinen Widerstand nicht aufgeben sollte,
so läge darin für uns kein Grund, von der Betreibung unserer
Aufnahme
abzusehen. Eine gute auswärtige Politik muß in der Zielsetzung
ideal
gerichtet sein, aber in der Technik derselben kommt es hauptsächlich
darauf an, den Gegner ins Unrecht und sich selbst ins Recht zu setzen.
Wenn Frankreich die Fortbildung und Universalierung des Völkerbun-
des verhinderte, so fiele das Odium auf Frankreich und nicht auf uns.
Das wäre an sich schon ein politischer Gewinn.
Die im Auslande unterdrückten Minderheiten und alle sonstigen ab-
gesprengten Landsleute wünschen dringend unseren Eintritt in den Völ-
kerbund, damit sie dort einen Fürsprecher haben. Wie man auch sonst
über die Genfer Versammlung denken mag, zweifellos wird nirgends so
viel Einfluß auf die öffentliche Meinung der Welt ausgeübt
wie dort.
Und in Genf muß Deutschland schweigen! Als Walter Rathenau in
seinem glänzenden Schwanengesange im Reichstage die Leiden der Saar-
länder schilderte, schwebte mir gleich der Gedanke vor, wie anders
die
Wirkung gewesen wäre, wenn diese Rede hätte in Genf gehalten
werden
können. Die Reden deutscher Staatsmänner werden im Auslande nur
verstümmelt oder garnicht gelesen, unsere Zeitungen noch weniger,
und unsere Diplomaten leiden noch unter der Absperrung durch die
Kriegspsychose. Gilt es da nicht, jede Gelegenheit zu benutzen, um die
deutsche Stimme zu Gehör zu bringen?"
Was auch immer die Gründe der deutschen Regierung waren, der Ver-
such wurde nicht gemacht, durch den Eintritt in den Völkerbund die
(224)
französische Invasion zu verhindern und die Reparationsfrage zu lösen.
Jetzt läßt sich nicht mehr sagen, ob Poincaré seinen
vertragswidrigen
Einbruch in Deutschland trotzdem ausgeführt hätte, aber alle
uns wohl-
gesinnten Engländer waren damals der Ansicht, daß ein Vorgehen
auf
dem bezeichneten Wege die Invasion verhindert hätte. Man kann heute
kaum den Gedanken fassen, daß uns vielleicht die Inflation in ihren
schlimmsten Auswüchsen hätte erspart werden können. Wie
dem auch
sei, bis auf weiteres war das politische Bild verändert. Der Eintritt
Deutschlands in den Völkerbund, der vor zwei Jahren die Forderung
des
Tages, vor einem Jahr noch sehr wünschenswert und möglich war,
wurde jetzt unmöglich, weil Artikel 1 der Völkerbundsakte dem
entge-
genstand. Wir hätten zwar nach englischer Auffassung auf den Ein-
wurf, daß wir die Verträge nicht erfüllten, damit erwidern
können, daß
Frankreich durch den Ruhreinfall den bestehenden Rechtszustand ge-
brochen hätte, aber dadurch wäre der faktische Zustand der Nichterfül-
lung unsrerseits nicht behoben worden.
Der damals vor dem Völkerbunde spielende Fall "Corfu" war
deshalb
für uns so lehrreich, weil unsere Lage "mutatis mutandis"
die gleiche
war. Das schwache Griechenland stand der italienischen Machtpolitik
gegenüber wie wir der französischen. Wenn kein Dritter eingriff,
mußte
Griechenland den Verlust Corfus über sich ergehen lassen. Ebenso konn-
ten wir die Franzosen nicht aus den besetzten deutschen Gebieten hin-
austreiben. Gewiß gab es eine starke Minderheit in Frankreich, die
lieber
Geld nehmen wollte, als Annexionen zu vollziehen, aber auch diese folgte
der Regierung Poincaré auf ihren imperialistischen Wegen, weil nun
einmal die französische öffentliche Meinung in dem Wahne begriffen
war, daß wir böswillige Schuldner seien. Die Frage war daher
auch in
unserem Falle unlösbar, wenn nicht ein Dritter eingriff. Der Versuch
einer direkten Einigung mit Frankreich scheiterte, mußte scheitern,
und
wird vermutlich auch immer in Zukunft erfolglos bleiben, weil der fran-
zösische Imperialismus eben keine Einigung ermöglichen will.
Man be-
hauptete in Frankreich immer, der deutschen Republik sympathisch ge-
genüberzustehen, aber in der Praxis trieb man das deutsche Volk in
die
Arme der Reaktion. Sah man vielleicht voraus, daß die Reaktion Deutsch-
land noch mehr schwächen würde, als selbst Napoleon I. es gekonnt
hat?
Wie auch immer die deutsche Regierung gebildet werden mag, sie wird
stets auf die englische Vermittlung mit oder ohne Völkerbund zurück-
kommen mussen.
Infolge des Dawesplanes und seiner Annahme änderte sich das Bild
wieder. Im Reichstag sprach ich im Namen meiner Partei für die An-
nahme. Dabei war mir vollkommen klar, daß die Befriedung der Welt
eines festeren Fundamentes bedürfe, als durch ein rein wirtschaftliches
Abkommen gebaut werden konnte. Ebenso zweifellos war mir ferner die
Absicht Englands, zum Bau dieses Fundaments den Völkerbund heran
(225)
zuziehen. Deshalb mußte seitens der Mittelparteien darauf hingewirkt
werden, daß Deutschland seine Haltung dem Völkerbunde gegenüber
einer Revision unterzog. Die Abneigung, die bei uns gegen den Völker-
bund bestand, war nach dessen bisherigen Leistungen vollkommen be-
greiflich, beruhte aber dennoch auf einem Grundirrtume. Alle Vor-
würfe, die gegen den Völkerbund erhoben werden, gehen von der
fal-
schen Voraussetzung aus, daß er eine überstaatliche Instanz
ist, die aus
idealpolitischen Motiven die Welt verbessern müsse und, wenn er dies
nicht täte, lediglich als eine Veranstaltung der Heuchelei zu betrach-
ten wäre. Tatsächlich ist aber der Völkerbund nur eine Diplomatenver-
sammlung, die nach Instruktionen handelt, gewissermaßen ein Spiegel,
in dem uns ein Bild der augenblicklichen politischen Machtverhältnisse
entgegentritt. Man kann also getrost folgern, daß wir bei jeder konkre-
ten Frage vor dem Völkerbunde ebenso gut oder ebenso schlecht gefahren
sind und fahren werden wie vor jeder anderen internationalen Konfe-
renz. Bei den Tagungen der Völkerbundsligen kam klar zum Ausdrucke,
daß weder die Ligen noch der Völkerbund selbst an die Verwirklichung
eines pazifistischen Ideals denken, sondern nur den Wunsch haben, an der
Lösung konkreter Fragen mitzuwirken, doch hängt der Erfolg natür-
lich davon ab, ob die Zeit reif ist für eine Befriedung der Welt oder
nicht. Der Völkerbund kommt dabei nur als Mittel und nicht als Selbst-
zweck in Betracht. In diese Zeit, 1924, fiel der Kongreß der Völker-
bundsligen, der damals eine außergewöhnliche Bedeutung hatte,
weil bei
diesem Anlasse zum ersten Male nach dem Weltkriege eine deutsche De-
legation in normaler Weise nach Frankreich eingeladen war, und weil
der Kongreß in Lyon stattfand, der Stadt, die Geist von dem Geiste
ihres langjährigen Bürgermeisters Herriot ist, der als Ministerpräsi-
dent das Erbe Poincarés angetreten hatte.
Die Bevölkerung von Lyon, die Presse und die fremden Delegationen
sahen alle die Anwesenheit einer deutschen Abordnung als das wich-
tigste Ereignis des Kongresses an und brachten dies mehrfach zum
Ausdrucke. Keinem von uns Deutschen ist auch nur die geringste Un-
annehmlichkeit begegnet. Der Empfang war von Anfang an höflich und
steigerte sich nach und nach zur Freundlichkeit, sodaß auf dem großen
Empfange des letzten Abends eine Stimmung herrschte, wie es auf inter-
nationalen Kongressen vor dem Kriege üblich war. Offenbar hatten un-
sere Gastgeber zuerst einige Besorgnisse, daß Zwischenfälle
eintreten
könnten, doch wurde jede Gefahr dadurch vermieden, daß wir die
Regie
ganz den Franzosen überließen, die sehr geschickt die Reden
und Ein-
ladungen an uns so regelten, daß die erwähnte Steigerung eintreten
konnte. Wir mußten natürlich das unsrige dazu beitragen, aber
man
machte es uns leicht, wobei nicht zu übersehen ist, daß wir
durchweg
mit dem damaligen Frankreich zusammenkamen und nicht mit dem
Poincarés. Ohne mich irgendwelchen Illusionen hinzugeben, war ich
(226)
doch überrascht, daß uns so viele Gelegenheiten geboten wurden
zu ein-
gehenden Aussprachen mit den verschiedensten Kreisen der französischen
Gesellschaft. Wenn darin auch kein politischer Erfolg gesehen werden soll,
so erweiterte sich doch der eigene Blick für die Forderungen des Tages.
Bei dem Frankreich, das wir gesehen haben, stand die Entwaffnungs-
frage im Vordergrunde des Interesses, dann folgte der Wunsch nach
Reparationen, während alle anderen Probleme nur als Mittel zum Zwecke
in Betracht kamen. Dementsprechend konnte ich in meiner öffentlichen
Rede und in vielen Interviews, die verlangt wurden, ohne Widerspruch
sagen, daß wir unsrerseits die Räumung des über den Frieden
von Ver-
sailles hinaus besetzten deutschen Gebietes und volle Amnestie für
die
Märtyrer des passiven Widerstandes verlangten. Ich hatte vorher betont,
daß Deutschland eine Republik sei und bleiben wolle, daß wir
völlig
entwaffnet wären, soweit internationale Beziehungen in Betracht kämen,
und daß die Reparationsfrage durch unsere Annahme des Dawes-Be-
richtes erledigt sei. Es war auch nötig, die deutschen nationalistischen
Demonstrationen zu erwähnen, da diese immer wieder uns gegenüber
vorgebracht wurden. Ich benutzte die Gelegenheit, um darauf hinzu-
weisen, daß ein besiegtes und verstümmeltes Volk naturgemäß
nationa-
listische Anwandlungen habe. Die Franzosen und Engländer wüßten
ja
aus ihren eigenen Erfahrungen, daß ein Land sich nach einer Revolu-
tion nicht so schnell beruhige, wie man es vielleicht wünschen möchte.
Wir haben jedenfalls in Lyon lernen können, wie sehr die Furcht vor
einem neuen Kriege alle Schichten des französischen Volkes beherrscht.
Jeder kehrte immer wieder zu diesem Thema zurück, und wurde erst
freundlich, wenn man ihm klarmachte, daß selbst unsere Nationalisten
nicht an einen Krieg dächten. Die Franzosen teilen unser Volk ziemlich
naiv in Pazifisten und Nationalisten ein, und es war nicht leicht, ihnen
begreiflich zu machen, daß eine Annäherung an die deutsche Nation
nur dann von Wert und Dauer sein könne, wenn sie sich nicht allein
auf Pazifisten gründete. Uebrigens fehlte auch in Lyon nicht der alte
Streit um den Begriff des Pazifismus, da der Präsident des Kongresses,
der frühere niederländische Finanzminister Treub, in seiner Eröffnungs-
rede gerade heraus erklärte, daß er kein Pazifist sei. Er stellte
sich
damit auf den Standpunkt, den die deutsche Liga konsequent einnahm,
nämlich daß Völkerbund und Völkerbundsligen – einstweilen
jedenfalls
– nicht den Zweck haben, das Ideal des ewigen Friedens zu realisieren,
sondern konkrete Fragen auf friedlichem diplomatischem Wege zu lösen.
Der Kongreß sprach sich dafür aus, daß Deutschland in
den Völker-
bund aufgenommen und uns ein ständiger Sitz im Rate eingeräumt
wer-
den solle. Zu diesem Beschlusse nahm ich den gleichen Standpunkt ein,
den ich immer in Wort und Schrift in der Heimat vertreten habe. Ich
sagte, der Augenblick für den Eintritt Deutschlands scheine nunmehr
gekommen, nachdem England und Frankreich ihn wünschten, und die
(227)
Regelung der Reparationsfrage ihn erforderlich mache. Indessen wäre
es besser, unseren Eintritt als Krönung des Verständigungsbaus
in Aus-
sicht zu nehmen. Ein vorheriger Antrag Deutschlands werde vielleicht
nur neue Schwierigkeiten verursachen. Wenn aber die oben erwähnten
Fragen alle geregelt seien, dann würden England und Frankreich im
Einvernehmen mit Italien und Japan gewiß genügend Einfluß
im Völ-
kerbunde haben, um unsere Aufnahme und die Schaffung eines neuen
ständigen Sitzes im Rate durchsetzen zu können. Auf letzteren
lege die
deutsche öffentliche Meinung einen entscheidenden Wert. Auch diese
Be-
merkungen fanden den Beifall der Versammlung, die im allgemeinen
meine Reden sehr freundlich aufnahm. Dieser Eindruck wurde durch
die Antworten des französischen und belgischen Vertreters verstärkt.
So sehr dies einen Deutschen erstaunen mag, so war doch unverkennbar,
daß auch die verständigungsbereiten Franzosen bei uns eine vollständige
Renitenz in allen einschlägigen Fragen voraussetzten. Sie argumentier-
ten ungefähr in dem Sinne, daß Erzberger und Rathenau ermordet
wor-
den seien, weil sie Verständigungswillen zeigten, und daß seitdem
aus
guten Gründen niemand ehrlich in deren Fußstapfen treten wolle.
Sie
waren überrascht und ungläubig, wenn man ihnen sagte, daß
wir ehr-
lich den Dawes-Bericht zur Durchführung bringen wollten, und hörten
es ungern, daß tatsächlich die Verständigung an Poincarés
Politik ge-
scheitert sei, die in Cannes und Genua einen Erfolg verhinderte und
durch den Ruhreinfall einen Scherbenhaufen schaffte. Denn sie verur-
teilten zwar die Politik Poincarés und bewiesen dies bei den Wahlen,
aber sie entschuldigten sie doch mit der vorausgesetzten deutschen Reni-
tenz. Bei dieser Geistesverfassung mußte der Weg noch ein sehr langer
sein, der zu der sogenannten moralischen Abrüstung führt. Begegnun-
gen, wie die von Lyon könnten viel helfen, aber sie lassen sich schwer
wiederholen. Auch war damals die Stellung der französischen und der
deutschen Regierung noch zu schwach, als daß die führenden Männer
in beiden Ländern sich allzusehr mit den Verständigungspolitikern
des
andern Landes kompromittieren konnten. Vorläufig glaubte man in
beiden Ländern nicht an den guten Willen des anderen. Es kam eben
darauf an, daß beide einen solchen Willen durch die Tat bewiesen,
und
dazu war zunächst nötig, daß man wußte, wie der andere
empfand. Das
damalige Frankreich wollte uns den Rhein nicht nehmen. War aber
der Geist Poincarés definitiv überwunden?
Der Kongreß in Lyon war alles in allem die erfolgreichste General-
versammlung der Ligen, die ich besuchte, und wir quittieren dankend
das Begrüßungstelegramm des Ministerpräsidenten Herriot,
der den
Verband als die Elite der Welt ansprach. Ebenso war die bald darauf zu-
sammengetretene Völkerbundsversammlung die wichtigste, die bisher
ab-
gehalten wurde. Sie brachte das Genfer Protokoll und die Wendung der
deutschen Politik zum Völkerbunde.
(228)
Das Genfer Protokoll sollte Frankreich die geforderte "Sicherheit"
schenken und dazu brauchte man Deutschland. Unser Eintritt in den
Völkerbund konnte damals als gesichert gelten. "Lieber spät
als nie-
mals" wird mit Livius derjenige sagen, der wie ich der Ansicht war,
daß wir unsere Interessen innerhalb des Völkerbundes besser
vertreten
könnten, als außerhalb desselben. Wenn der Ausgang ein anderer
gewesen
wäre, hätte man von einer Genfer Tragödie der Irrungen sprechen
müs-
sen. So war es eine Komödie, die dort gespielt wurde, mit dem Aus-
klang: "Ende gut, alles gut". Die Regie funktionierte in Genf
so
schlecht, daß der Zuschauer den Eindruck gewinnen mußte, alle
Haupt-
akteure täten ihr Möglichstes, um den Eintritt Deutschlands zu
ver-
hindern, während die meisten im Gegenteil ihn lebhaft wünschten.
Als Vorspiel wurde das "Mißverständnis von Henley"
aufgeführt.
Dieses beruhte darauf, daß Lord Parmoor auf seinem Landsitze in Hen-
ley, anläßlich der Unterzeichnung des Londoner Protokolls, Marx
und
Stresemann ein Frühstück gegeben hatte, bei dem der Eintritt
Deutsch-
lands in den Völkerbund verabredet werden sollte. Diese Verabredung
mißglückte indessen irgendwie, und die englische Regierung glaubte,
wir seien auf den Beginn des ersten Aktes in Genf vorbereitet, während
in Deutschland die gegenteilige Ueberzeugung bestand, daß die Auf-
führung in diesem Jahre noch nicht stattfinden würde. MacDonald
nahm nach seinen halbamtlichen Informationen an, daß seine warm-
herzige Einladung sofort einen gleichen Widerhall in Deutschland fin-
den werde. Statt dessen blieb die Antwort drei Wochen aus, weil eben
niemand auf die Einladung gefaßt war. Noch auffallender erscheint,
daß
auch die Franzosen nicht vorbereitet waren. Sie wurden durch die Rede
des englischen Premierministers völlig überrascht. Herriot faßte
sich
allerdings gleich und goß schnell Wasser in den englischen Wein,
wozu
er wohl noch besonders dadurch angeregt wurde, daß MacDonald die
Schuldfrage im deutschen Sinne besprochen und die oberschlesische Ent-
scheidung des Völkerbundes getadelt hatte. Eine geschickte Regie,
die
auf den Eintritt Deutschlands hinarbeitete, hätte an Stelle dieses
Inter-
mezzos, das immerhin bei uns Zurückhaltung auslösen mußte,
identische
Erklärungen der beiden Großmächte veranstaltet, die gleichzeitig
durch
entsprechende Schritte der beiden Botschafter in Berlin hätten unter-
stützt werden müssen. Dann wäre Deutschlands Eintritt wohl
sofort
erfolgt. Gewisse Schwierigkeiten würde es in Genf noch gegeben haben,
aber die dortige Stimmung hätte sie weggefegt. Es ist nicht zu leug-
nen, daß Frankreich und sein unbedingter Anhang lieber den Eintritt
Deutschlands hinausschieben wollten, um die Ergebnisse der schweben-
den Untersuchung über unsere Entwaffnung abzuwarten und um uns in
der Sicherheitsfrage vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Die Genfer
Versammlung indessen wollte Deutschland durchaus in ihrer Mitte
sehen; der Abwesende blieb während des ganzen Monats September dort
(229)
die Hauptperson, und zwar gerade wegen der Sicherheitsfrage, da es
jedem Unbefangenen einleuchtete, daß derjenige unentbehrlich sei,
gegen
den die Sicherheit verlangt wird. Deshalb hätte die Versammlung alle
Widerstände beseitigt, wenn wir sofort mit Wärme in die offenen
Arme
MacDonalds gesunken wären. Indessen lag der Fehler der Regie eben
darin, daß sie eine Stimmung voraussetzte, die in Deutschland garnicht
vorhanden war und nach allem Vorhergegangenen nicht vorhanden sein
konnte. Man sieht daraus, daß nicht nur wir in der Beurteilung frem-
der Nationen psychologische Fehler machen.
Wenn man uns schon 1924 in Genf sehen wollte, mußte der Hebel ge-
schickt in Deutschland angesetzt werden, wo die Schwierigkeiten größer
waren als bei dem Völkerbunde. Der Besiegte ist naturgemäß
immer
empfindlicher als der Sieger. Deshalb hätte Herriot sich auch andere
Zuhörer aussuchen müssen, als er in bester Absicht öffentlich
die Schär-
fen seiner Rede abdämpfen wollte. Der Vertreter der "Deutschen
All-
gemeinen Zeitung" oder die Gesamtheit der deutschen Pressevertreter
wären hierzu viel geeigneter gewesen als unsere Menschenrechtler unter
Einschluß Professor Försters. Französischerseits sagte
man, dieser
Empfang sei begreiflich gewesen, weil jeder sich zunächst an seine
Freunde wende. Aber der Franzose sagt doch sonst sprichwörtlich
"prêcher un converti". Wer Bekehrungsversuche machen will,
muß
sich an die Unbekehrten wenden, und wer Versöhnung sucht, darf sie
nicht einseitig auf Kreise aufbauen wollen, die in der eigenen Heimat
verdächtig erscheinen, weil sie allzu schnell mit allzu großer
nationaler
Selbstverleugnung die Versöhnung betreiben. Jeder verständige
Politiker
wird die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich wünschen.
Auf dieser Hoffnung basiert die Zukunft Europas. Doch kann die Ver-
söhnung nur erfolgen, wenn beiderseits das Prinzip anerkannt wird:
nach einem ehrlichen Kampfe eine ehrliche Versöhnung.
Immerhin war es eine mutige Tat MacDonalds, die Schuldfrage zu
erwähnen, wie er es tat. Doch bin ich der Ansicht, daß diese
Frage nicht
vom Politiker, sondern vom Historiker behandelt werden sollte, denn
sie hat keinen praktischen Wert. Ausschließlich weil wir besiegt
worden
waren, mußten wir uns der Lösung der Reparationsfrage durch
das
Londoner Protokoll fügen. Unsere Lasten würden nicht um einen
Pfen-
nig verringert und unser Gebiet nicht um einen Quadratzentimeter ver-
größert worden sein, wenn sich die ganze Welt zu der historischen
Wahr-
heit bekennen würde, daß es eine moralische Schuld am Weltkriege
gar-
nicht geben kann, weil das Zeitalter des Imperialismus diesen Begriff
nicht kannte. Vor dem Weltkriege trieben alle Mächte einen solchen
Im-
perialismus, daß die Entladung zwangsläufig erfolgen mußte.
Die ent-
scheidende Frage war nur, welche Staaten ihren Imperialismus am ge-
schicktesten betrieben. Die Klügeren blieben die Sieger. Die Katastrophe
war aber so groß, daß auch die Sieger furchtbar litten, und
deshalb
(230)
trat als Reaktion gegen den imperialistischen Wahnsinn der Völkerbunds-
gedanke auf mit seiner neuen Moral. In Genf wohnen die Gedanken
nur noch in dieser neuen politischen Sittlichkeit, aber in dem welt-
politischen Raume stoßen noch die imperialistischen Politiker vom
Schlage Poincarés hart dagegen an. Die Schicksalsfrage Europas liegt
in der Hand des Völkerbundes, der sich unter der Mitwirkung Deutsch-
lands zu einem Instrumente des Friedens und der Gerechtigkeit ent-
wickeln muß, wenn anders er das Vertrauen der Welt gewinnen will,
das er heute noch nicht besitzt.
Schon zur Zeit der Völkerbundsversammlung in Genf konnte kein
Zweifel darüber bestehen, daß diese Veranstaltung dazu dienen
sollte,
die Sicherheitsfrage zu lösen. Deshalb allein rief man uns so eindring-
lich nach Genf. Auch wenn wir diese Gelegenheit nicht hätten vorüber-
gehen lassen, so wäre die Lösung der Sicherheitsfrage damals
nicht ge-
glückt, weil England mit Rücksicht auf seine Kolonien das Genfer
Protokoll nicht unterzeichnen konnte. Immerhin wäre die Diskussion
in
Fluß geraten. Daran hat es später gefehlt, bis Stresemann die
Initiative
ergriff, die nach Locarno führte. Er hat mit großem Mut die
Erfüllungs-
politik wieder aufgenommen und für sie mit ebenso großem Geschick
einen neuen Namen erfunden, damit sie eine breitere deutsche Front
hinter sich habe. Ich bin an diesen Verhandlungen nicht beteiligt ge-
wesen, aber ich habe Stresemann so viel ich konnte im Reichstage unter-
stützt und vorwärtsgetrieben. Ich hielt es für eine Illusion,
zu glauben,
daß die Franzosen jemals das linke Rheinufer ohne vorherige "Sicher-
heit" räumen würden. Daher war damals die Hauptaufgabe unserer
Re-
gierung auf außenpolitischem Gebiete, die "Sicherheitsfrage"
in einer
für Deutschland annehmbaren Form zu lösen.
Von dem Augenblicke an, wo Stresemann das Auswärtige Amt über-
nahm, war Deutschland wieder im Aufstieg begriffen. Es ist nun ein-
mal nicht anders. Unsere zentrale Lage bringt es mit sich, daß in
der
deutschen Geschichte Freud und Leid immer von der auswärtigen Politik
herkommen.
In die Zeit der Verhandlungen über die "Sicherheit" fiel
der War-
schauer Kongreß der Völkerbundsligen.
In Anbetracht des Zollkrieges mit Polen waren Ort und Zeitpunkt
nicht gerade günstig für uns. Indessen muß anerkannt werden,
daß die
Aufnahme der deutschen Delegation hierunter nicht litt, sondern eine
außerordentlich freundliche war wie sich überhaupt die polnische
Gast-
freundschaft im glänzendsten Lichte zeigte. Es wäre aber ein
Trugschluß,
wenn man daraus praktische politische Folgerungen für die aktuellen
deutsch-polnischen Beziehungen ziehen wollte. Die deutsche Minderheit
in Polen muß geschützt werden, während der Korridor und
Oberschle-
sien blutende Wunden bleiben. Höchstens könnte die vorsichtige
Behaup-
tung gewagt werden, daß in den polnischen Kreisen Warschaus sich
die
(231)
Zahl derer vermehrt, die die Notwendigkeit einsehen, mit ihrem west-
lichen Nachbarn friedliche Beziehungen zu unterhalten.
Die Stimmung innerhalb des Kongresses zeugte deutlich dafür, daß
die Entspannung seit dem Londoner Protokoll und namentlich seit den
Sicherheitsverhandlungen bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Das
deutsche Ansehen war durch unser Aufrollen der Sicherheitsfrage ent-
schieden erhöht worden, indem einerseits das Vertrauen in unsere Auf-
richtigkeit gestiegen und andrerseits das deutsche Prestige dadurch ver-
mehrt war, daß der bisher wichtigste Schritt zur Befriedung der Welt
von uns ausging. Ich benutzte auch die Gelegenheit, um der Versamm-
lung auseinanderzusetzen, daß unsere Bedenken gegen den Artikel 16
der
Völkerbundsakte immer wiederkehren würden, solange die allgemeine
Abrüstung nicht durchgeführt wäre. Dies sei der Endzweck
und Haupt-
inhalt des Völkerbundsgedankens. Es wäre kein Vorwand, den wir
in
dem Artikel 16 suchten, um unsern Eintritt in den Völkerbund hinaus-
zuschieben, sondern wir hegten ernste Besorgnis, daß das völlig
abge-
rüstete Deutschland, das nicht einmal seine eigenen Grenzen schützen
könne, zum Schlachtfeld seiner schwer bewaffneten Nachbarn werden
würde. Deshalb müßten wir immer wieder diese Frage vorbringen,
ent-
weder vor oder nach unserem Eintritt in den Völkerbund. Sicherheit
und Schiedsverträge hätten nur dann einen praktischen Wert, wenn
sie
zur allgemeinen Abrüstung führten.
Die Generalversammlung des Völkerbundes war im Herbst 1925 inso-
fern in einer üblen Lage, als sie – teils widerwillig – der Führung
der Großmächte folgen mußte und die Hauptfrage nur besprechen
durfte,
ohne selbst handelnd einzugreifen. Der Völkerbund erinnerte an eine
Kompagnie Infanterie, die auf der Stelle tritt, ehe sie den Parademarsch
beginnt. Dadurch entstand in Genf eine gewisse Mißstimmung, die nur
Phantasten überraschen konnte und die sich im nächsten Frühjahr,
in
dem am wenigsten geeigneten Augenblick entlud.
Andrerseits aber war eine außerordentliche Entspannung zu bemerken,
die im letzten Jahre dank der deutschen Außenpolitik eingetreten
war.
Der Deutsche, wenn auch nur als Privatmann anwesend, war nicht mehr
der Feind, dem man aus dem Wege ging, sondern der Miteuropäer, den
man suchte, da er zur Befriedung des Erdteils unentbehrlich ist.
Aus der gleichen Blume saugt die Biene Honig und die Spinne Gift.
Deutsche Gegner des Völkerbundes sagten, die Generalversammlung habe
wieder völlig versagt, weil sie in der Danziger und Minderheitenfrage
nichts oder nur Ungerechtes getan habe. Das ist nicht zu leugnen, aber
andrerseits werden diese Angelegenheiten niemals in Genf die gebührende
Rücksicht finden, wenn Deutschland nicht mitspricht. In Diplomaten-
versammlungen – und wer im Völkerbunde etwas anderes sieht, phanta-
siert – werden immer alle Fragen durch Kompromisse entschieden. In
Genf durch Kompromisse zwischen der Macht und der Gerechtigkeit,
(232)
manchmal mehr zugunsten der ersteren, manchmal der letzteren. Das
kann garnicht anders sein, und wenn der Hauptinteressent abwesend
ist, so beißen ihn die Hunde. Als ich einmal in Genf einem hervor-
ragenden französischen Delegierten sagte, seine Freunde, die Polen
und
Tschechen, behandelten die deutsche Minderheit miserabel und vertrags-
widrig, antwortete er nur: Da kommen Sie doch in den Völkerbund und
sagen Sie das hier öffentlich. Dem Manne kann geholfen werden.
Wer sich die deutsche Stellung in Genf als eine leichte vorstellt, be-
findet sich auf einem Holzwege. Zu reden, was gleichzeitig in Genf und
in Deutschland gern gehört wird – das wäre eine Art von Quadratur
des Zirkels. "Mutatis mutandis" war Graf Apponyi Meister dieser
Kunst, aber die Ungarn sind politisch geschulter als wir und verstehen
es besser, mit den Wölfen zu heulen, um ihre Ziele zu erreichen. Deshalb
sind sie auch lange vor uns in den Völkerbund eingetreten. Dieser
ist
ein Nichts, wenn er nicht immer Gerechtigkeit fordert, und sollte man
uns, ähnlich wie dem Grafen Apponyi vorhalten, daß auch wir
hin-
sichtlich der Minderheiten in einem Glashause gesessen hätten, so
ist die
Antwort leicht: Man hat gegen uns Krieg geführt mit dem Vorgeben,
eine höhere Moral als die unsrige zu besitzen. Nun zeige man uns diese
höhere Moral. Wir warten darauf. "Hic Rhodus, hic salta."
Der Weg
zu den Vereinigten Staaten von Europa führt über glückliche
Minder-
heiten und niederbrechende Zollschranken.
Einstweilen war indessen alles auf Locarno eingestellt, und Locarno
wurde im Gegensatz zu Versailles wirklich ein Friedensschluß; nur
ist
die damalige Stimmung nicht genügend ausgenutzt worden, um reinen
Tisch zu machen mit allen Kriegserinnerungen. Immerhin war Locarno
ein Wendepunkt von großer Bedeutung. Nach Versailles waren die Sie-
ger ebenso unzufrieden wie die Besiegten. Kein Te Deum ist nach Be-
endigung des Kampfes aus vollem Herzen als Dank für den Erfolg ge-
sungen worden, sondern man dankte nur dafür, daß nun endlich
das
Blutvergießen und die Zerstörung des Eigentums vorüber
waren. All-
gemein und überall wurde Wilson gefeiert, weil er das pazifistische
Ideal
vertrat, das er freilich nicht zu realisieren verstand.
Wenn man sich fragt, warum der Krieg so lange dauerte und die
Friedenstraktate so schlecht gerieten, dürfte die Antwort in der Tatsache
liegen, daß die führenden Männer sich überall vor
der angeblichen
öffentlichen Meinung fürchteten, die sie zum Teil erst selbst
geschaffen
hatten. Das Problem der Kriegsschuldfrage hängt eng hiermit zusam-
men. Früher würde kein Staatsmann sich gescheut haben, die Folgen
seiner Politik zu tragen, wenn sie zu einem siegreichen Frieden geführt
hätten. Heute aber kämpft jede Regierung heftig darum, nur ja
keine
Schuld an den schauderhaften Zuständen zu haben, die der Krieg und
der Friede hervorbrachten.
Obige Zusammenhänge wurden naturgemäß zuerst nicht so klar
er-
(233)
kannt. Man diktierte den Frieden nach veralteten Ideen, und in diesen
wurde weiter gearbeitet, weil man glaubte, doch noch soviel aus den
Besiegten herauspressen zu können, um hinterher die Kriegspolitik
zu
rechtfertigen. Die Wahrheit, daß der Besiegte heutzutage und in der
Zu-
kunft niemals in der Lage sein wird, die ungeheuren Kriegskosten zu
ersetzen, durfte nicht anerkannt werden, damit die Völker nicht zu
schnell
einsehen lernten, daß sie im Kriege hinter das Licht geführt
worden
waren. Erst als diese veralteten Methoden zu dem vollständigen Wahn-
sinn des Ruhreinfalls geführt hatten, trat das ein, was der Franzose
selbst mit dem Sprichwort ausdrückt: "L'excès du mal en
devient le
remède."
Die deutschen Gegner von Locarno bekämpften uns Befürworter mit
dem Argumente, daß wir für Locarno begeistert und deswegen Illu-
sionisten seien. Der Vertrag mit allen seinen juristischen Paragraphen
war überhaupt nicht geeignet, Begeisterung zu erwecken, sondern es
handelte sich dabei um Sein oder Nichtsein. Ein Hamlet kann Selbst-
mordgedanken hegen, aber ein Volk muß leben. Es wäre unsinnig,
wenn
wir in unserer Lage eine auswärtige Politik zu führen erwartet
hätten,
die Begeisterung auslöste. Begeisterung ist eine Emanation des Gemüts,
Politik eine solche des Verstandes. Wie oft hat uns Bismarck dies ge-
predigt! Wir erwarteten von Locarno weiter nichts wie die Schaffung
einer Atmosphäre, in der Deutschland, geachtet im Rate der Völker,
an
seinem eigenen Aufbau und dem Europas arbeiten konnte. Stresemann
hat bewiesen, daß auch ein unbewaffnetes Deutschland eine führende
Rolle
in der europäischen Politik spielen kann, weil unsere zentrale Lage
ebenso unsere Stärke ist, wie sie früher oft unsere Schwäche
war.
Europa ist von uns abhängig wie wir von Europa. Die Anerkennung
dieser Tatsache nennt man heute den Geist von Locarno.
Unsere früheren Kriegsgegner machten es einmal mehr der deutschen
Republik so schwer wie möglich, dem Geist von Locarno in Deutschland
zum Siege zu verhelfen. Die außerordentliche Märztagung der
Völker-
bundsversammlung, in der Deutschland aufgenommen werden sollte,
endete bekanntlich mit einem vollkommenen Mißerfolge, für den
die
Führung des Völkerbundes die Schuld trug.
Eine solche Krisis war bei dem Eintritt Deutschlands zu erwarten,
doch konnte man annehmen, daß sie erst nach der Aufnahme zum Aus-
bruche kommen würde. Sie mußte schon wegen des latenten Gegensatzes
zwischen den großen und kleinen Staaten eintreten und wegen der Genfer
Abneigung gegen das aufoktroyierte Locarno, hauptsächlich aber, weil
Deutschlands Eintritt den Charakter des Völkerbundes vollkommen än-
derte. Bisher war dieser, wie mir einmal einer der bekanntesten Dele-
gierten eines kleinen Staates sagte, ein Klub von Freunden, richtiger,
ein Verein der Siegerstaaten, der seine Aufgabe darin sah, die Friedens-
verträge aufrechtzuerhalten, während der Völkerbund umgekehrt
dazu
(234)
geschaffen wurde, die Verträge zu modifizieren. Dafür gibt Baker's
Buch
über Wilson hinreichende Beweise. Wie man sonst über Wilson denken
mag, jedenfalls ist er der Begründer des Völkerbundes, der ohne
ihn
nicht existieren würde. Er muß also am besten gewußt haben,
wozu er
sein Kind in die Welt setzte. Dieser Unterschied der Auffassungen muß
einmal ausgetragen werden, weil er allen Plänen zu Reformen des Völ-
kerbundes unterliegt und die Wünsche der Staaten nach Ratssitzen in-
spiriert. Unsere Regierung hatte recht, daß sie an Locarno festhielt
und
damit die Möglichkeit schuf zu einer inneren und äußeren
Reform des
Völkerbundes. Dieser muß erhalten werden, wenn auch aus keinem
ande-
ren Grunde, so schon deshalb, weil er es ist, der England an dem
europäischen Kontinent festhält. Man braucht nur an die Parlaments-
debatten über Locarno zu denken, wo alle Parteien einig waren, daß
eine
freiwillige Isolierung Englands wegen seiner Völkerbundspolitik nicht
mehr möglich sei.
Dabei hatte ich keinen Zweifel, daß für uns der Eintritt Kampf
und
wieder Kampf bedeuten würde, bis wir uns eine gesicherte Stellung
im
Völkerbunde erkämpft hätten, und daß unsere Delegierten
in der ersten
Zeit niemals einen beneidenswerten und leichten Stand haben würden.
Oft habe ich mündlich und schriftlich dieser Meinung Ausdruck ge-
geben, schon darum, weil es zuerst im Weltverband der Ligen auch nicht
anders war, obgleich dort viel mehr wahre Völkerbundsgesinnung
herrschte als in der Genfer Institution.
Gerade, weil ich die Schwierigkeiten voll erkannte, hätte ich gern
den
Eintritt zu der Zeit erkämpft, als MacDonald einen entsprechenden
Enthusiasmus erwirkt hatte, der nach meiner Auffassung die Hinder-
nisse überwunden haben würde. Damals arbeitete der Völkerbund
durch
Schaffung des Genfer Protokolls an der Lösung des Sicherheitsproblems
und bedurfte dringend unserer Mitwirkung. Ob wir das Genfer Protokoll
in eine annehmbare Form hätten bringen können, ist allerdings
eine
andere Frage, aber jedenfalls brauchte uns damals der Völkerbund in
seinem eigenen Interesse.
Nachdem MacDonalds Aufruf ohne Antwort verhallt war, blieb zur
Befriedung der Welt kein anderer Weg wie der gewählte offen, denn
das
Genfer Protokoll war an Englands Widerspruch gescheitert, der En-
thusiasmus verflogen und statt dessen in Genf eine Art Katzerjammer
eingetreten. Zur Zeit der nächsten Generalversammlung konnte man
dort deutlich erkennen, daß Locarno im Völkerbunde wenig Freunde
hatte, weil Genf dabei zu kurz gekommen war.
Trotzdem mußte man annehmen, daß die langen Vorverhandlungen
mit allen erreichten Sicherheiten die Gewähr für eine verabredungs-
gemäße Aufnahme Deutschlands böten. Wenn es anders kam,
so lag dies
an der Führung. Der Völkerbund hat immer glatt funktioniert,
wenn
England und Frankreich von vornherein völlig einig gingen. Andern-
(235)
falls waren wie damals Intrigen zu erwarten, die dem Völkerbundsge-
danken widersprechen und den Beweis liefern, daß wir noch in dem
Zeitalter des Imperialismus leben. Hätten die Herren Briand und Cham-
berlain vollkommen aufrichtig im Geiste von Locarno gehandelt, so wür-
den sie gemeinsam alle im Völkerbunde auftretenden Wünsche beiseite
geschoben haben, bis Deutschland aufgenommen war. Nur eine solche
Haltung war der Mächte würdig, die den Weltkrieg gegen uns für
die
Heiligkeit der Verträge geführt haben wollen. Es war auch die
einzig
praktische Politik, weil dann alle nach ständigen und sonstigen Rats-
sitzen strebenden Staaten ein Interesse daran gehabt hätten, Deutschland
schleunigst aufzunehmen. Briand ließ sich aber mit Polen ein, und
Chamberlain gab ihm nach, trotz der entgegengesetzten Haltung in
England, wo namentlich die Völkerbundsliga einen bewundernswürdi-
gen Kampf für "fair play" führte.
Einmal mehr war der Sieg auf der Seite der Kreise, die der Welt
keinen Frieden gönnen wollen. Europa war wieder um Monate in seiner
Entwicklung aufgehalten worden.
Der Kongreß des Weltverbandes der Völkerbundsligen sollte in
dem
gleichen Jahre in Dresden abgehalten werden, doch erschien es uns an-
gesichts des Mißerfolges der Märztagung des Völkerbundes
noch nicht
opportun, den Versammlungsort nach Deutschland zu legen. Die aktivste
und stärkste aller Ligen, die englische, sprang in die Bresche und
lud
den Weltverband nach London und Aberystwith in Wales ein. Die vor-
bereitenden Kommissionen tagten in der Hauptstadt und die General-
versammlung in dem hübschen Walliser Seebade.
Die Wanderungen in verschiedene Länder bringen dem Weltverbande
ständig neue Eindrücke, die noch nie so stark waren wie in Aberystwith.
Wohl sind wir überall freundlich aufgenommen und gastlich empfangen
worden, aber eine so weitgehende Gastfreundschaft und eine solche An-
teilnahme aller Klassen der Bevölkerung wie in Wales, haben wir nirgends
erlebt. Schon in London hatten die Lords Cecil, Parmoor und Gladstone
durch Veranstaltung geselliger Vereinigungen ihr Interesse an dem
Kongresse bewiesen. Wer die englische Hauptstadt kennt, weiß aber,
daß
in deren unendlicher Größe und Geschäftigkeit nur ganz
ungewöhnliche
Ereignisse weitere Kreise ziehen. In Aberystwith dagegen war die ganze
Stadt uns zu Ehren auf den Straßen, die, ebenso wie der Bahnhof,
in
reichem Flaggenschmucke prangten. Bürgermeister und Stadträte
stan-
den im historischen Ornate auf dem Bahnsteige, als der uns gestellte
ausgezeichnete Sonderzug einfuhr. Wie der Empfang gestaltete sich der
ganze Aufenthalt. Die Bevölkerung begleitete unsere Einfahrt mit Hoch-
rufen und unsere Verhandlungen mit äußerstem Interesse.
In der öffentlichen Volksversammlung, die veranstaltet wurde, fanden
sich so viele Menschen ein, daß der mit 3000 Sitzplätzen versehene
Saal
übervoll war. Ein großer Teil der internationalen Presse hat
nach deren
(236)
Gepflogenheit bei der Berichterstattung über diese Volksversammlung
besonders den schon oben erwähnten sogenannten Zwischenfall hervorge-
hoben, der sich vor meiner Rede abspielte, als der Vorsitzende mich
einführte. Ein einzelner Mann begann im Hintergrunde des Saales zu
schreien. Was er sagte, war am Vorstandstische nicht zu verstehen, doch
hieß es nachher, er habe: "What about the Lusitania?" gerufen.
Jeden-
falls wurde der Mann sofort hinausgeführt und sein Geschrei durch
leb-
hafte Hochrufe übertönt. Dergleichen kann in jeder öffentlichen
Ver-
sammlung vorkommen. Obendrein war die Wirkung auf die Anwesenden
eine für mich so günstige, daß ein humorvoll und zynisch
veranlagter
Delegierter meinte, ich hätte mir wohl nach berühmten Mustern
ein
kleines Attentat bestellt, um die Zuhörer meiner Rede zu gewinnen.
Diese fand auch wirklich eine außerordentlich freundliche Aufnahme,
obgleich ich unsern Standpunkt mit der denkbar größten Offenheit
vor-
trug.
Wer sich mit dem Völkerbunde befaßt, weiß schon längst,
daß dieser
Gedanke in England mehr Freunde hat als in irgend einem anderen
Lande. Trotzdem war die Haltung der Walliser Bevölkerung wohl für
uns alle eine angenehme Ueberraschung. Keiner hatte geglaubt, daß
die
Anteilnahme der breiten Schichten und namentlich der studierenden
Jugend eine so große sein würde, wobei ich natürlich nicht
übersehe,
daß Lokalpatriotismus und Fremdenindustrie hierbei mitwirkten. Solche
Motive spielen aber überall eine gewisse Rolle, können also bei
dem Ver-
gleiche außer acht gelassen werden.
Eine zweite Ueberraschung bot uns das starke Hervorkehren des Wal-
lisischen Stammescharakters und Gefühls. Die Redner sprachen immer
von sich als den Vertretern einer kleinen Nation. Oft gebrauchten sie
ihre eigene keltische Sprache, die im Umgange des Volkes anscheinend
weit mehr noch verwandt wird als bei uns in Schleswig-Holstein das
Plattdeutsche. Eine so friedliche Zwiesprachigkeit ist mir nirgends be-
gegnet, höchstens vielleicht in den französischen Teilen Kanadas.
In
den Versammlungen wurde neben dem "God save the King" immer die
Wallisische Nationalhymne gesungen. Auch sonst erfreute man uns durch
sehr schöne keltische Kirchen- und andere Lieder.
Der Gesamteindruck war: eine durch Jahrhunderte hindurch erhal-
tene glückliche und treue Minderheit innerhalb eines starken Staates,
der Freiheit gibt, weil er sich seiner eigenen Anziehungskraft bewußt
ist. Dieses Erlebnis beeindruckte sehr nachdrücklich alle Delegierten,
was mich bewog, in meiner öffentlichen Rede Wales als Muster für
die
Lösung der Minderheitenfrage hinzustellen. Wie einst das römische
Reich, lasse das britische Imperium jeder Stammeskultur volle Freiheit.
Dieser Kongreß der Ligen war der letzte, an dem ich mit voller Ar-
beitskraft teilnehmen konnte. Ich war zwar bei dem Berliner des näch-
sten Jahres anwesend, und habe in Madrid sogar präsidiert, aber die
(237)
Vorbereitungen und Einzelheiten mußte ich anderen überlassen,
da ich
inzwischen, wie schon oben erwähnt, die Abrüstungsverhandlungen
im
Völkerbunde übernommen hatte, die mich fünf Jahre hindurch
reich-
lich beschäftigten. Uebrigens war der Berliner Kongreß der Ligen
ein
voller Erfolg unter Mitwirkung von Reichskanzler Marx und Strese-
mann. Die feierliche Eröffnungssitzung fand unter außerordentlich
zahl-
reicher Beteiligung der Oeffentlichkeit im Plenarsitzungssaal des Reichs-
tages statt, wobei der bekannte französische Historiker Aulard auf
dem
Präsidentenstuhle saß. Ich begrüßte die Versammlung
indem ich unter
anderem sagte, daß dieser Tag ebenso wie der Tag des Eintritts
Deutschlands in den Völkerbund die Krönung langjähriger
Arbeit gewe-
sen sei. Bei meinem ersten Auftreten in dem Weltverbande vor sechs
Jahren seien in Deutschland nur wenige für den Eintritt Deutschlands
in den Völkerbund gewesen. Jetzt sei die deutsche Liga für Völkerbund
zusammengesetzt aus Vertretern aller großen Parteien des Reichstages,
woraus man erkennen möge, daß Deutschland aufrichtig im Völkerbund
mitarbeite. Der Weltverband erstrebe als Avantgarde des Völkerbundes
ein Ideal. Als private, an keinerlei Instruktionen gebundene Organi-
mtion habe er den Völkerbund vorwärts zu treiben. Er müsse
ihn frei-
lich auch kritisieren. Einer der Hauptwünsche des Weltverbandes sei
es, daß für den Völkerbund gelten möge das Wort: "Justitia
fundamen-
tum regnorum!"
Ich gehörte sechs Jahre hintereinander den Delegationen zu den
Völkerbundsversammlungen an, drei mit Stresemann, ein Jahr mit
Reichskanzler Hermann Müller, als Stresemann schon krank war, und
zwei mit Curtius. Der Glanzpunkt dieser Zeit war der Herbst 1926 als
Deutschland in den Völkerbund eintrat, und gleich darauf die Begeg-
nung von Thoiry stattfand. Stresemann war damals anscheinend phy-
sisch noch ganz gesund und politisch auf der Höhe seines Wirkens,
wäh-
rend Briand voller Hoffnung war, seine französischen Gegner überwinden
zu können, trotzdem er die Erfahrungen von Cannes und Genua hinter
sich hatte. Beide Staatsmänner empfanden auch Vertrauen zueinander,
soweit dies bei Politikern verschiedener Nationen möglich ist, und
Sir
Austen Chamberlain spielte gern den "ehrlichen Makler", wie das
meistens die Rolle Englands seit Versailles gewesen ist.
Mit dem letzteren der drei Locarno-Staatsmänner, heute dem einzigen
Ueberlebenden, hatte ich an einem der ersten Abende der Generalver-
sammlung in Genf eine lange Unterredung, die aber historischer und
nicht politischer Natur war. Wir trafen uns auf einem der großen
Empfänge, wobei Chamberlain mich sehr freundlich begrüßte.
Ich sagte
ihm, ich sei angenehm überrascht, daß er mich wieder erkannt
hätte, da
doch über zwanzig Jahre vergangen seien, seitdem ich ihm zuletzt in
Highbury, dem Landsitze seines Vaters, begegnet wäre. Als ich nämlich
(238)
in London Botschaftsrat war, fuhren meine Frau und ich einmal nach
Birmingham zu einem Musikfeste, das Felix Weingartner dirigierte. An
dem freien Sonntage besuchten wir Joseph Chamberlain auf seinem
Landsitze und besichtigten mit ihm seine berühmten Orchideen. Er war
damals die erste politische Persönlichkeit Englands, aber leider gegen
Deutschland mißgestimmt, wegen unserer Ablehnug seines Bündnisange-
botes, das noch heute ein Streitobjekt der Historiker bildet. Gegen uns
persönlich war er indessen außerordentlich freundlich, als wir
ihn be-
suchten. Nachdem ich seinem Sohne Austen gegenüber diese Erinnerung
wachgerufen hatte, wurde dieser sehr interessiert und unterhielt sich
lebhaft eine halbe Stunde mit mir, während die anderen Gäste
im
Saale sich wunderten, was wir wohl für ein politisches Problem lösen
wollten. Mögen die Historiker sich auch weiter um das berühmte
Bünd-
nisangebot Joseph Chamberlains streiten, sein Sohn Austen ist jedenfalls
überzeugt, daß es keinen Weltkrieg gegeben hätte, wenn
wir auf seinen
Vater gehört hätten, dessen Andenken er offenbar sehr hoch hält.
Nachdem ich die Abrüstungsverhandlungen ständig übernommen
hatte,
wurde ich von unserem Auswärtigen Amte auch zur Mitwirkung bei
anderen Fragen herangezogen, die mit dem Völkerbunde zusammenhin-
gen, so bei der Reorganisation des Sekretariats und insbesondere bei der
Palästinafrage.
Ueber alle diese Angelegenheiten heute zu schreiben, ist nicht so ein-
fach, da sie noch in der Gegenwart aktuell sind. Ueber die Abrüstung
will ich zum Schlusse im Zusammenhange berichten, aber nur über die
Zeit, in der ich die Verhandlungen führte. Einen Abschluß der
Frage
zu finden überlasse ich gern "à qui de droit".
Die Reorganisation des Sekretariates dürfte immer aktuell bleiben.
Es geht mit dieser Frage wie – nach Treitschke – mit der Weltge-
schichte, von der er sagt, daß jedes Zeitalter berechtigt wäre,
sie neu zu
schreiben. Die gerade herrschende Strömung des Völkerbundes wird
immer das Sekretariat nach ihren Wünschen ummodeln wollen.
Was schließlich das "Deutsche Komitee Pro Palästina"
anbelangt,
dessen Vorsitz ich auf Wunsch des Auswärtigen Amts schon im Jahre
1926 übernahm, so habe ich infolgedessen viele Versammlungsreden
über diese Frage gehalten. Am ausführlichsten sprach ich 1930
in Ham-
burg, und deshalb lasse ich hier diese Rede folgen, da sie meinen Stand-
punkt deutlich wiedergibt.
"Als Präsident des "Deutschen Komitees Pro Palästina"
habe ich die
Ehre, die heutige Versammlung zu eröffnen und Ihnen meinen herzlich-
sten Dank dafür auszusprechen, daß Sie so zahlreich erschienen
sind.
Insbesondere darf ich auch meinem Freunde, dem Herrn Bürgermeister
Petersen danken, daß er heute zu uns gekommen ist.
Das Pro Palästina-Komitee ist gebildet worden unter warmer Förde-
(239)
rung seitens der Reichsregierung, und diesem Komitee gehören führende
Mitglieder aller Parteien an, sodaß wir sagen können, daß
wir die be-
rufenen Vertreter der Reichsregierung und der öffentlichen Meinung
Deutschlands hinter uns haben. Das Programm lautet: Das Deutsche
Komitee Pro Palästina zur Förderung der Jüdischen Palästinasiedlung
wird in der Ueberzeugung, daß der Aufbau der im Palästinamandat
vor-
gesehenen Heimstätte für das jüdische Volk als ein Werk
menschlicher
Wohlfahrt und Gesittung Anspruch auf die deutschen Sympathien und
die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat, bemüht sein,
die deut-
sche Oeffentlichkeit über das jüdische Kolonisationswerk in Palästina
aufzuklären, die Beziehungen zwischen Deutschland und Palästina
zu
pflegen und allgemein die Erkenntnis zu verbreiten, daß das jüdische
Aufbauwerk in Palästina ein hervorragendes Mittel für die wirtschaft-
liche und kulturelle Entwicklung des Orients, für die Ausbreitung
deut-
scher Wirtschaftsbeziehungen und für die Versöhnung der Völker
ist.
Sie werden mir vielleicht gestatten, noch einige Worte persönlicher
Art zu sagen. Ich möchte daran erinnern, daß ich dazu gekommen
bin,
hier als Präsident des Pro Palästina-Komitees vor Ihnen zu stehen,
weil
ich während der zweiten Hälfte des Krieges Botschafter in Konstanti-
nopel war. Die Idee der Errichtung eines nationalen Heimes für die
Juden in Palästina ist nicht plötzlich am Ende des Krieges durch
die
Balfour-Deklaration neu aufgetaucht, sie bestand schon seit längerer
Zeit, ist auch von der deutschen Regierung schon vor der Revolution
aktiv betrieben worden, und zwar wurden diese Verhandlungen durch
mich als Botschafter in Konstantinopel geführt. Damals schon bestand
die Absicht unsrerseits, falls wir einen anderen Ausgang des Krieges
erlebt hätten, als wir leider erlebt haben, eine ähnliche Forderung
an
die damals in Palästina herrschende Türkei zu stellen. Ich habe
damals
wochenlang unter Assistenz vieler Herren, die heute an diesem Werk
tätig sind, in der Türkei mit dem Großvizir verhandelt,
und er hat mir
immer gesagt: Ich werde, was Sie verlangen, gern Ihnen zuliebe tun;
aber ich sage Ihnen im voraus, daß mit den Arabern Schwierigkeiten
kommen werden. Ich erwähne das, weil sich der Großvizir in dieser
Be-
ziehung als guter Prophet erwiesen hat, wenn es mir auch lieber gewe-
sen wäre, wenn seine Prophezeiungen nicht in Erfüllung gegangen
wären. Dann kam der Ausgang des Krieges, den wir leider alle kennen,
und was wir wollten, ist von England in die Hand genommen worden
durch die bekannte Balfour-Deklaration, aus der heute das Mandatsrecht
entstanden ist.
Ich möchte auch hier nicht unerwähnt lassen, daß bekanntlich
in der
Balfour-Deklaration geschrieben steht, die Arbeit in Palästina solle
unter
allen Umständen unbeschadet der Rechte der Juden in ihrer jetzigen
Heimat vor sich gehen. Wir, die wir als Nichtjuden uns für diese
Frage interessieren, haben uns von Anfang an vorgenommen, daß wir
(240)
in keiner Weise eingreifen oder uns auch nur einmischen wollen in die
Differenzen, die es vielleicht innerhalb der Judenheit über dieses
Problem
geben kann. Das liegt uns vollkommen fern. Ich glaube: alle sind,
ebenso wie ich, dadurch zur Beteiligung am Pro Palästina-Komitee ge-
kommen, daß nach der Balfour-Deklaration die Palästina-Frage
zu einer
Frage des Völkerbundes geworden ist, und ich hoffe, alle meine Lands-
leute stimmen mit mir darin überein, daß, nachdem Deutschland
Mit-
glied des Völkerbundes geworden ist, und wir in der Mandatskommission
Platz genommen haben, es uns darauf ankommt, an allen Arbeiten des
Aufbaus teilzunehmen, nicht nur da, wo spezielle deutsche Rechte in
Betracht kommen, sondern überall, wo es sich um kulturelle Werke
überhaupt handelt. Zu solchen Kulturwerken gehört nach meiner
Ueber-
zeugung mit in erster Linie der Wiederaufbau Palästinas, wie er hier
von uns ins Auge gefaßt ist. Es gibt Leute, die befürchten,
daß aus die-
ser Bewegung ein neuer Nationalismus entstehen könnte. Ich möchte,
da ich rein persönlich spreche, darauf hinweisen; wenn es sich hier
um
die Schaffung eines neuen Nationalismus handelte, und wenn überhaupt
nur ein solcher Gedanke vorhanden wäre, dann stände ich sicherlich
nicht hier, um diesen Gedanken zu verteidigen. Denn es weiß jeder,
daß
ich in meiner Vergangenheit immer auf dem Standpunkte der Völker-
versöhnung und Völkerverständigung gestanden habe. Ich würde
auch
niemals von diesem Gedanken abgehen. Ich bin noch heute der festen
Ueberzeugung, daß es für das Gelingen des Werkes in Palästina
not-
wendig ist, daß die beiden Völkerschaften, die sich in Palästina
ansie-
deln, bezw. angesiedelt haben, sich vertragen. Es muß eine Aussöhnung
erfolgen, und es ist für uns eines der Hauptziele, daß wir dahin
kommen.
Damit habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte. Wir, die wir als
Nichtjuden uns an dieser Arbeit beteiligen, haben es mit besonderer
Freude begrüßt, daß jetzt eine über allen Differenzen
stehende "Jewish
Agency" vorhanden ist, die das Werk verantwortlich leitet. Wir glauben,
daß in Zukunft eine gemeinsame Arbeit aller erfolgen kann, die sich
für diese Frage interessieren. In dieser Gemeinsamkeit sehe ich die
Hoffnung, daß es gelingen wird, den Palästina-Aufbau als Kulturwerk
ersten Ranges durchzuführen."
Das "Deutsche Komitee Pro Palästina" stellte im Frühjahr
1933 seine
Tätigkeit ein. Was mich persönlich anlangt, so hatte ich schon
18 Mo-
nate früher aus Gesundheitsrücksichten jede politische Tätigkeit
auf-
geben müssen.
Wenn ich auf die sechs Jahre zurückblicke, die ich dank meinen guten
Beziehungen mit Stresemann im Völkerbund arbeiten durfte, so ist es
hauptsächlich seine Persönlichkeit, die meine Erinnerungen verschönt.
In Genf hat sich Stresemann von einem – allerdings bedeutenden –
Reichtstagspolitiker zu einem großen Staatsmann entwickelt. Er hatte
(241)
erkannt, was der Welt und seinem eigenen Vaterlande Not tat. Doch
die Zeit, seine Ideen durchzuführen, wurde ihm vom Leben nicht ge-
schenkt. Seine und Briands Persönlichkeiten hätten vielleicht
zusammen
bei längerem Leben und Gesundheit, Erfolge erzielen können, die
ihnen
versagt geblieben sind, bis auf die Rheinlandräumung. Diese verlor
obenein durch törichte Verspätung ihren moralischen Wert. Beide
Staatsmänner wurden von Krankheit und politischen Gegnern beseitigt,
bevor sie siegbringende Erfolge erzielt hatten, ohne die sich kein Staats-
mann halten kann.
Die Gegner Briands und Stresemanns, die seitdem triumphierten,
scheinen mir keinen Anlaß zu haben auf das stolz zu sein, was sie
er-
reichten. Immerhin waren zur Zeit der beiden großen Staatsmänner
Anfänge zur Versöhnung der Welt vorhanden, während seitdem
nur von
"Sicherheit" die Rede ist, d.h. von Wettrüsten, das bisher
noch immer
in der Weltgeschichte zu Krieg geführt hat. Kurz vor seinem Tode 1929,
war Stresemann, schon schwer krank, zum letzten Male in Genf, wo er
sich mehrfach durch mich vertreten ließ. Es ist mir besonders ein
Tag
erinnerlich, an dem wir zusammen bei dem damaligen Ratspräsidenten
zu dessen üblichem Frühstück im Hôtel des Bergues
eingeladen waren.
Ich wurde nach Tisch an das Telephon gerufen, und fand Stresemann
im Vorzimmer des Hotels fast ohnmächtig an die Wand gelehnt. Er bat
mich, ihn in die Ratssitzung zu begleiten, und dort eventuell zu vertre-
ten, da er wohl nicht die Kräfte haben würde, eine Debatte auszuhalten.
Ich führte ihn an sein Automobil, immer mit dem Gefühl, daß
er in
meinen Armen sterben würde, doch erholte er sich etwas an der Luft,
nachdem wir zusammen eine kleine Fahrt gemacht hatten. Indessen
blieb ich unter dem Eindrucke dieses Erlebnisses, als Stresemann wenige
Tage darauf abreiste, um in einem Schweizer Kurorte Erholung zu su-
chen. Nachdem ich die Stunde der Abfahrt seines Zuges erfahren hatte,
sagte ich zu meiner Frau: "Fahren wir schnell auf den Bahnhof, denn
Stresemann sehen wir doch nie lebend wieder." Vermutlich war es die
Freude, dem Genfer Kampfe zu entrinnen, die auf ihn einwirkte, aber
er fühlte sich bei der Abreise verhältnismäßig wohl,
lachte und scherzte,
wie es seine Art war. Seine letzten Worte zu mir waren: "Die Weih-
nachtsferien müssen wir wieder einmal zusammen in Lugano ver-
bringen."
Zu einer Verabredung nach sachlichem Einvernehmen mit Stresemann
fuhr ihm der demokratische Führer Erich Koch-Weser am nächsten
Tage
nach. Dieser wollte noch einen letzten Versuch machen, die liberalen Par-
teien zu einigen. Es war zu spät! Stresemann überlebte kaum die
Völker-
bundsversammlung, und kein anderer hatte die geistige Kraft, das deut-
sche Bürgertum zusammenzuführen, das schon begonnen hatte, auf
andere Töne zu lauschen: "Fistula dulce canit, volucrem dum decipit
auspex."
(242)
VII. Kapitel
ABRÜSTUNG
Der Völkerbund ist "zweier Zeiten Schlachtgebiet", auf
dem der histo-
rische Prozeß durchgefochten wird zwischen den neuen und den alten
Ideen der Politik; einerseits dem Gedanken der Herrschaft eines zukünf-
tigen idealen und den Frieden sichernden Völkerrechtes, sowie andrer-
seits der Machtpolitik des Imperialismus. Obgleich dieser Kampf auf
allen Gebieten des öffentlichen Lebens vor sich geht, ist doch die
Ab-
rüstungsfrage der Kernpunkt des Streites, weil das Wort Walter Ra-
thenaus noch nicht Geltung hat, wonach "nicht Rüstungen, sondern
moralische, intellektuelle und wirtschaftliche Kräfte die ausschlaggeben-
den Mittel der internationalen Politik geworden sind". Die Entscheidung
dieses Kampfes wird nicht durch den Völkerbund oder durch die Regie-
rungen herbeigeführt werden, sondern durch die Völker. Darüber
muß
sich jeder klar sein, der in Genf für die Abrüstung streitet.
Eine uner-
läßliche Voraussetzung für den Erfolg dieses Kampfes ist
die feste inner-
liche Ueberzeugung, daß die Völker die Abrüstung wollen
und sie auch
durchsetzen werden. Die Regierungen, die meistens noch in den Ideen
des Imperialismus befangen sind, werden sich nicht bereit finden, eine
ernsthafte Abrüstung vorzunehmen. Aber hinter den Regierungen stehen
die Massen der Völker, die heute ebenso bestimmt die Abrüstung
ver-
langen, wie sie früher die religiöse und politische Freiheit
gefordert und
auch erkämpft haben. Was die Völker ernstlich wollen, erreichen
sie
schließlich immer, und die Regierungen, die sich dem Willen der Völker
widersetzten, haben in der Weltgeschichte immer das Nachsehen gehabt.
Deshalb brauchen wir darüber nicht zu verzweifeln, daß die Abrüstung
vorläufig garnicht vorwärts kommt. Die Frage muß "sub
specie aeter-
nitatis" betrachtet werden, wenn auch im täglichen Kampfe keine
Gele-
genheit zu einem Fortschritt versäumt werden darf. Diese meine Auf-
fassung erleidet dadurch keine Aenderung, daß heute vorübergehend
in der Welt mehr diktatorisch geführte Regierungen bestehen als sonst
üblich. Doch ist immer wieder daran zu erinnern, daß der Völkerbund
eine Diplomatenversammlung ist, die nach Instruktionen der Regierun-
gen handelt. Bisher ist die Abrüstungsfrage im Völkerbund erörtert
worden, während die Völker nur hie und da bei Wahlen ihre Stimme
erheben konnten.
Die Abrüstungsfrage, die von dem Völkerbund behandelt wird, beruht
in ihrem Ursprunge auf den viel besprochenen 14 Punkten des Präsidenten
(243)
Wilson. Nach diesen sollte bei dem Frieden eine Abrüstung herbeige-
führt werden, die den einzelnen Staaten nur soviel Rüstungen
gestattete,
wie ihre innere Sicherheit erforderte. Bekanntlich sind die 14 Punkte in
Versailles fast ganz unter den Tisch gefallen. Die Abrüstung ist aber,
neben einigen anderen wichtigen Forderungen der 14 Punkte, in die
Friedensverträge übergegangen und in dem Völkerbundspakt
verankert
worden. Sie muß heute als die Kernfrage des Völkerbundes betrachtet
werden, weil wir uns nicht vorstellen können, daß der Völkerbund
auf
die Dauer bestehen und weiter ausgebaut werden kann, wenn die Ab-
rüstung nicht durchgeführt wird. Die Völker werden niemals
begreifen,
daß eine Institution, die geschaffen ist um den Frieden zu erhalten,
le-
ben kann, wenn es ihr nicht gelingt, die Abrüstung mindestens allmäh-
lich in die Wege zu leiten. Die Abrüstung ist der Beweis für
die Frie-
densliebe der Staaten. Ohne diesen Beweis werden die Völker weder
an
den Völkerbund noch an den Frieden glauben.
In Versailles hat man schon die Forderung auf Abrüstung verwässert,
indem man an die Stelle des Wilson-Punktes die Bestimmung des Ar-
tikels VIII des Völkerbundspaktes setzte, wonach die nationale Sicherheit
und die geographische Lage der Staaten für ihre Abrüstung maßgebend
sein sollen. Dadurch wurde den Staaten, die nicht abrüsten wollen,
Tür
und Tor geöffnet, um Entschuldigungen zu finden. Immerhin blieb die
Forderung auf Abrüstung bestehen. Diese hat noch eine andere Basis,
die uns Deutsche besonders angeht. In der Präambel zum fünften
Teil
des Versailler Vertrages ist nämlich ausdrücklich erklärt
worden, daß
die uns auferlegte Abrüstung die Vorläuferin derjenigen aller
anderen
Staaten sein soll. Als ich später in die Abrüstungsverhandlungen
eintrat,
wurde allgemein von den anderen Teilnehmern anerkannt, daß die Ab-
rüstungsforderung auf diesen beiden Grundlagen beruhe. Dazu kommt
noch, daß Clemenceau in seiner Note vom 16. Juni 1919 unser Recht
auf Abrüstung der anderen Staaten außerordentlich dadurch gestärkt
hat, daß er es im Namen der Verbündeten noch erläuterte
und einwand-
frei feststellte, daß unsere Abrüstung der Beginn der allgemeinen
Ab-
rüstung sein sollte.
Demnach kann heute kein Zweifel darüber bestehen, daß eine bindende
völkerrechtliche Verpflichtung zur allgemeinen Abrüstung fällig
war,
nachdem unsere Abrüstungsverpflichtung erfüllt wurde. Im ganzen
Ver-
laufe meiner Verhandlungen ist auch niemals der Versuch gemacht
worden, diese völkerrechtliche Verpflichtung abzuleugnen. Nur hin
und
wieder suchte man aus der angeblichen Langsamkeit und Unvollkommen-
heit der deutschen Abrüstung eine Entschuldigung dafür zu finden,
daß
sich die allgemeine Abrüstung nicht vorwärts bewegt habe.
Nach Abschluß des Locarno-Vertrages wurde die Vorbereitende Ab-
rüstungskommission einberufen, weil nunmehr genügende Sicherheit
vor-
handen schien, um auch die Abrüstung zu fördern. Nicht unerwähnt
(244)
darf hier bleiben, daß die früheren Verhandlungen des Völkerbundes,
namentlich diejenigen über das gescheiterte Genfer Protokoll, dahin
ge-
führt hatten, die Trilogie: "Schiedsgericht, Sicherheit und Abrüstung"
zum Leitstern des Völkerbundes zu machen, der auch der Wegweiser der
Verhandlungen der Abrüstungskommission gewesen ist. Zu diesen Ver-
handlungen wurden die am meisten interessierten Staaten des Völker-
bundes eingeladen, sowie die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und
die Türkei. Die beiden letztgenannten Staaten traten jedoch erst später
in die Verhandlungen ein.
Die ersten Besprechungen des Jahres 1926 waren allgemeiner Natur.
Auf englisch-amerikanischer Seite bestand sichtlich der Wunsch, die
Kommission zu einem Erfolge zu führen. Als Pressionsmittel wurde die
Oeffentlichkeit der Verhandlungen bestimmt und der Versuch gemacht,
Herrn Paul-Boncour zum Vorsitzenden zu wählen, wodurch er in höhe-
rem Maße für den Erfolg oder Mißerfolg der Arbeiten verantwortlich
geworden wäre. Er lehnte aber den Vorsitz ab, um seine Aktionsfreiheit
zu bewahren.
Die letztere Episode erscheint vielleicht geringfügig, beleuchtet
aber
doch grell die Situation in der Abrüstungsfrage. Frankreich beherrscht
den Kontinent durch seine unvergleichliche Armee und durch seine poli-
tischen Bündnisse, die dem Geiste des Völkerbundes widersprechen
und
welche die "ratio scripta" von Versailles verewigen sollen. Tatsächlich
bedeutete also damals die Frage an die Welt, ob sie zu Lande abrüsten
wollte, eine Frage an Frankreich. In Erkenntnis dieser Sachlage hätte
die Kommission gern den französischen Vertreter zum Vorsitzenden
gewählt, weil dadurch die politische Situation eine schnellere Klärung
gefunden haben würde. Vielleicht hätte die Weltgeschichte seitdem
einen
anderen Verlauf genommen, wenn uns einige Jahre Abrüstungsverhand-
lungen erspart geblieben wären. Am nächsten sind wir jedenfalls
der
Abrüstung gewesen, als Paul-Boncour seine Rede vom 8. April 1927
hielt, in der er unter anderem sagte:
........ "Il est exact que le préambule de la partie V du Traité
de
Versailles vise les limitations d'armements imposés à l'Allemagne
en
tant que condition et précédent d'une limitation générale
des armements.
C'est même ce qui distingue de façon très nette cette
limitation d'autres
limitations semblables, qui avaient pu être imposées au lendemain
des
guerres, au cours de l'histoire, et qui, d'ailleurs, s'étaient généralement
révélées assez inefficaces."
"Cette fois, ce qui donne toute sa valeur à cette stipulation,
c'est qu'elle
n'est pas seulement une condition imposée à l'un des signataires
du
Traité; elle est un devoir, une obligation morale et juridique faite
aux
autres signataires de procéder à une limitation générale."
Seitdem ist Paul-Boncour allerdings öfters von maßgebender franzö-
sischer Seite wegen obiger Rede zur Ordnung gerufen worden. Trotzdem
(245)
bleibt sie eine der vielen versäumten Gelegenheiten der Weltgeschichte
in der Epoche von Versailles. Deutscherseits war das Prinzip der etap-
penweisen Abrüstung angenommen, also war die Tür zu Verhandlungen
offen, wenn Frankreich wollte. Ich habe mich seitdem oft gefragt, ob
nicht gute persönliche Beziehungen den einzigen Weg weisen, der all-
mählich zur deutsch-französischen Versöhnung führen
kann. Ich stand
mit Paul-Boncour in freundschaftlichem Verkehr, ähnlich wie Strese-
mann mit Briand. Dieser Weg ist zwar ein sehr langsamer, aber er ist
hoffnungsvoller, als wenn man sich wie zwei böse Hunde gegenseitig
an-
bellt, und andere Völker gegeneinander aufhetzt. Dabei kann man nicht
sagen, daß die deutschen Militärs meine Verhandlungen mißbilligt
hätten, wie die beiden folgenden Briefe der Reichswehrminister beweisen,
mit denen ich arbeiten durfte.
Der Reichswehrminister.
Berlin W 10, den 4. Mai 1927.
Sehr verehrte Exzellenz!
Nachdem ich soeben den Vortrag der Offiziere entgegengenommen
habe, die mit Ihnen in Genf waren, möchte ich mir erlauben, Ihnen
meinen allerwärmsten Dank für die so entschiedene und eindrucksvolle
Vertretung der vaterländischen und insbesondere der militärischen
In-
teressen im Verlauf der jetzt abgeschlossenen ersten Lesung der Arbei-
ten der Vorbereitenden Kommission auszusprechen. Ich habe schon wäh-
rend der Verhandlungen nach Zeitungen und Berichten Ihr so bedeut-
sames Wirken mit wärmster Teilnahme und Zustimmung verfolgt.
Der mündliche Bericht der militärischen Sachverständigen
hat auf mich
einen tiefen Eindruck gemacht und mir gezeigt, auf wie harmonische
und liebenswürdige Grundlage Sie das Zusammenarbeiten mit meinen
Offizieren gestellt haben. Auch dafür darf ich Ihnen von Herzen danken.
Mit dem Ausdruck meiner freundschaftlichen Gesinnung bin ich,
verehrter Herr Graf, Ihr aufrichtig ergebener
gez. Geßler.
Berlin-Steglitz, 14.11.32.
Sehr verehrter Herr Graf!
Zu Ihrem 70. Geburtstage sende ich Ihnen die wärmsten Glück-
wünsche und gedenke dabei der großen Verdienste, die Sie sich
bei der
Vorbereitung der Abrüstungskonferenz erworben haben. Als Reichswehr-
minister konnte ich die ungeheuerlichen Schwierigkeiten, die Sie zu
überwinden hatten, ganz besonders würdigen. Es ist nicht zuletzt
Ihr
Verdienst, wenn die Stellung Deutschlands in der Abrüstungsfrage mehr
(246)
und mehr gestärkt und eine uns günstigere internationale Atmosphäre
geschaffen wurde. Mögen Ihnen Gesundheit und ein langes Leben be-
schieden sein, um die Früchte Ihrer Arbeit reifen zu sehen!
Mit herzlichen Grüßen und aufrichtiger Verehrung bin ich Ihr
sehr
ergebener
gez. Groener.
In den sechs Jahren, die ich in Genf über die Abrüstung verhandelt
habe, bin ich immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß Frankreich
keinesfalls abrüsten werde, was wir auch sagen oder tun möchten.
Nach
der historischen Technik der Diplomatie betrachtete ich es daher als
meine einzige Pflicht, mich ins Recht und den Gegner ins Unrecht zu
setzen. Damals war dies auch nicht unmöglich, da wir die Verträge
er-
füllt hatten und die Franzosen nicht. Diesen lag es ob, mit der Erfül-
lung der Abrüstungsverpflichtung zu beginnen.
Nach den allgemeinen Verhandlungen des Jahres 1926 wurden Un-
terkommissionen eingesetzt, insbesondere eine militärische und eine
wirtschaftliche, von denen die erstere viel länger gearbeitet hat
als die
letztere. Die militärische Unterkommission gab nach sechsmonatiger
angespannter Tätigkeit ein umfangreiches Protokoll heraus. Ueber diese
Arbeit der militärischen Sachverständigen hat man sich sehr lustig
ge-
macht. Gewiß werden Militärs nicht geneigt sein abzurüsten,
und inso-
fern war man berechtigt, diese Kommission mit einer Konferenz von
Schuhmachern zu vergleichen, die über die Abschaffung der Schuhe
beschließen solle. Andrerseits darf man nicht übersehen, daß
die Regie-
rungen sich hinter ihre Sachverständigen zurückzuziehen pflegen.
Wenn
die Militärs sich nicht zuerst in die Frage vertieft hätten,
würden die
Regierungen gesagt haben, daß die militärische Grundlage für
die Ab-
rüstung fehle. Insofern ist das Protokoll der militärischen Unterkom-
mission von sehr großem Werte. Es enthält eine vollkommene theoretische
Darstellung der gesamten Abrüstungsfrage vom militärischen Stand-
punkte, und zwar geht aus diesem Kompendium unleugbar hervor, daß
die Abrüstung technisch möglich und daher durchführbar ist,
sobald
die Regierungen die politische Entscheidung treffen, daß sie vorge-
nommen werden soll.
Nach Erledigung der Arbeit der Unterkommissionen tagte die Vor-
bereitende Abrüstungskommission im Frühjahre 1927. Ihren Verhand-
lungen lagen zwei Vertragsentwürfe zugrunde, die von englischer und
französischer Seite eingebracht worden waren. Die beiden Entwürfe
wur-
den in erster Lesung behandelt und sollten in dieser zu einem einzigen
verschmolzen werden. Einen solchen einheitlichen Entwurf eines inter-
nationalen Abrüstungsabkommens herzustellen, gelang aber nicht in
der
ersten Lesung. Statt dessen kam nur ein Bericht zustande, der die ent-
(247)
gegenstehenden Meinungen anführte, und der baldigst in einer zweiten
Lesung vereinheitlicht werden sollte.
Die Aufgabe der Vereinheitlichung des Berichtes der "Préparatoire"
zu einer Abrüstungskonvention wurde de facto nie erfüllt. Dadurch
ent-
stand aber, außer einem großen Zeitverlust, kein besonderer
Schaden,
da die Abrüstungskonferenz doch in ihrem Papierkorbe alles Material
der "Préparatoire" verschwinden ließ. Die Gegensätze
zwischen den
Großmächten verschuldeten in erster Linie den Mißerfolg,
doch muß
gesagt werden, daß die Arbeitsmethoden des Völkerbundes auch
wesent-
lich zu dem Ergebnisse beitrugen. Obgleich der Völkerbund einstweilen
nur eine Diplomatenversammlung ist, verhandelt er immer wie ein Par-
lament. Bei jeder möglichen oder unmöglichen Gelegenheit werden
lange
Reden gehalten, deren größerer Teil die Arbeit keineswegs fördert.
Die
Völkerbundligen haben diese Gefahr vorausgesehen und in ihrer Ge-
schäftsordnung den Grundsatz aufgestellt, daß niemand länger
als zehn
Minuten reden darf. Die Regel funktioniert sehr gut und sollte von
dem Völkerbunde eingeführt werden. Wenn dieser die kommenden
Stürme nicht überlebt, so müßte auf seinen Leichenstein
geschrieben
werden: "Er wurde totgeredet." Die Idee des Völkerbundes
wird, mei-
ner Ansicht nach, niemals wieder verschwinden, doch muß gegebenen-
falls die zweite Auflage desselben von den Fehlern der ersten lernen.
Trotz des unrühmlichen Endes der "Préparatoire" sind
die fünf Teile
des damaligen Berichtes erwähnenswert, weil sie geeignet sind, die
Ab-
rüstungsfrage zu klären.
Der erste Teil behandelte die Personalbestände, deren Einschränkung
selbstverständlich war, wenn eine Abrüstung durchgeführt
werden sollte.
Strittig war indessen das Maß und die Methode einer solchen Einschrän-
kung. Hier standen sich die deutsche und die französische These unver-
einbar gegenüber, wobei wir zuerst die englische und die amerikanische
Unterstützung genossen. Nach deutscher Auffassung würde ein Ab-
rüstungsabkommen nicht den Namen eines solchen verdienen, wenn die
Einschränkung sich nicht auf die Mannschaften unter der Fahne und
die
ausgebildeten Reserven bezöge. Frankreich mit seinem Anhang bekämpfte
diesen Standpunkt auf das äußerste. Die französische These
ging davon
aus, daß die Abrüstung allmählich auf dem Wege der Herabsetzung
der
Dienstzeit durchgeführt werden sollte, bis schließlich in allen
kontinen-
talen Staaten die Miliz eingeführt sei. Bei dieser These ist allerdings
eine Einschränkung der Reserven nicht möglich, weil das ganze
Volk
dann zur Reserve gehört. Wer aber eine ernste Abrüstung wünscht,
kann
diese These nicht annehmen, weil heute die Reserven das Rückgrat der
Landarmeen bilden, und weil es sehr fraglich ist, ob die Völker der
Ge-
genwart die mit der Miliz verbundene allgemeine Wehrpflicht sich auf
die Dauer werden gefallen lassen. Die uns aufgezwungene Abrüstung
(248)
schaffte die allgemeine Wehrpflicht ab. Die vertragsmäßige Abrüstung
hätte daher auf dem gleichen Wege vor sich gehen müssen, um so
mehr,
als man uns immer vorhielt, daß unser damaliges Wehrsystem ein so
vorzügliches sei. Jedenfalls würde die Durchführung der
französischen
These auf Jahre hinaus jede ernstliche Abrüstung zu Lande ausschließen,
namentlich da die Franzosen auch jede sofortige Herabsetzung der
Dienstzeit oder des jährlichen Rekrutenkontingents bestimmt ablehnten.
Die Ungleichheit der Rüstungen bliebe bestehen, und damit auch die
Lahmlegung des Völkerbundes, der seinem Wesen nach die Gleichheit
der Mitglieder verlangt, um funktionieren zu können. Was auch immer
seitdem für Ereignisse eingetreten sind, damals wollten wir jedenfalls
mit Recht allmählich in das System der Abrüstung einrücken.
Ein Vor-
gehen in Etappen haben wir immer als annehmbar bezeichnet, aber die
erste Etappe mußte eine wesentliche, und das Endziel erkennbar sein.
Wenn man zuerst uns ein System aufzwingt und dieses dann für die
allgemeine Abrüstung verwirft, um ein anderes zu wählen, so ist
auch
in der Ferne keine Gleichheit der Mitglieder des Völkerbundes zu sehen,
und auf diese kommt es eben an, wenn der Völkerbund gedeihen soll.
Abgesehen von allen anderen Gründen, wollen die Franzosen an der all-
gemeinen Wehrpflicht festhalten, weil jedes andere Wehrsystem die Repu-
blik bedrohen könnte.
Der zweite Teil des Berichts betraf das Material. Dieses hat in mo-
dernen Kriegen eine so ausschlaggebende Bedeutung, daß eine Ab-
rüstung ohne direkte Beschränkung sämtlichen Materials garnicht
denkbar ist. Die meisten Staaten wollten aber nur das Material im Ge-
brauche und nicht die gelagerten Vorräte beschränken. Außerdem
wollten
sie keine direkte prozentuale Herabsetzung des Materials vornehmen,
sondern nur die im Budget zu bewilligenden Mittel verringern, eine
Frage, die zum dritten Teile führt, der sich auf das Budget bezog.
Eine Herabsetzung der Rüstungen durch Limitierung des Budgets
war nach deutscher Auffassung nicht möglich, weil die Systeme der
Rüstungen in den verschiedenen Ländern gar zu sehr voneinander
abwei-
chen. So sind zum Beispiel die Kosten für ein Heer, wie das damalige
unsrige, das aus Berufssoldaten bestand, im Vergleich zu den Kosten
der Länder mit allgemeiner Wehrpflicht so ungeheuer groß, daß
schon
dies eine Beispiel genügt, um zu zeigen, daß man Länder
mit verschie-
denen Wehrsystemen, bezüglich ihres Heeresbudgets, nicht vergleichen
kann. Das Budget vermag man sehr gut als akzessorisches Mittel zur
Kontrolle der Abrüstung zu benutzen, aber nicht als das einzige Kri-
terium, weil dieses zu vollkommen schiefen Bildern führen würde.
Der vierte Teil behandelte den chemischen Krieg. Bekanntlich wurde
bereits auf der Waffenhandelskonferenz von 1925 der Beschluß gefaßt,
den chemischen und bakteriologischen Krieg zu verbieten, doch sind alle
Bestimmungen des Waffenhandelsabkommens noch nicht ratifiziert. Deut-
(249)
scherseits muß aber immer wieder energisch verlangt werden, daß
ein
Verbot des chemischen, des bakteriologischen und des Luftkrieges erfolgt.
Wenn dies nicht erreicht wird, und wenn es nicht gelingt, einen künf-
tigen Krieg zu vermeiden, dürfte dieser vorwiegend in der Luft und
mit
den Erzeugnissen der chemischen Industrie geführt werden. Das bedeu-
tet, daß der nächste Krieg nicht in erster Linie, auch nicht
einmal haupt-
sächlich zwischen den Militärs der Nationen sich abspielen wird,
sondern
daß die Zivilbevölkerung, die sich nicht zu schützen vermag,
noch viel
mehr als die Militärs von den Leiden des Krieges mitgenommen wer-
den wird. Wenn die erwähnten Kriegsarten alle verboten werden, so
wird man auch nicht mehr in Genf den Versuch machen, bei der Ab-
rüstung die Zivilluftfahrt einzuschränken. Merkwürdigerweise
war näm-
lich bisher die größte Bereitwilligkeit zur Abrüstung auf
dem Gebiete
der Zivilluftfahrt vorhanden, die man ganz würde freigeben können,
wenn der Luftkrieg verboten wäre. Die Abrüstung darf nicht dazu
be-
nutzt werden, um Fortschritte der Technik zu verhindern, sondern sie
muß ausschließlich gegen die Kriegsvorbereitungen gerichtet
sein.
Der fünfte Teil betraf die Organisation der Abrüstung. Hier muß
ein Punkt besonders erwähnt werden, der, wenn auch nicht eine Recht-
fertigung, so doch wenigstens eine Entschuldigung dafür bietet, daß
bis-
her keine Ergebnisse in der Abrüstungsfrage erzielt wurden. Eine ver-
tragsmäßige Regelung der Abrüstung würde einen ungeheuren
Fort-
schritt in der Weltgeschichte bedeuten, weil nach Artikel VIII der Völker-
bundsakte ein Staat, der abgerüstet hat, ohne Genehmigung des Völker-
bundsrates niemals wieder aufrüsten darf. Die Frage der Rüstungen
würde also vollkommen internationalisiert werden, und jeder Staat
würde
zugunsten des Völkerbundes auf das bisherige höchste Souveränitäts-
recht verzichten. Man begreift, daß Staaten, die nicht durch Zwang
abgerüstet worden sind, sich gegen die Einführung einer solchen
Neue-
rung sträuben. Nachdem aber diese Bestimmung in die Verträge
aufge-
nommen wurde, muß sie durchgeführt werden. Sonst liegt ein Vertrags-
bruch vor. In diesem Zusammenhange wurde von französischer Seite
immer eine Kontrolle der Abrüstung verlangt, obgleich die englisch
sprechenden Nationen eine solche nicht annehmen und die Abrüstung
auf Treu und Glauben aufbauen wollten. An sich erscheint es wenig
wahrscheinlich, daß ein Staat, der einmal ein Abrüstungsabkommen
unterzeichnet hat, das Odium der Verletzung desselben auf sich nehmen
wird, ganz abgesehen davon, daß eine automatische Kontrolle durch
die
Arbeiterschaft Platz greifen und genügend wirksam sein wird.
Einige Monate nach der ersten Lesung des Vertragsentwurfes sollte
eine zweite stattfinden, die indessen sehr lange hinausgeschoben wurde,
weil zunächst der Versuch gemacht worden ist, durch Regierungsverhand-
(250)
lungen die vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen. Diese lagen nicht
so sehr in den oben erwähnten Fragen, an denen wir besonders interes-
siert sind, wie in der Abrüstung zur See. Die großen Seemächte
ver-
langten die Abrüstung nach Schiffskategorien, während die kleinen
nur
die Globaltonnage als Maßstab anwenden wollten. Die Abrüstung
nach
Kategorien wäre eine direkte Fortsetzung der Washingtoner Kon-
ferenz. Deshalb haben auch zunächst die großen Seemächte
versucht,
sich 1927 auf einer Genfer Zusammenkunft, der sogenannten Coolidge-
konferenz, zu einigen, was aber nicht gelang, weil die Amerikaner mehr
große und die Engländer mehr kleine Kreuzer haben wollen. Hinter
die-
sem Streit um die Kreuzer stand die große Frage der sogenannten
"Freiheit der Meere", die schon im Weltkriege eine so wichtige
Rolle
spielte, und die praktisch auf die Abschaffung des Seebeuterechts und
der Blockade hinauskommt. Nach dem amerikanischen Friedenspro-
gramm sollen auch im Kriege alle Handelsschiffe vollkommen ungestört
auf dem Meere fahren dürfen. Dem steht die englische historische
Tradition entgegen und allerdings auch das heute geltende Völkerbunds-
recht. Andrerseits dürfte eine ernstliche Abrüstung niemals zustande-
kommen, wenn sich die Vereinigten Staaten und England nicht dar-
über einigen und dann auf die anderen Staaten einen entsprechenden
Druck ausüben.
Die Völkerbundsversammlung des Jahres 1927 mußte zusammen-
treten, ohne daß ein Ergebnis der Abrüstungsverhandlungen vorlag.
Sie
hat aber wenigstens das Verdienst gehabt, das Verhältnis von Sicherheit
und Abrüstung zu klären. Bis dahin war noch oft gesagt worden,
daß
die vorhandene Sicherheit nicht zum Beginne der Abrüstung genüge.
Jetzt kam nach langen Kämpfen in der III. Kommission eine Reso-
lution zustande, die diese Frage endgültig regelte. Danach sollte
ein
Sicherheitskomitee eingesetzt werden, das für Fortschritte in der
Sicherheit zu sorgen hatte, andrerseits wurde aber bestimmt, daß
die
Abrüstung in Etappen vor sich gehen, die erste Abrüstungskonferenz
auf dem Boden der bereits vorhandenen Sicherheit stattfinden sollte,
und daß diese erste Konferenz, der weitere zu folgen hätten,
möglichst
bald einzuberufen sei, um den Umfang der ersten Etappe zu bestimmen.
Seit dieser Resolution lag also das Hindernis der Weiterarbeit nicht
an der Sicherheit, sondern an den vorhandenen konkreten Differenzen
zwischen den Mächten.
Folgerichtig wurde hierauf die Abrüstungskommission im Dezember
1927 einberufen, um das Sicherheitskomitee zu konstituieren. Die Ta-
gung war so dicht vor Weihnachten gelegt worden, daß von einer zwei-
ten Lesung des Vertragsentwurfes keine Rede sein konnte. In dieser
Session hätte sich daher, außer der Einsetzung des Sicherheitskomitees
nichts ereignet, wenn nicht die Vertreter der Sowjetunion zum ersten
Male erschienen wären und dadurch eine neue Situation geschaffen
(251)
hätten. Sie machten gleich sehr radikale Abrüstungsvorschläge,
deren
Annahme natürlich ausgeschlossen, deren Ablehnung aber auch nicht
erwünscht war. Deshalb kam es zur Annahme meines Kompromiß-
antrages, der dahin ging, daß die Vorschläge der Sowjetvertreter
im
März 1928 gleichzeitig mit der zweiten Lesung des Vertragsentwurfes
zur Erörterung gelangen sollten.
Damals spielte sich so manches – man könnte mit Nietzsche sagen:
Menschliches, allzu Menschliches – in Genf ab. Namentlich wenn ich
an die spätere gemeinsame Glanzzeit von Litwinow und Barthou denke,
so kann ich nur mit Heiterkeit mich der Tatsache erinnern, daß wir
Deutschen, insbesondere ich, damals die einzigen waren, die politischen
und gesellschaftlichen Verkehr mit den Sowjetvertretern pflegten. Zu
dem Diner, das meine Frau und ich ihnen gaben, konnten wir nur
Deutsche einladen, da andere nicht gekommen wären. Aus dieser Zeit
stammt der schon oben wiedergegebene Brief Rantzaus an mich.
Ganz harmloser Natur war dagegen der fast tägliche Scherz, der sich
damals in der Kommission abspielte. Der englische Vertreter war Lord
Cushendun. Im Sitzungssaal entstand immer eine ziemlich große Wärme.
Lord Cushendun bekam einen feuerroten Kopf und ließ ein Fenster
öffnen, worauf sich ein, jedem Franzosen entsetzlicher "courant
d'air"
entwickelte. Paul-Boncour erhob sich, holte seinen Ueberzieher und zog
ihn an. Ein mitleidiger Saaldiener schloß das Fenster, worauf das
gleiche Spiel nach einiger Zeit wieder anfing. Englische und fran-
zösische Lebensgewohnheiten sind eben noch schwerer zu vereinigen,
als
ihre Politik, und solche Erlebnisse brachten den Delegierten die Heiter-
keit, welche die unfruchtbaren Verhandlungen wahrlich nicht erzeugen
konnten.
Als der März 1928 kam, war, außer bei den Deutschen und den
Sowjetvertretern, an keiner Stelle Neigung vorhanden, die Arbeit fort-
zuführen, weil die Auffassung sich durchgesetzt hatte, daß nur
diplo-
matische Verhandlungen zu einem Ergebnis führen könnten, und
daß es
daher ein Fehler wäre, die Abrüstungskommission einzuberufen.
Dem-
gegenüber war deutscherseits die Auffassung geltend zu machen, daß
die Abrüstung Sache des Völkerbundes ist, der sich nicht ausschalten
lassen darf, und daß die Abrüstungskommission, da sie aus Vertretern
der Regierungen bestand, ebensogut wie die diplomatischen Organe ver-
handeln konnte. Am liebsten hätte man die Session der Abrüstungs-
kommission abgesagt, was sich aber nicht gut machen ließ, da die
Amerikaner, die Vertreter der Sowjetunion und neuerdings auch die
Türken bereits eingeladen waren. Von vornherein bestand indessen bei
der großen Mehrheit der Kommission die Absicht, die Sowjetvorschläge
den Regierungen zu überweisen und dann auseinanderzugehen, um die
Ergebnisse der diplomatischen Verhandlungen abzuwarten. Bevor diese
Beschlüsse gefaßt werden konnten, wurde die Kommission zum Tum-
(252)
melplatz einer heftigen Erörterung über die Politik der Sowjetunion
im allgemeinen, wobei man deren Vorschläge als unehrlich, als bewußte
Störung der Abrüstung und sogar als Sabotage bezeichnete. Es
war ent-
schieden ein Fehler, die Sowjetvertreter so zu behandeln, und zwar,
weil sie vom Völkerbunde eingeladen waren, weil man sie immer wie-
der aufgefordert hatte, in den Völkerbund einzutreten, weil stets
gesagt
worden war, daß ohne Mitwirkung der Sowjetunion eine Abrüstung
unmöglich sei, und weil die Sowjetvertreter sehr weitgehende Ab-
rüstungsvorschläge gemacht hatten, über deren Ernst und
Ehrlichkeit
man allerdings verschiedener Meinung sein konnte. Die Vermutung
spricht aber dafür, daß die Sowjetvertreter in Genf ein Sprungbrett
suchten, um aus ihrer Isolierung herauszukommen, und daß sie die
Rüstungen entbehrlich finden, da sie die Propaganda als Waffe be-
nutzen. Gegen diese würden sich die europäischen Mächte
am besten
schützen, wenn sie ihren Völkern die Last der Rüstungen
abnehmen
wollten. Wie dem auch sei, jedenfalls war die Abrüstungskommission
nicht der Ort, um eine weitgehende Erörterung über die Sowjetunion
als solche anzustellen. Dort sollte jeder willkommen sein, der abrüsten
will. Deshalb mußten wir Deutsche uns zu den Sowjetvorschlägen
freundlich stellen, wenn es auch klar ist, daß die Abrüstung
nicht so
schnell vor sich gehen kann, wie die Sowjetvertreter wollten. Auch
waren wir durch die Resolutionen des Völkerbundes an dessen Methode
gebunden. Andrerseits war das total abgerüstete Deutschland garnicht
in der Lage, weitergehende Vorschläge abzulehnen, falls sie von dritter
Seite vorgebracht wurden. Auch wenn es niemals einen Berliner- oder
Rapallo-Vertrag gegeben hätte, würde die deutsche Haltung in
Genf
die gleiche gewesen sein, weil es sich hier nicht um die sogenannte
hohe Politik handelte, sondern lediglich um die Abrüstung. Die März-
session der Abrüstungskommission endigte trotz meines lebhaften Ein-
greifens mit einer vollkommenen Stagnation, und es blieb nichts übrig,
als die Frage vor die Völkerbundsversammlung von 1928 zu bringen.
Immerhin wurde deutscherseits in der Märzsession noch ein überaus
wichtiger Antrag eingebracht, der auch den Regierungen zur Prüfung
überwiesen worden ist. Wir forderten die unbedingte Oeffentlichkeit
aller Rüstungen, eine Forderung, die den Kern der Sache trifft. Ar-
tikel VIII des Völkerbundspaktes verlangt in seinem Absatz 6, daß
die
Staaten eine absolute Offenheit in allen ihren Rüstungsfragen gelten
lassen sollen, und daß sie sich gegenseitig vollständige Mitteilungen
dar-
über zu machen haben. Absatz 6 des Artikels VIII ist ein Teil der
Frie-
densverträge, der noch niemals erfüllt worden ist, obgleich gar
kein
Grund vorliegt, warum er nicht erfüllt werden sollte, da die Ver-
pflichtung von keinerlei Vorbedingung abhängig ist. Wenn die Staaten
durch die Annahme des deutschen Antrages genötigt würden, vollkom-
men offen und ehrlich zu sagen, was sie an Rüstungen haben, so wäre
(253)
die Abrüstung ganz leicht durchzuführen, weil die Herabsetzung
um
10, 20 oder 30 % der allseits bekannten Rüstungen eine ganz einfache
Sache ist. Doch trat im Verlaufe der Verhandlungen klar hervor, daß
die Staaten, deren Neigung zur Abrüstung gering ist, ebensowenig Ge-
fallen an der Publizität finden, denn sie erkennen eben, daß
hier der
Angelpunkt der ganzen Frage liegt. Die seitdem von den Sowjets ge-
triebene Politik läßt meine damalige Auffassung über sie
berechtigt
erscheinen.
Als die Völkerbundsversammlung im September 1928 zusammentrat,
war es um die Abrüstung recht hoffnungslos bestellt. Deutscherseits
wurde daher die Gelegenheit von Reichskanzler Hermann Müller er-
griffen um die schleunige Beendigung der langwierigen Verhandlungen
zu verlangen, sowie die Einberufung der Abrüstungskonferenz und eine
wesentliche Herabsetzung der Rüstungen. Selbstverständlich fanden
diese
deutschen Forderungen keine freundliche Aufnahme. In der III. Kom-
mission herrschte die Ansicht, daß man die Ergebnisse der diplomatischen
Verhandlungen ruhig abwarten und dem Vorsitzenden der Abrüstungs-
kommission überlassen müsse, diese einzuberufen, sobald die diplomatischen
Verhandlungen einen günstigen Ausgang gefunden hätten. Meinerseits
wurde immer wieder betont, daß die Abrüstungskommission und
die
erste Abrüstungskonferenz die Instanzen seien, vor denen die Frage
ausgetragen werden müsse. Diese Instanzen wären nicht lediglich
dazu
berufen, das Ergebnis diplomatischer Verhandlungen zu registrieren.
Schließlich wurde Deutschland die Konzession gemacht, daß die
Ab-
rüstungskommission jedenfalls in der ersten Hälfte des Jahres
1929
einberufen werden solle, und außerdem erkannte man an, daß
die be-
stehende Sicherheit die erste Etappe der Abrüstung gestatte, aber
die
erste Konferenz wollte niemand außer uns einberufen haben. Auf Grund
dieses Beschlusses trat wirklich die Abrüstungskommission Mitte 1929
zusammen, obgleich die diplomatischen Verhandlungen ohne Ergebnis
geblieben waren und wieder niemand außer uns und der Sowjetunion
die Fortführung der Arbeit wünschte.
Inzwischen hatten, nachdem die Coolidge-Konferenz gescheitert war,
englisch-französische Verhandlungen stattgefunden, die insofern von
Er-
folg begleitet waren, als die Franzosen sich bereit erklärten, unter
ge-
wissen Modalitäten auf die Beschränkung nach Schiffs-Kategorien
ein-
zugehen, während die Engländer dafür die Konzession machten,
daß
die ausgebildeten Reserven der Landarmeen von der Beschränkung frei-
bleiben sollten. Da aber nach dieser Abmachung gerade die großen
Kreuzer beschränkt und die kleinen freibleiben sollten, sprachen sich
die Amerikaner scharf dagegen aus, worauf die Engländer wiederum
die Abmachung als hinfällig bezeichneten, da sie nur brauchbar sei,
wenn sie allseitig angenommen würde. Bei dieser Sachlage glaubte nie-
mand, daß die Abrüstungskommission würde Fortschritte machen
kön-
(254)
nen. Die Seerüstungen sollten noch nicht besprochen werden, und andrer-
seits stehen die Franzosen auf dem Standpunkte, daß für sie
nur eine
solche Abrüstung in Frage kommt, die gleichzeitig die Rüstungen
zu
Lande, zur See und in der Luft umfaßt. Diese Auffassung bildete in
der Kommission immer einen amerikanisch-französischen Differenzpunkt,
weil die Amerikaner für regionale Abrüstung eintraten, worin
für uns
die Gefahr lag, daß die Amerikaner, der langen Verschleppung müde,
die Seeverhandlungen eines Tages nach Washington verlegen und die
europäischen Mächte sich selbst, das heißt dem Militarismus
überlassen
könnten.
Die Session der Abrüstungskonferenz verlief ganz anders als erwartet
worden war, weil der amerikanische Präsident Hoover seinen Ver-
treter Gibson die Führung übernehmen ließ. Wie man auch
im ein-
zelnen über die amerikanische Taktik denken mag, jedenfalls war es
ein
Gewinn, daß Präsident Hoover seine Abrüstungsaktion in
die Völker-
bundskommission verlegte, wodurch er andere Verhandlungen außerhalb
derselben unmöglich machte und die Landmächte unter moralischem
Druck hielt. Allerdings würde dieser moralische Druck sehr stark sein
müssen, falls er den europäischen Militarismus eindämmen
soll.
"Vestigia terrent", wenn man sich an Versailles erinnert, wo
der
amerikanische Idealisrnus die Gier des europäischen Imperialismus
stark
unterschätzte und deshalb versagte. Zunächst mußte aber
ein Erfolg
der Seeabrüstung erzielt werden, ehe überhaupt an einen moralischen
Druck zu denken war, der eine nennenswerte Landabrüstung herbei-
führen könnte.
Ohne viel Schwierigkeit erkannte die Kommission an, daß sie nun
endlich in die zweite Lesung eingetreten sei. Ferner nahm sie den
Sowjetvorschlägen gegenüber eine viel ruhigere Haltung als früher
ein,
ebenso wie auch die Sowjetvertreter deutlicher zum Ausdruck brachten,
daß sie ihre Beziehungen mit Genf aufrecht erhalten wollen. So kam
denn eine Ausgleichsformel zustande, welche die Sowjetvorschläge nicht
einfach verwarf, sondern den Sowjetvertretern die Möglichkeit eröffnete,
ihre Anträge sowohl einzeln von Fall zu Fall, sowie en bloc bei der
Ab-
rüstungskonferenz wieder vorzubringen.
Als man dann zur Behandlung der Hauptfragen der Personalbe-
stände und des Materials gelangte, erfolgten die amerikanischen Er-
klärungen, die der Session das Gepräge gaben. In der Frage der
See-
abrüstungen teilte Gibson mit, daß die Vereinigten Staaten in
dem
ernsten Willen, eine Einigung in der Flottenfrage zu erzielen, bereit
seien, auf einen Vorschlag als Diskussionsbasis zurückzugreifen, den
der
französische Delegierte Paul-Boncour früher gemacht hatte. Danach
sollte innerhalb einer Globaltonnage für jedes Land die Tonnage für
die
einzelnen Schiffskategorien, daneben aber ein gewisser Prozentsatz fest-
gesetzt werden, der von einer auf die andere Kategorie übertragbar
(255)
wäre. Außerdem deutete Gibson die Möglichkeit einer amerikanischen
Konzession gegenüber England an, im Hinblick auf die Einführung
eines
neuen Bewertungsverfahrens für die Kreuzer. Die amerikanischen Er-
klärungen führten zu entgegenkommenden, aber unverbindlichen
Ant-
worten der Vertreter der anderen Seemächte, doch kam es nicht zu einer
eingehenden Behandlung der Seeabrüstung.
Die Vertreter der Seemächte beantragten vielmehr, die Marinefragen
zu vertagen, bis die Regierungen die amerikanischen Anregungen ein-
gehend geprüft hätten, was denn auch von der Kommission beschlossen
wurde.
Zu den Personalbeständen erklärte Gibson, daß die Vereinigten
Staa-
ten zwar bei der Auffassung beharrten, daß die ausgebildeten Reserven
bei der Abrüstung zu Lande erfaßt werden müßten,
daß sie sich aber
in dieser sie weniger interessierenden Frage der Mehrheit anschließen
würden, damit ein Abrüstungsabkommen zustande käme. Jetzt
hatte die
französische These gesiegt, und ein deutscher Vermittlungsantrag war
unter den Tisch gefallen, der den Versuch machen wollte, durch ein
Bewertungsverfahren einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Wehr-
systemen herzustellen.
Aehnlich trat Gibson in der Frage des Heeresmaterials auf. Auch
hier erklärte er gleich zu Anfang, daß die Vereinigten Staaten
auf ihrer
seitherigen These, wonach das auf Lager befindliche Material ebenso
wie das im Dienste befindliche erfaßt werden müßte, nicht
weiter be-
stehen wollten. Dagegen erklärte er, nicht auf die von der französischen
Gruppe vertretene Auffassung eingehen zu können, wonach eine Be-
schränkung des im Dienste befindlichen Materials nur auf dem Wege
der
Beschränkung des Budgets erfolgen solle. Für dieses Material
komme
nur die direkte Beschränkung in Betracht. Da in der Materialfrage
eine Einigung zwischen der amerikanischen und der französischen These
nicht möglich war, wurde schließlich auf jegliche Erfassung
des Ma-
terials verzichtet. Von französischer Seite erfolgte keinerlei Konzession.
Da nach deutscher Auffassung ein Abrüstungsvertrag nur eine Schein-
lösung bedeuten würde, wenn nicht die Personalbestände unter
den
Fahnen, die ausgebildeten Reserven, das im Dienste befindliche Material
und das stockierte Material erfaßt würden, war jetzt, wo nur
noch eine
Erfassung der Personalbestände unter den Fahnen in Frage kam, für
mich der Moment gekommen, in einer etwas feierlichen Form von der
Arbeit der Kommission abzurücken. Diese Haltung mußte ich einneh-
men, weil wir vermutlich später das Abkommen nicht würden unter-
schreiben können, wenn nicht noch die Abrüstungskonferenz eine
bessere
Arbeit verrichtete. Für die bisherigen Leistungen mußte die
Mehrheit
der Kommission allein die Verantwortung tragen.
Die Kommission hatte noch einige andere Fragen zu erledigen. Zu-
nächst den chinesischen Antrag auf Abschaffung der allgemeinen Wehr-
(256)
pflicht, und einen recht radikalen türkischen Abrüstungsvorschlag.
Beide
erhielten ein ehrenvolles Begräbnis mit Aussicht auf eine Auferstehung
in der Abrüstungskonferenz. Das Kapitel über den chemischen Krieg
enthielt für die Konventionsteilnehmer im wesentlichen die gleichen
Verpflichtungen, welche die Unterzeichner des Genfer Gaskriegproto-
kolls von 1925 übernommen haben. Ein von mir im Anschluß hieran
eingebrachter Antrag auf Verbot des Bombenabwurfs aus der Luft wurde
abgelehnt, wie die Kommission überhaupt keine Neigung zeigte, in die
Abrüstungskonvention Verbote einzelner bestimmter Kampfmittel auf-
zunehmen.
Die Behandlung der restlichen Abschnitte des Konventionsentwurfes
über Budgetfragen und Organisation, wozu auch die Kontrolle und die
Publizität gehörten, wurde zusammen mit den Marinefragen auf
die
zweite Hälfte der Tagung der Kommission verschoben. Deren Wieder-
einberufung sollte durch den Präsidenten erfolgen, sobald er der An-
sicht war, daß die Vorbereitungen der Marinefragen ausreichende Fort-
schritte gemacht hätten.
Dieser Fall trat erst Ende 1930 ein, und die dann stattfindende
letzte Tagung der "Préparatoire" spielte sich ganz im
Schatten der
Londoner Konferenz ab. Das Interesse der großen Seemächte –
vor
allem der Vereinigten Staaten und Englands – war so ausschließlich
auf die Festsetzung des in London erreichten Ergebnisses abgestellt,
daß niemand meinem Vorwurfe widersprechen konnte, die Mehrheit der
Kommission habe den Gedanken der Landabrüstung den Interessen
der Seeabrüstung geopfert.
Indessen wurde der formale Abschluß der Tätigkeit der "Prépara-
toire" erreicht.
Diese Feststellung bedeutet nahezu das einzige positive Ergebnis, das
in der Bilanz der Kommission auf der Aktivseite zu buchen ist. Wenn
wenigstens ein solcher formaler Abschluß erreicht wurde, so war das
einmal die Folge der entsprechenden deutlichen Entschließungen der
vorigen Bundesversammlung und ihrer III. Kommission, erklärt sich
aber auch daraus, daß wohl bei jedem der Delegierten der persönliche
Wunsch erkennbar war, so rasch wie möglich mit der eigenen Zuge-
hörigkeit zu einem Gremium Schluß zu machen, das allmählich
in den
Augen der Weltöffentlichkeit alle Achtung eingebüßt hatte.
Das Arbeitsgebiet umfaßte die Beendigung der zweiten Lesung des
Entwurfs einer Abrüstungskonvention, die im Mai des vergangenen
Jahres nicht hatte zu Ende geführt werden können, sowie die Erledi-
gung einiger außerhalb des Entwurfes stehenden Aufgaben. Die Kom-
mission hat diesen Rahmen jedoch nicht ganz eingehalten, sondern
einige wesentliche Fragen nochmals zur Diskussion gestellt, über die
die Mehrheit in zweiter Lesung bereits entschieden hatte. Bestimmend
hierfür war die Erwägung, daß eine, wenn auch nicht wahrscheinliche
(257)
Verbesserung früherer Entschlüsse das magere Ergebnis der Gesamt-
arbeit in seiner Wirkung nach außen etwas günstiger hätte
erscheinen
lassen können. So ist die Limitierung des Heeresmaterials von neuem
zur Diskussion gestellt worden. Tatsächlich ist es in dieser Frage
bei
den alten Entschlüssen geblieben, jedoch ergab sich bei der Abstimmung
über die Frage der direkten Begrenzung des Heeresmaterials zum ersten
Mal ein Stimmenverhältnis von 9 : 9, das wenigstens auf diesem Ge-
biete gewisse Fortschritte in unserem Sinne nicht ganz ausgeschlossen
erscheinen ließ.
Meine Haltung in der Kommission war auf der einen Seite bestimmt
durch die von mir im Frühjahr des vergangenen Jahres abgegebene
Erklärung, mit der ich mich infolge der negativen Beschlüsse
der Kom-
missionsmehrheit in der Material- und Personalfrage bereits klar von
ihrem Programm losgesagt hatte. Andrerseits mußte ich versuchen,
bei
sich bietender Gelegenheit zu einer Verbesserung des Konventionsent-
wurfes beizutragen, sowie überall da einzugreifen, wo es galt, die
Gründe
unserer abweichenden Stellung klarzulegen, etwaige direkte Angriffe auf
uns abzuwehren, Mißverständnisse hinsichtlich unserer Haltung
aufzu-
klären und schließlich für zutreffende und erschöpfende
Wiedergabe un-
seres Standpunktes im Bericht der Kommission zu sorgen. Besonderen
Anlaß zu aktiver Beteiligung hatte ich auf dem Gebiete der nicht
mit
dem Konventionsentwurf direkt zusammenhängenden Fragen, wie z. B.
der Frage des Datums für die Konferenz und ihrer Vorbereitungen
durch rechtzeitige Bekanntgabe des gegenwärtigen Rüstungsstandes.
Ich
glaube sagen zu können, daß die Aktivität, die ich in diesem
Rahmen
entfaltet habe, genügt hat, um dem Vorwurf der Passivität oder
gar der
Obstruktion vorzubeugen, zumal ich keine Gelegenheit habe vorbeigehen
lassen, das damalige Hauptziel der Reichsregierung in den Vordergrund
zu stellen, nämlich über die Vorbereitende Abrüstungskommission
hin-
weg so rasch wie möglich zu einer allgemeinen Konferenz zu kommen.
Zu den oben erwähnten fünf Teilen des Vertragsentwurfs ist fol-
gendes zu bemerken:
1. Die Personalfrage war grundsätzlich bereits im ersten Teil der
6. Tagung zu unseren Ungunsten, also unter völligem Ausschluß
der aus-
gebildeten Reserven von jeder Herabsetzung oder Begrenzung entschie-
den, kam aber gelegentlich der Diskussion über die Frage der Begren-
zung der Dienstdauer noch einmal zur Debatte. Das Ergebnis war, wie
bisher, in unserem Sinne negativ.
2. Die Materialfrage ist, wie schon oben erwähnt, noch einmal aufge-
rollt worden, ohne daß sich eine Mehrheit für die direkte Begrenzung
des Landmaterials gefunden hätte. Der Entwurf beschränkte sich
auf
eine Erfassung auf dem Wege über die Budgets, jedoch auch da, ohne
das Material nach Art und Zahl herauszustellen.
(258)
Bei dem Seematerial wurde mein Antrag, auch das nichtschwimmende
Material zu erfassen, das sonst beliebig zu Vermehrung der Landbestände
verwandt werden kann, abgelehnt. Nur das schwimmende Material
sollte einer direkten Begrenzung unterliegen, für deren Gestaltung
man
sich streng an das Muster des Londoner Vertrages gehalten hat. Die
Londoner Seemächte hatten zu diesem Zwecke die bisher im Entwurf
vorgesehenen Bestimmungen durch ein dem Londoner Vertrage ange-
paßtes Schema ersetzt, das in seinen wesentlichen Bestimmungen von
der
Kommission angenommen wurde. Ich habe mich an dieser Debatte nicht
aktiv beteiligt.
Bei dem Luftmaterial sind die Kommissionsbeschlüsse ebenfalls weit
hinter meinen Anträgen auf Erfassung des gesamten Materials zurück-
geblieben: Man hat sich im wesentlichen auf eine Erfassung der start-
bereiten Flugzeuge und Luftschiffe nach Maßgabe gewisser Kriterien
geeinigt.
Eine erhebliche Rolle spielte in diesem Zusammenhange die Einbe-
ziehung der Zivilluftfahrt in den Entwurf. Ich habe von Anbeginn an,
insbesondere aber auch in der letzten Tagung, mit allem Nachdruck den
Standpunkt vertreten, daß die Zivilluftfahrt in einem Abkommen rein
militärischen Charakters überhaupt nichts zu suchen habe. Mit
aller
Offenheit habe ich dabei festgestellt, daß gerade die Zivilluftfahrt
das
einzige Gebiet sei, wo bei der Kommissionsmehrheit mit deutlich erkenn-
barer Tendenz ein Wille zu beschränkenden Maßnahmen festzustellen
sei.
Es ist mir gelungen diesen Standpunkt in dem Entwurf nahezu voll-
ständig zur Geltung zu bringen. Der Entwurf berührte die Zivilluftfahrt
nur noch in dem Artikel 37, wo gewisse jährliche Veröffentlichungen
über den Stand der Zivilluftfahrt vorgesehen sind. Um auch diese Be-
stimmung aus dem Entwurf vielleicht noch beseitigen zu können, habe
ich den Antrag gestellt, eine internationale Vereinbarung über diese
Frage außerhalb der Konvention herbeizuführen. Entscheidend
war für
mich dabei der Gedanke, daß wir aus dem Pariser Abkommen des Jahres
1925 ohnehin zu solchen Veröffentlichungen verpflichtet waren, uns
also
ein Abkommen nur erwünscht sein könne, das – völlig herausgelöst
aus
dem Konventionsentwurf militärischen Charakters – die anderen Staa-
ten in gleicher Weise verpflichtete.
3. Der Aufnahme der Haushaltungsangaben in den Entwurf habe ich
widersprochen, solange nicht die mißbräuchliche Verwertung von
Etat-
zahlen zu Vergleichs- oder Bewertungszwecken für den Rüstungsstand
durch gleichzeitige direkte Begrenzung des Materials ausgeschlossen wird.
Der 4. Teil befaßte sich als einziger der Konvention mit der Frage
völligen Verbots gewisser Kriegsmittel. Ich hatte ihn bereits früher
be-
nutzt, um, wenn auch ohne Erfolg, das völlige Verbot des Bombenab-
wurfs aus der Luft zu fordern. Ich habe meinen Antrag jetzt auf andere,
der Zivilbevölkerung besonders gefährliche Waffen von ausgesprochenem
(259)
offensivem Charakter, z. B. schwere Kanonen, ausgedehnt, mich aber
damit nicht durchsetzen können.
5. Bei der Debatte über den Schlußteil des Entwurfs, der allgemeine
Bestimmungen enthielt, habe ich mich darauf beschränkt, bei dem für
uns wichtigsten Punkt, der Frage des Verhältnisses der Konvention
zu
früheren auf Abrüstung bezüglichen Verträgen einzugreifen.
Ich habe
erklärt, daß ich bei Gelegenheit des betreffenden Artikels,
soweit er sich
nicht auf die Verträge von Washington und London bezöge, gegen
den
Entwurf in seiner Gesamtheit stimmen müsse, weil er in der von der
Kommissionsmehrheit angenommenen Form wesentliche Faktoren der
Landrüstung unberücksichtigt lasse, zu einer Verschleierung des
wahren
Rüstungsstandes führe, ja sogar eine Aufrüstung gestatte.
Man könne
nicht der Reichsregierung die Unterzeichnung eines solchen Abkommens
und in Verbindung damit die Erneuerung der Unterschrift unter die
Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages zumuten. Deutsch-
land werde den Wert des Vertrages zu gegebener Zeit danach beurteilen,
ob er dem Grundsatz der Gleichheit der Sicherheit (parité de sécurité)
Rechnung trage, wie er von den deutschen Vertretern seit Jahren gefor-
dert werde. Diese Erklärung war um so notwendiger, als in der zweiten
Lesung auf französischen Vorschlag dem Artikel der Absatz 2 hinzuge-
fügt worden ist, der für eine Reihe von Staaten die eigene Bindung
an
das Abkommen von der Einhaltung der Entwaffnungsbestimmungen aus
den Friedensverträgen abhängig machen wollte.
Den abschließenden Bericht der Kommission dagegen habe ich anneh-
men können, da er ohne jede Ausnahme alle von mir formuliert vorge-
legten Reserven zu den Mehrheitsbeschlüssen mit angemessener Begrün-
dung brachte, also gewährleistete, daß der deutsche Standpunkt
unein-
geschränkt und klar vor der Konferenz zum Ausdruck kam.
Meine Schlußerklärung gab mir zudem Gelegenheit, noch einmal
zu
der Arbeit der Kommission kritisch Stellung zu nehmen und festzustel-
len, daß dem Entwurf das allein Wesentliche, nämlich der feste
Wille
zur Abrüstung fehlte, und daß von der kommenden Konferenz nur
dann
ein wirklicher Fortschritt in der Lösung der Aufgabe zu erwarten sei,
wenn die Regierungen ihre Vertreter unter dem Drucke der öffentlichen
Meinung mit ganz anderen Instruktionen versähen, als es für die
Vor-
bereitende Abrüstungskommission der Fall war.
Die beiden außerhalb des Konventionsentwurfs diskutierten Fragen
–
Offenlegung des damaligen Rüstungsstandes für den Beginn der
Konfe-
renz und Vorschläge an den Rat über das Datum dieser Konferenz
–
gingen beide auf meine Anträge zurück. Sie wurden zur Entscheidung
durch den Rat zurückgestellt. Bei dem Publikationsvorschlag, für
den
auch der italienische Delegierte sich einsetzte, habe ich mich auf die
Tat-
sache berufen, daß der Erfolg der Londoner Konferenz mit darauf be-
gründet sei, daß sie von Anbeginn an durch die Vorlage eines
entspre-
(260)
chenden Dokuments einen klaren Ueberblick über den Rüstungsstand
aller Beteiligten zur See besessen habe. Als Zeitpunkt für die Konfe-
renz schlug ich den 5. November 1931 vor und bezog mich dabei auf
eine Ratsentschließung vom Dezember 1926, in der es ausdrücklich
heißt,
die Kommission möge dem Rat hinsichtlich des Zeitpunktes Vorschläge
machen. Der von mir genannte Termin, der 5. November 1931, war –
wegen der Rücksicht auf die überseeischen Konferenzteilnehmer,
wegen
der noch notwendigen diplomatischen Vorbereitungen und wegen der
Tagung der Bundesversammlung im September – der früheste Termin,
der ernsthaft erwogen werden konnte. Die Kommission entschloß sich
nicht zu einem bestimmten Datumsvorschlag, willigte aber wenigstens
darein, ihr Material dem Völkerbundsrat im Januar 1931 zur Entschei-
dung der Datumsfrage zu unterbreiten.
Die Sowjetdelegation entfaltete, vor allem solange sie durch Litwinow
persönlich vertreten war, eine rege, zumeist mit unseren Interessen
über-
einstimmende Tätigkeit. In der positiven Mitarbeit ging sie weiter
als
bisher und nahm sogar an Unterkommissionen teil. Sie hat es trotzdem
für richtig befunden, sich am Ende der Tagung formell von der gesam-
ten Arbeit der Kommission insofern loszusagen, als sie jede Beteiligung
an dem Bericht, obwohl dieser auch ihre Reserven uneingeschränkt ge-
bracht hätte, ablehnte und verlangte, daß ihre abweichende Darlegung
als Anhang zu dem Bericht dem Rat übersandt werden sollte. In der
Dis-
kussion griff ich zugunsten eines Minderheitsberichts der Sowjet-Dele-
gation ein. Man einigte sich dann dahin, das Protokoll der Schlußsit-
zung, das mit allen Reden auch die russische Darlegung enthielt, mit
dem Bericht an den Rat gelangen zu lassen.
In der letzten Tagung der Kommission übernahm Lord Cecil wieder
wie in den ersten Jahren die britische Vertretung. Mit ihm hatte ich
alte freundschaftliche Beziehungen von gemeinsamer Arbeit in den
Ligen her. Er zeigte sich auch sehr entgegenkommend zur Zeit, als ich
noch als Privatmann für die deutsche Liga nach Genf fuhr, und Deutsch-
land noch nicht in den Völkerbund eingetreten war. Von dieser Zeit
her
konnte ich immer einen leichten Anflug von Bevormundung in seinem
Wesen mir gegenüber konstatieren. Er liebte es nicht, wenn ich seine
Auffassungen in der Kommission bekämpfen mußte. So oft ich konnte,
versuchte ich unsere Gegensätze im Scherz zu überwinden. Insbesondere
mißbilligte Cecil meine guten Beziehungen zu Litwinow. Als ich in
kleinem Kreise einmal bei ersterem frühstückte, begrüßte
mich Cecil
mit den Worten: "Hello Bernstorff, how is your friend Litwinow today?
I suppose you call him by his Christian name". Ich erwiderte schnell:
"No by his Jewish name" und hatte durch diese Antwort die Lacher
auf
meiner Seite.
Wenn der Bericht der "Préparatoire" den deutschen Standpunkt
in ob-
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jektiver Weise wiedergab, so ist das wesentlich ein Verdienst der beiden
Berichterstatter, des Spaniers Cobian und des Belgiers Bourquin.
Nach Beendigung der Arbeiten der "Préparatoire" war ich
darauf
vorbereitet, damit auch meine politische Laufbahn zu beenden. Ich nahm
aber doch noch Teil an der Völkerbundsversammlung von 1931 und
vertrat Curtius in den letzten Sitzungen derselben. Diese bezogen sich
auf den damals akuten japanisch-chinesischen Konflikt, der mich sehr
interessierte, bei dem aber Deutschland nur wenig beteiligt war. Ich
wurde auch von dem Auswärtigen Amte beauftragt, diese Verhandlun-
gen nach Schluß der Bundesversammlung weiterzuführen. Gern hätte
ich den Auftrag übernommen, doch brach ich damals gesundheitlich
nieder infolge der vielen Anstrengungen meiner langen politischen Lauf-
bahn. Nach 50jähriger Arbeit im Dienste des Vaterlandes war ich jetzt
genötigt, den Geboten meiner Gesundheit zu gehorchen.
"Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen
ist,
und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat."
Der Prediger Salomo 12.7.
––––––
Abgeschlossen am 1. November 1935.
Johann
Heinrich Graf Bernstorff