Auszug aus:

Graf Johann Heinrich Bernstorff: Erinnerungen und Briefe, Zürich 1936.

Die Zahlen in Klammern geben die Seitennummern an.



Bernstorff ist Botschafter in Konstantinopel. Oktober 1918: Der 1. Weltkrieg neigt sich dem Ende:

(175): Ende Oktober: Telegramm vom Reichskanzler, Bernstorff möge Konstantinopel verlassen und nach Berlin kommen.

(176): Er tut es via Torpedoboot nach Constanza, Eisenbahn nach Bukarest, (Frühstück bei Feldmarschall von Mackensen im deutschen Offizierskasino):


Mit diesem un-
terhielt ich mich sehr gut. Er zeigte für die diplomatische Seite des
Krieges und für hohe Politik im allgemeinen ein Verständnis, wie ich
es bei unseren hervorragenden Generälen nur noch bei Seeckt gefunden
habe. Unsere Weiterreise nach Berlin war ein recht unsicheres Unterneh-
men; bei der Durchfahrt durch Budapest hörten wir in den Straßen
lebhaftes Schießen, aber man ließ uns unbelästigt unsere Fahrt fort-
setzen, so daß ich am 31. Oktober im Hôtel Adlon in Berlin anlangte
und mich am 1. November bei Prinz Max und Solf melden konnte. Mit
ersterem ging ich lange im schönen Garten des Reichskanzlerpalais
spazieren, was wir bis zur Revolution täglich zweimal wiederholten. Die
alten Bäume dieses Gartens haben "so manchen Sturm erlebt". Meine
Leser erinnern sich gewiß der Bismarck'schen Bemerkung: er habe
Caprivi mehr als alles andere übelgenommen, daß er einen dieser Bäume
hätte umschlagen lassen.
[...]
"Für Prinz Max hegte ich neben freundschaftlichen Empfindungen
ein tiefes Mitgefühl. Wenn er sein Amt ein Jahr früher angetreten
hätte, so wäre er mit seinem Idealismus der richtige Mann gewesen,
um einen leidlichen Frieden zu erreichen. Er würde Vertrauen im
Auslande und bei der deutschen Linken haben gewinnen können. Die
Frieden von Brest-Litowsk und Bukarest wären anders ausgefallen.
Der Weg zu weiteren Friedensschlüssen hätte offengestanden. Jetzt
aber war die herrliche Armee, die unser Vaterland vor dem Feinde
geschützt hatte, von der Uebermacht geschlagen worden. Die bisherigen
Fehler der Reichsregierung hatten ihre Folgen getragen. Nun gab
es zunächst nur eine Aufgabe, nämlich die Monarchie zu retten, nicht
etwa nur aus prinzipiellen Gründen, denn die Weltgeschichte ist
weder monarchisch noch republikanisch, sondern evolutionistisch. Die
Monarchie mußte aber von uns gerettet werden, weil es keinen anderen
Weg gab, dem deutschen Volke eine geordnete und geeignete Vertretung
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dem Feinde gegenüber zu gewähren. Eine Revolution dagegen mußte
Deutschland in der Stunde der größten Gefahr lahmlegen. Diese "For-
derung des Tages" wurde von dem Reichskanzler bei unseren täglichen
Spaziergängen vertrauensvoll und offen mit mir besprochen, nachdem er
mir gesagt hatte, daß er mich zu diesem Zwecke von Konstantinopel ge-
holt habe. Ich war mir sofort darüber klar, daß wir beide dasselbe woll-
ten, nämlich die Monarchie retten, es handelte sich nur darum, wie
sich das gemeinsame Ziel erreichen ließ, da die Situation eine sehr
schwierige war. Dieses Vertrauensverhältnis dauerte leider nur neun
Tage bis zur Revolution und ist durch unsere erste Unterredung begrün-
det worden, nachdem der Prinz mich um vollkommene Offenheit gebeten
hatte.
Der Kanzler begann damit, mich zu fragen, ob ich auch Wilsons
Noten dahin verstehe, daß die Abdankung des Kaisers notwendig sei.
Diese Frage mußte ich bejahend beantworten. Die zweite Frage lau-
tete: Wer soll es dem Kaiser sagen? Worauf ich erwiderte: Das müssen
Sie tun. Darauf schüttelte der Prinz den Kopf und lehnte kategorisch
ab, mit den Worten: das kann ich als badischer Thronfolger und deut-
scher Fürst nicht tun, worauf ich schnell sagte, dann hätten Sie auch
nicht Kanzler werden dürfen. Diese Offenheit, die er anscheinend nicht
gewohnt war, hat dem Prinzen sichtlich gefallen, denn er bat mich noch
am ersten Tage, nur ja in Berlin zu bleiben; nach Konstantinopel könne
ich doch nicht mehr zurückkehren. Er werde schon einen Platz für mich
im Auswärtigen Amte finden. Mit dieser ersten Unterredung im Gar-
ten des Reichskanzlerpalais begannen für mich unhaltbare Verhältnisse,
die erst endeten als ich auf einem Sitz im Reichstage landete, nach dem
ich trachtete seit der Stunde, wo ich Konstantinopel verließ. Jch wollte
keinesfalls Prinz Max im Stich lassen, der sich so vertrauensvoll an
mich wandte, aber ich hatte wie Archimedes keinen locus standi, von
dem aus ich Irgendetwas, geschweige denn die Welt aus den Angeln
heben konnte. Prinz Max hatte keinen starken Willen und keine hin-
reichende Gesundheit für den Reichskanzlerposten in so schwerer Zeit.
Er schlief nur mit Hilfe starker Schlafmittel, was mich an eine Anekdote
von Bismarck erinnerte. Dieser setzte einmal Friedrich Wilhelm IV.
hart zu, als die Königin in das Zimmer trat und sagte: Quälen Sie
den König nicht so. Er hat heute Nacht nicht geschlafen. Bismarck
erwiderte nur: "Ein König muß schlafen."
Die "Erinnerungen" des Prinzen Max geben eine gute und richtige
Darstellung der letzten Tage vor der Revolution, die ich miterlebte.
Von meiner Seite sind nur einige Nachträge zu liefern, die des Reichs-
kanzlers Bemühungen, die Monarchie zu retten, klarer hervortreten
lassen. In den "Erinnerungen" ist nicht erwähnt, daß Prinz Max mich zu
Scheidemann sandte, mit dem ich die Frage in einer sehr langen Unter-
redung besprechen sollte. Dieser wünschte ebensosehr wie ich die Revolu-
(178)
tion zu verhindern, doch legte er dabei am meisten Gewicht darauf, daß
seine Partei noch nicht regierungsfähig sei und erst regieren lernen müsse.
Darin hat er nur allzu Recht behalten, obgleich das "Nicht regieren können"
mehr ein deutscher Nationalfehler als ein Parteigebrechen zu sein scheint.
Auch trägt das Ausland die Hauptschuld an dem Mißgeschick der deut-
schen Republik. Jedenfalls war Scheidemann damals aufrichtig von dem
Wunsche beseelt, in einer konstitutionellen Monarchie zu leben. Er trieb
durchaus nicht zur Revolution, forderte aber die Abdankung des Kaisers
zugunsten seines Enkels als conditio sine qua non für die Erhaltung der
Monarchie, die er dann aber mehr oder weniger garantierte. Mit dieser
Ansicht Scheidemanns stimmte damals fast jedermann in Berlin überein,
der die inner- und außerpolitischen Verhältnisse kannte. Die Revolution
konnte nur vermieden werden durch rechtzeitige Abdankung des Kai-
sers. Das hat Prinz Max klar erkannt, der Monarch aber leider nicht.
Wenn der Kaiser rechtzeitig dem Rat des Kanzlers gefolgt wäre, so
würde sein Enkel noch heute auf dem Throne sein. Gleich nach meiner
Unterredung mit Scheidemann besuchte ich auf Weisung des Reichs-
kanzlers auch Clemens Delbrück, den damaligen Chef des Zivilkabinetts,
der mir keine Hoffnung auf die Abdankung des Kaisers machte. Als
diese am 9. November erfolgte, kam sie zu spät, um die Revolution zu
verhindern. Zu spät! Diese Worte stehen am Eingang fast aller Revo-
lutionen der Weltgeschichte, und doch lernen die Monarchen nie daraus.
Zum 9. November habe ich dem Berichte der "Erinnerungen" des Prin-
zen Max nur sehr weniges hinzuzufügen. Als der neue Reichskanzler
Friedrich Ebert sich mit den übrigen Anwesenden vom Prinzen Max
verabschiedet hatte, blieb dieser in seinem Arbeitszimmer mit mir allein
zurück. Dann sagte er mir, er habe die Gesandten der deutschen Staa-
ten in ein anderes Zimmer bestellt, um die Frage zu besprechen, ob er
versuchen solle als Reichsverweser die Ordnung wieder herzustellen. Ohne
Zustimmung der deutschen Fürsten wolle er das Amt des Reichsverwe-
sers nicht übernehmen. Ich redete ihm nach Möglichkeit zu, was er auch
in den "Erinnerungen" erwähnt, ohne mich besonders zu nennen. Dann
bat er mich, ihn zu den Gesandten zu begleiten. Ich kann mich nicht
entsinnen, welche Herren an der Besprechung teilnahmen. Erinnerlich
ist mir nur, daß der bayrische Gesandte Graf Lerchenfeld dem Prinzen
ebenso warm zuredete, wie ich es vorher getan hatte. Er sah in der
Reichsverweserschaft die letzte Möglichkeit, die Revolution zu verhin-
dern. Bei dem traurigen letzten Frühstück des Prinzen im Reichs-
kanzlerpalais, an dem ich allein teilnahm, bemühte ich mich weiter in
dem gleichen Sinne. Den Schluß dieser Tragödie bildete der in den
"Erinnerungen" beschriebene Abschiedsbesuch des Prinzen bei Ebert,
wo auch dieser noch für die Reichsverweserschaft eintrat. Doch der
Prinz wollte den Versuch nicht mehr unternehmen. Ausschlaggebend
war wohl seine Pietät gegen den Kaiser, von dem er keinen Auftrag
(179)
hatte. Vielleicht war es auch zu spät. Immerhin war die Not des Va-
terlandes so groß, daß der Versuch hätte unternommen werden müssen.
Ich komme immer wieder darauf zurück, daß die Vertretung Deutsch-
lands vor dem Auslande für dieses im Herzen des Kontinents liegende
Land, die Lösung aller anderen Fragen ausschlaggebend beeinflußt. Man
kann sich nicht ausdenken, welchen Unterschied es für Deutschland und
die Welt bedeutet haben würde, wenn unsere Feinde in Versailles nicht
ohne Widerstand hätten jeden politischen Unsinn beschließen können,
der ihnen einfiel. Ich lasse vier spätere Briefe des Prinzen Max folgen,
die Licht auf die obigen Fragen werfen. Nur der letzte behandelt die
Bildung einer neuen großen Mittelpartei.


Salem in Baden, den 7. Juni 1922.

Lieber Graf!

Ich kenne nur einen Auszug Ihres Artikels aus dem "Demokratischen
Deutschland" im Berliner Tageblatt, aber ich möchte Ihnen heute schon
danken für die verständnisvollen Worte, die Sie gefunden haben. Es
wird auch mir immer klarer, daß die Geschichte mir den Vorwurf
machen wird, nicht mit der genügenden Rücksichtslosigkeit die Abdan-
kung des Kaisers betrieben zu haben. Allerdings, glaube ich, darf man
nicht vergessen, wie die Flucht des Kaisers ins Hauptquartier bereits
den ersten revolutionären Schritt darstellte, und eine staatsmännische
Lösung beinahe ausschloß.
Ich habe durch alle möglichen mündlichen und schriftlichen Auf-
klärungen über die kritische Zeit viel Neues erfahren, und es ist ein
geradezu schrecklicher Gedanke, daß die Veröffentlichung der Abdankung
in der Zeitung vom 9. früh aller Wahrscheinlichkeit nach genügt hätte,
den Ausbruch der Revolution zu verhindern. Waren wir dann einmal
über den 9. November hinweg, so hätten die eintreffenden Waffenstill-
standsbedingungen eine ganz neue Situation geschaffen: das deutsche
Volk hätte noch einmal mit ungeteiltem Zorn sich gegen den Feind
gewendet, wenn auch nicht mehr zum Kampfe, so doch zur moralischen
Abwehr.

. . . . . . . . . . .

Es würde mir eine besondere Freude sein, Sie einmal wiederzusehen,
um über Vergangenes und Gegenwärtiges zu sprechen.

Mit besten Grüßen

gez. Max Prinz von Baden.

(180)

Salem, den 17. Juni 1922.

Mein lieber Graf Bernstorff!

Ich erfahre vertraulich von dem früheren Kriegsminister Scheuch, daß
der Schriftsteller Nowak in einem in Kürze erscheinenden Buche über
den Zusammenbruch Deutschlands eine Darstellung über das Schießver-
bot vom 9. Noveniber gibt, die mit meiner und General Scheuchs Erinne-
rung nicht übereinstimmt. Nowak soll sich dabei auf Ihr Zeugnis be-
rufen. Er sagt sich nun auf den 26. dieses Monats in Salem an, um
mir sein Manuskript zur Berichtigung vorzulegen. Ich wäre Ihnen zu
großem Dank verpflichtet, wenn ich bis zu diesem Tage eine kurze Dar-
stellung von Ihnen haben könnte, wie sich Ihrer Erinnerung nach der
strittige Vorgang abgespielt hat. Ich zögere absichtlich, Ihnen mein
eigenes Erinnerungsbild schon jetzt zu geben, um das Ihre unbeeinflußt
zu erhalten.
Ich möchte noch bemerken, daß Scheuch großes Gewicht darauf legt,
daß Nowak nichts von meiner vorherigen Orientierung durch ihn er-
fährt. Ich habe allerdings auch den Eindruck, daß diesem begabten
Journalisten gegenüber große Vorsicht am Platze ist.
Die Lektüre Ihres vollständigen Artikels hat meinen Wunsch gestärkt,

mit Ihnen möglichst bald über die Vergangenheit zu sprechen. Hoffent-
lich findet sich bei meiner Reise nach Gmunden im Spätsommer Ge-
legenheit, Sie in München zu treffen. Es würde mir natürlich auch eine
besondere Freude sein, Sie in Salem begrüßen zu können.
Mit herzlichstem Dank für Ihren freundlichen Brief und den Aus-
druck Ihrer mir so wertvollen Gesinnung.
Ihr sehr ergebener

gez. Max Prinz von Baden.


Salem, den 3. Dezember 1922.

Mein lieber Graf!
Für die Uebersendung des Auszugs aus Friedrich Rudolf Zenkers
Machwerk danke ich Ihnen vielmals. Die Sache ist so sinnlos und lächer-
lich, daß ich beinahe glaube, General Groener tut ihr zu viel Ehre an,
wenn er Strafantrag stellt. Ich habe neulich in einem ähnlichen Fall
nach Beratung mit Reichsgerichtspräsidenten Simons die Stellung eines
Strafantrages mit folgender Begründung abgelehnt:
"Auf die Anfrage vom 21. d. M. erwidere ich ergebenst, daß ich wegen
des Artikels "Das Ehrhardtlied" in Nr. 37 der "Sächsischen Landeszei-
tung" keinen Strafantrag stelle. Wollte ich jede Publikation verfolgen,
die, statt meine Politik zu bekämpfen, meine Person verunglimpft, so
würde ich aus den Prozessen überhaupt nicht herauskommen. Meine
Politik gedenke ich vor einem anderen Forum zu vertreten."
(181)
Aus Ihrem Artikel habe ich einen Auszug im "Berliner Tageblatt"
gelesen. Es ist mir eine große Genugtuung, daß Sie in so überzeugender
und kraftvoller Weise die damalige Linie verteidigen, die ja auch die
Ihre war und auf der alleine die Monarchie gerettet werden konnte. Ich
freue mich deshalb sehr auf den ganzen Artikel, in der mir in Aus-
sicht gestellten Nummer des "Demokratischen Deutschland" und danke
Ihnen im voraus dafür.
Mit bestem Gruß,

Ihr sehr ergebener

gez. Max Prinz von Baden.



Salem, den 8.9.26.

Mein lieber Graf!

Es gereicht mir zur großen Freude, ganz mit Ihren Ansichten über-
einzustimmen. Die Notwendigkeit, das Gefüge des Staates vor Erschütte-
rungen zu bewahren, muß jedem klar werden, der beobachtet, wie viel
Aufruhrstoff noch in den Massen ist, und wie groß die Gefahr, daß es
bei einem neuen Umsturz nicht wieder gelingen möchte, die ordnungs-
liebenden Elemente zum Sieg über den bolschewistischen Machthunger
zu führen. Ich habe gerade in letzter Zeit darüber sehr interessante
Nachrichten erhalten. Darum scheint auch mir der Gedanke, einen Mit-
telblock zu schaffen, der stabil genug wäre, um bei Koalitionen nach
rechts oder nach links sich als der führende Teil zu erhalten, eine
allein aussichtsreiche Lösung zu sein.
Ich habe schon lange ähnliche Gedanken gehabt. Es scheint mir das
Problem zu sein, die Katholiken zu sprengen, um einen Teil des Zen-
trums, der nicht der Proletarierpartei Wirths beitreten möchte, zu dem
Mittelblock hinüberzuziehen. Dazu ist Vorbedingung, daß man das Zen-
trum nicht erschreckt, und ich gebe zu bedenken, ob nicht ein Partei-
name, der das Wort "Liberal" enthält, Kulturkampf-Reminiscenzen auf-
tauchen läßt. Ich hatte schon einmal die Hoffnung, die Ruhrbesetzung
würde die Deutschen zusammenschweißen, damals sagte ich in einer
Rede: die neue Einheitspartei sollte sich nennen: christlich-national, denn
sie würde weder dem Zentrum allein die Vertretung der christlichen
Idee, noch den Deutsch-Nationalen allein die der nationalen Gesinnung
überlassen.
Ich habe gewartet, daß diese große Partei komme sollte, und Ihr Brief

hat mich mit einer Hoffnung erfüllt, daß sie vielleicht endlich auf dem
Marsch ist.
Stets Ihr sehr ergebener

gez. Max Prinz von Baden.

(182)
Auf den 9. November folgten recht traurige Tage. Bei uns herrschte
völlige Anarchie, die nur allmählich unterdrückt werden konnte. Für das
ordnungsliebende deutsche Volk war dies eine eigentümliche Erfahrung,
die nicht ohne Einfluß auf die spätere historische Entwicklung geblieben
ist. Monatelag wurde auf den Straßen Berlins geschossen. Wenn ich von
dem Hôtel Adlon zum Auswärtigen Amt ging, mußte ich mich an den
Häusern entlang drücken. In demselben Hôtel wohnten Fürst und
Fürstin Bülow, die bald von dem Mittelpunkt der Stadt fortzogen, um
mehr Ruhe zu haben. Meine Frau hatte sich in Berlin wieder mit mir
vereinigt, nachdem der Zusammenbruch der Türkei eine Trennung not-
wendig gemacht hatte. Wir bewohnten Zimmer, deren Fenster nach dem
Hofe hinausgingen, während das Ehepaar Bülow auf den Pariser Platz
blicken konnte. Unsere Zimmer waren naturgemäß im November sehr
dunkel, und als Bülows auszogen, wollte meine Frau gern deren Zimmer
nehmen, die wir mit Herrn Louis Adlon besichtigten. Wir standen alle
drei mitten im Zimmer, als eine Gewehrkugel durch das Fenster ge-
flogen kam und den Spiegel über dem Kamin zertrümmerte. Nach die-
sem Erlebnis wünschte meine Frau in unseren Hofzimmern zu bleiben.
Zwei Erinnerungen aus jener Zeit sind mir besonders lebendig ge-
blieben: einmal der Tag der Beisetzung der Opfer der Revolutions-
kämpfe, wo die rote Fahne zwei Stunden lang auf dem ehrwürdigen
alten Gebäude des Auswärtigen Amtes flog, und während dieser Zeit alle
Beamten als Proteststreik das Haus verließen. Es war dies das erste und
letzte Mal in meinem Leben, daß ich mich an einem Streik beteiligte.
Ferner der Tag, wo die Kommunisten, die damals Spartakisten hießen,
sich der Stadt und der Regierung bemächtigen wollten und stark be-
waffnet an den beiden Eingängen zur Wilhelmstraße standen, während
die Reichsregierung keine Truppen zur Verfügung und deshalb die ganze
sozialdemokratische Partei auf die Straße gerufen hatte.
Die Wilhelmstraße war schwarz von Menschen, darunter viele Frauen,
und alle standen Kopf an Kopf dicht gedrängt ohne Waffen von "Unter
den Linden" bis zur Leipziger Straße, ein imposanter Anblick. Der
Deutsche ist wirklich kein Revolutionär, wenn er auch in der Politik
auf Abenteurer und Hochstapler hineinfällt. Die Spartakisten schossen
nicht, und damit war die Entscheidung gefallen, daß Deutschland keine
Sowjetrepublik werden sollte. Wir alle, die jene Zeit mitgemacht haben,
mußten wohl täglich Seelen- und Gewissenskämpfe durchmachen. Die
Sowjets sandten schon damals viele Funksprüche in die Welt, die sie
an den Volksbeauftragten Haase richteten und die im Auswärtigen
Amte mitgelesen wurden. Einer dieser Funksprüche hat mich damals
stark beeinflußt. Er lautete dem Sinne nach: "Wenn ihr eine durch-
greifende Revolution machen wollt, müßt ihr alle alten Beamten weg-
jagen. Wenn diese bleiben, wird die Revolution mißlingen."
So klar war es mir vorher nicht gewesen, daß es die Pflicht aller Be-
(183)
amten sei, im Dienst zu bleiben, um die Ordnung möglichst bald wieder
herzustellen, und nur der Gewalt zu weichen, bis wir dieses Ziel er-
reicht hatten.
Damit war kein Richterspruch vor dem Forum der Weltgeschichte
gesprochen, daß der Kaiser uns des Eides entbunden hatte. Die Frage,
die zu entscheiden war, hieß: Wo liegt das Heil für unser Volk
und Vaterland? Damals hatte ich keinen Zweifel, daß die Republik
die einzige Möglichkeit war. Rückblickend muß ich ja leider zugeben,
daß sie sich als regierungsunfähig erwiesen hat, weil sie abgesehen von
dem elenden Druck durch das Ausland, nicht die genügende Zahl
entsprechender Männer produzierte. Friedrich Ebert hat Großes ge-
leistet, indem er die Ordnung wieder herstellte, und Gustav Strese-
mann war der einzige Deutsche, der bisher die Fähigkeit bewies,
Deutschland wieder eine Stellung in der Welt zu erobern. Beide Männer
konnten aber nicht ersetzt werden, als Krankheit sie dahinraffte. Schon
von Anfang an verliefen die Personalfragen nicht glücklich. Prinz Max
hatte zuerst Konrad Haussmann an die Spitze der Waffenstillstandskom-
mission stellen wollen. Warum dann Erzberger die traurige Fahrt nach
Compiègne unternehmen mußte, weiß ich nicht, doch wäre Haussmann
dazu geeigneter gewesen, wenn man nicht das einzig Richtige tat, die
Sache rein militärisch aufzuziehen. Erzberger die Waffenstillstandskom-
mission übergeben, hieß von vornherein eine Nebenregierung schaffen,
denn er war nun einmal ein Arbeitsmarder. Er konnte von keiner Sache
hören, ohne sie selbst erledigen zu wollen. Was immer von ihm und über
ihn gesagt worden ist, er war sehr intelligent, fleißig und ein warmer
Patriot katholischer Färbung. Sein unglückliches Ende hat er nicht
verdient, wenn er auch nicht die Vorbildung und die Kinderstube hatte,
um alle die großen Dinge zu gutem Ende zu führen, die er unternahm.
Falls er am 9. November in Berlin gewesen wäre, hätte er sicher irgend
einen energischen Schritt unternommen, um die Revolution zu verhin-
dern. Er war aber an dem Tage schon auf dem Wege nach Compiègne.
Damit begann der Kampf zwischen dem Auswärtigen Amte und der
Waffenstillstandskommission, ein Kampf, der sich bald zu einem per-
sönlichen Duell zwischen Erzberger und meinem Vetter Ulrich Brock-
dorff-Rantzau entwickelte, in welchem schließlich der letztere unterlag.
Wie immer in solchen Fällen kann die Weltgeschichte heute nicht
mehr entscheiden, wer recht gehabt hat. Ich hatte mich leider zwischen
die beiden Protagonisten eingeklemmt, indem ich nach dem Rücktritt
des Prinzen Max noch im Auswärtigen Amt blieb, was ich nicht
hätte tun sollen, da in dem damaligen Deutschland in einer Beamten-
stellung keine Politik zu machen war. Selbst Rantzau als Minister ist
schließlich daran gescheitert, daß er in der Nationalversammlung keinen
Rückhalt hatte. Ich sollte die Friedensverhandlungen auf Wunsch von
Solf vorbereiten, ein Wunsch, dem sich dann Rantzau anschloß. Diese
(184)
Vorbereitungen waren indessen eine höchst unnötige Beschäftigung, da
tatsächlich doch keine Friedensverhandlungen stattfanden. Wir wollten
diese groß aufziehen wie eine Genfer Abrüstungskonferenz mit Rede und
Gegenrede, während wir uns tatsächlich Siegern gegenüber befanden,
die noch ausschließlich haßerfüllt und rachsüchtig waren. Clemenceau
dachte garnicht daran, sich die Siegesfreude verderben zu lassen oder
die Welt wieder aufzubauen. Wie sein Vorfahre Brennus hatte er nur
einen Gedanken, nämlich "Vae victis". Er trägt daher auch in erster
Linie die Schuld, wenn wir heute noch in einer verrückten Welt leben.
Seit Versailles hat sich kein Staatsmann gefunden, der die Dame Europa
aus den Gleisen Clemenceaus herausführte. Diese Dame hatte bekannt-
lich schon als "mythologische Frau" einen üblen Ruf, da sie sich von
einem Ochsen entführen ließ. Bei der Stimmung des Hauptgegners war
wirklich eine Vorbereitung der Verhandlungen, wie wir sie betrieben,
z. B. mit vierzig Sachverständigen, garnicht am Platze. Nicht einmal
Talleyrand hätte in Versailles etwas erreicht. Ein Freund erinnerte mich
kürzlich daran, daß ich damals immer gesagt hätte: "Wenn ich nach
Versailles fahren müßte, würde ich keine Delegation, sondern nur einen
Hofrat mitnehmen." Dieser Kelch ging aber an mir vorüber.
Rantzau war sehr begabt und intelligent, aber er hatte schwere Be-
lastungen, nämlich sein ungewöhnlich starkes Mißtrauen, das an Ver-
folgungswahn grenzte, und seine Unfähigkeit, auch nur die kleinste freie
Rede in größerem Kreise zu halten. Dazu kam seine persönliche Empfind-
lichkeit, die jede sachliche Differenz zu einer persönlichen werden ließ.
Wenn er von jemandem sprach, sagte er nie: "der ist dieser oder jener
Ansicht", sondern "der ist für mich oder gegen mich".
Zu jener Zeit nahm Rantzau mich immer mit in die Kabinettssitzun-
gen, wenn Friedensfragen auf der Tagesordnung standen. Er war ein
Spätaufsteher, da er die Nacht zum Tage machte. Erzberger dagegen
hatte schon stundenlange Arbeit hinter sich, wenn er im Kabinett um
10 Uhr erschien, voller Gedanken und Vorschläge, über die immer
Differenzen entstanden, da Rantzau Aufschub bis zum nächsten Tage
verlangte, um sich vorzubereiten.



(185) : Bernstorff ist der Meinung (am 25.2.1919, Brief an einen Journalisten), daß man 'schon im Dezember das zweite Waffenstillstandsabkommen wegen der finanziellen Fragen' hätte ablehnen müssen.
(186)
: Bernstorff ist der Meinung (am 24.2.1919, Brief an Haniel), daß man den Friedensvertrag nicht unterschreiben solle, wenn er einem 'wirtschaftlichen Todesurteil' gleichkäme. 'Ich habe immer noch das Gefühl, daß die Leute uns zugrunde richten wollen, und in dem Falle sollten wir verlangen, daß sie es selbst tun und nicht die Form eines Vertrages wählen. Der Mensch kann nur einmal sterben, und es ist ein Kennzeichen eines anständigen Menschen, ob er gegebenenfalls anständig zu sterben vermag. Mutatis mutandis gilt meines Erachtens von Völkern das Gleiche. Der Hauptfehler ist schon im Dezember gemacht worden. Damals mußte das Finanzabkommen abgelehnt und dabei erklärt werden, wirtschaftliche Dinge gehörten nicht in den Waffenstillstandsvertrag. Solche Fragen würden nur im Frieden oder gar nicht unterschrieben. Doch darüber zu trauern, ist nun zu spät. Wir hätten dann auch eine reinliche Scheidung mit Erzberger gehabt, während wir jetzt immer nur notdürftig Gegensätze überbrücken.'
Rantzau (Außenminister) und Erzberger (Leiter der Verhandlungsdelegation) waren uneins: Rantzau bereitete sich auf die Ablehnung des Vertrages vor, Erzberger wollte unterschreiben, um Frieden zu haben.
Bernstorff:
'Zur damaligen Zeit gab es für mich nur eine Lösung der Frage, da ich Beamter des Auswärtigen Amtes war und Rantzau gegenüber loyal sein mußte, was ich auch gewesen bin, obgleich er selbst allerdings manchmal glaubte, ich wollte sein Nachfolger werden – gerade was ich am wenigsten wünschte.'
Ebert versucht Versöhnung herbeizuführen (mit Bernstorff zusammen):
(187) Treffen in Spa (erfolglos). Bernstorff läßt später Rantzau ausrichten, Hermann Müller habe gesagt, er
'glaube nicht, die Rantzauische Politik durchhalten zu können, da die Massen hungerten und Frieden haben wollten.'
Darauf argwöhnt Rantzau, Bernstorff habe sich seinen Gegnern angeschlossen.
Bernstorff:

Die Rolle des Brutus lag mir nicht, und ich antwortete Rantzau ruhig, daß es meine Pflicht sei, ihn über die Lage zu unterrichten. Auch gab ich der Presse das folgende Interview, um zu verhindern, daß meine Person in die Erörterungen gezogen würde.


Berlin, den 30. Mai 1919.
Für Wolff-Bureau.

Französischen Presseäußerungen zufolge scheint in Paris die Ansicht
zu bestehen, daß es leichter sein würde, den Botschafter Grafen Bern-
storff zur Unterzeichnung des feindlichen Friedensvertragsentwurfes zu
bewegen, als den derzeitigen Führer der Deutschen Friedensdelegation
in Versailles.
Von einem Vertreter des W. T. B. um seine Meinung über diese Presse-
äußerungen gebeten, erklärte Graf Bemstorif:
"Die Auffassung, daß ich etwa eher geneigt sein könnte, die feind-
lichen Friedensvorschläge zu unterzeichnen als Graf Brockdorff-Rantzau,
hat mich in hohem Grade überrascht. Es ist ganz selbstverständlich,
daß sich kein Deutscher finden wird, der seinen Namen unter ein Doku-
ment setzen würde, das einem Todesurteil gegen sein Vaterland gleich-
kommt. Wenn unsere Gegner aufrichtig den Abschluß des Friedens wün-
schen, so gibt es nur einen Weg: sie müssen die unannehmbaren und
unausführbaren Bestimmungen des uns vorgelegten Vertragsentwurfes
abändern."
(188)
Hiermit nimmt meine Darstellung Abschied von Rantzau. Theoretisch
hatte er sicher Recht, daß der Versailler Vertrag nicht unterschrieben
werden durfte, aber rückblickend muß man wohl zugeben, daß eine Ab-
lehnung des Friedensvertrages nur möglich gewesen wäre, wenn das
deutsche Volk von der Etsch bis an den Belt den einmütigen Willen
gezeigt hätte, sich nötigenfalls dem Untergange zu weihen, wie einst
König Teja und seine Volksgenossen am Vesuv. Da aber eine solche
heroische Gesinnung nicht vorhanden und auch nicht zu entzünden war,
nachdem unser Volk fünf Jahre hindurch unerhörte Leiden, Entbeh-
rungen und Enttäuschungen mit bewundernswürdiger Ausdauer erdul-
det hatte, blieb nichts anderes übrig, wie der Gewalt zu weichen und
den Vertrag zu unterschreiben, obgleich wir wußten, daß wir die Be-
dingungen desselben niemals erfüllen könnten.
Uebrigens ist es eine der üblichen deutschen Illusionen, wenn bei uns
teilweise geglaubt wird, wir hätten durch Ablehnung des Versailler Ver-
trages schließlich bessere Bedingungen erhalten. Diese Auffassung ist
grundfalsch. Die Franzosen wären damals mit ebensoviel Vergnügen in
Deutschland eingefallen wie sie es einige Jahre später taten, als sie un-
berechtigt das Ruhrgebiet besetzten. Auch damals hätte sie niemand am
Vormarsch gehindert. Die Stimmung gegen Deutschland war in der Welt
noch zu stark, ungefähr wie sie heute wieder ist. Nachdem wir einmal
das Unglück erlebten, den Weltkrieg zu verlieren, gibt es für uns nur
ein Mittel wieder zur Geltung zu gelangen, nämlich die neue Weltord-
nung von innen zu reformieren, wie es Stresemann mit Erfolg versucht
hat. Von außen geht es nicht, weil dadurch die Kriegskoalition wieder
gegen uns zusammengeführt wird.


(191) : Brockdorff-Rantzau an Bernstorff (2.2.1928): Tschitscherin und Litwinow haben Bernstorff wegen seiner Arbeit in Genf sehr gelobt. 'in der Öffentlichkeit allerdings und besonders bei dem letzten Parteikongreß war Litwinow in seinem Urteil weniger überschwänglich und beinahe skeptisch, besonders bezüglich der Motive, durch die Deine Haltung bestimmt gewesen wäre [...]'. Rantzau deutet es als üblichen Konflikt mit den 'letzten Zielen' der Sowjetpolitik. Rantzau: 'Meine Bitte an Dich geht heute dahin, ebenso wie das letzte Mal nach Möglichkeit den sowjetrussischen Standpunkt zu unterstützen. Ich würde es daneben nur für richtig halten, wenn Du Herrn Litwinow
(192) unter vier Augen recht eindeutig zu verstehen gäbest, daß die Angriffe auf Dich in der russischen Presse, die ja von der Regierung abhängig ist (besonders wegen Deines "Umfalles" in der Sicherheitsfrage; Du wirst sie gelesen haben), für Dich eine unerwartete Quittung darstellen; auf Dank hättest Du niemals in der Politik gerechnet, aber wenigstens auf loyale Objektivität.'

Bernstorff:
Als die Rantzau-Krisis eingetreten war, berief mich Ebert, um mir
das Außenministerium anzubieten. In Anbetracht der vertrauensvollen
Beziehungen, die sich zwischen uns gebildet hatten, beschloß ich, ihm
unter vier Augen ganz reinen Wein einzuschenken, um meine Ableh-
nung zu motivieren, die Ebert sichtlich sehr unangenehm war. Ich
sagte ihm dem Sinne nach folgendes:
"Ich habe drei Gründe, von denen jeder allein genügt, aber der dritte
ist für mich der ausschlaggebende, wenn ich ihn auch in der Oeffent-
lichkeit nicht angeben will.
Ich bin der demokratischen Partei beigetreten und will für sie kan-
didieren. Die Partei gedenkt aber infolge der gegenwärtigen Krisis aus
der Regierung auszutreten und den Versailler Vertrag abzulehnen. Wenn
ich also jetzt Minister werde, habe ich ebenso wie Rantzau keine Stütze
in der Nationalversammlung bezw. dem künftigen Reichstage. Sehr bald
wird daher eine neue Krisis eintreten.
Ferner habe ich als Beamter Rantzau's Politik loyal mitgemacht, ich
kann also nicht nach seinem Rücktritt eine andere Richtung einschlagen.
Endlich bin ich begreiflicherweise unseren Feinden besonders unsym-
pathisch, da ich, bildlich gesprochen, während des Krieges im vordersten
Schützengraben gelegen habe. In Washington wurde der Krieg ent-
schieden. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir keinen Krieg
mit Amerika bekommen. Unsere Feinde veranstalteten daher – was
ich verstehe – gegen mich eine geradezu ekelhafte Propaganda. Ob sie
alles glaubten was sie schrieben und sagten, weiß ich nicht, jedenfalls
ist die Folge davon gewesen, daß die öffentliche Meinung in den feind-
lichen Ländern es glaubt.
Sie wollen jetzt den Versailler Vertrag unterschreiben lassen und den
Versuch machen, sich mit den Feinden zu verständigen. Die Leiden
(193)
Deutschlands und der Welt sind so schwer, daß sie nur auf internatio-
nalem Wege zu lindern sind. Wenn Sie mich zum Außenminister er
nennen, werden Sie sich Ihre Aufgabe sehr erschweren. Ich kann noch
nützliche Arbeit leisten, aber nur im Reichstage oder im Völkerbunde,
wo ich frei und ungebunden für neue Ideen eintreten kann, die ich
für aufbauend halte und die nicht vom Schmutz des Krieges befleckt
sind.
Sie sagen freundlicherweise, ich könne bald irgendeine Botschaft ha-
ben, die ich wollte, wenn ich eine Zeitlang Minister gewesen sei, aber
wer garantiert Ihnen, daß ich das nötige "Agrément" erhalte?"


Wenn ich heute rückblickend an diese Unterredung denke, bin ich
noch der Ansicht, daß ich damals recht hatte. Ich würde bei der Auf-
bauarbeit immer den Haß unserer bisherigen Feinde gespürt haben,
der sich erst gegen Ende meiner politischen Laufbahn gelegt hat. Außer-
dem erhielt ich nachträglich mehrfache Bestätigungen für meine Auf-
fassung, die meistens durch unseren damaligen Botschafter in London
kamen. Lord Hardinge sagte diesem, seine Regierung werde protestie-
ren, falls ich, Rantzau oder Rosen das Auswärtige Amt übernehmen
würden. So geschehen bald nach dem Versailler Vertrage, und vielleicht
sind Rosens geringe Erfolge als Minister durch obige englische Stim-
mung zu erklären. In späterer Zeit wiederholte sich ähnliches, als ich
zum Kongreß von Aberystwith nach England fuhr, wo Lord Tyrell sehr
lebhaft gegen meine Anwesenheit auftrat. Er verabredete sogar mit
meinem früheren Freunde Valentine Chirol einen heftigen Artikel in der
"Times" gegen mich. Dabei hat er Sthamer gegenüber die Katze aus
dem Sack gelassen, indem er äußerte, meine "Kriegserinnerungen" seien
eines der besten und interessantesten Bücher, die über den Krieg ge-
schrieben wären. Wenn die deutsche Regierung meine Ratschläge befolgt
hätte, so wäre es den Engländern kaum gelungen, die Vereinigten Staa-
ten in den Krieg hineinzuziehen.
Schließlich hat sich auch Herriot schrecklich aufgeregt, weil ich zum
Kongreß nach Lyon fuhr. Als Privatperson habe ich mich aber in meiner
Freiheit durchaus nicht mehr beschränken lassen, wenn ich auch auf
das Vergnügen verzichten mußte, Herriot zu sehen. Dabei hat dieser
Herr immer behauptet, eine Verständigung mit Deutschland zu wün-
schen. Eine solche mit Frankreich wünsche ich auch, aber außer Briand
und Paul Boncour bin ich selbst in Genf keinem französischen Staats-
mann begegnet, der bereit war, dazu auch nur die ersten Schritte zu
tun. Höchstens wäre noch Loucheur zu nennen. Mit letzterem hatte ich
oft bei Tisch lange Unterredungen. Wir fanden uns außerhalb der Politik
in unserer beiderseitigen Vorliebe für Voltaire. "L'homme aux quarante
écus" erschien uns wie eine Weissagung der Zeit nach dem Weltkriege.
(194)
Obige Unterredung mit Ebert beendigte meine Beamtenlaufbahn. Die
gewonnene Freiheit wollte ich benutzen, um als Parlamentarier an dem
Wiederaufbau meines Vaterlandes und der Welt mitzuwirken.
Der Mensch bewertet die großen Ereignisse die er erlebt, namentlich
diejenigen, bei welchen er mitwirkt, in ihrer Bedeutung oft falsch. Goe-
thes bekanntes Urteil über die epochemachende Wirkung von Valmy
wurde durch die Geschichte bestätigt. Andere, selbst die Bedeutendsten,
gingen in ihrem Urteile fehl. Wußte Luther, daß er die Freiheit des
Geistes schuf und damit das Mittelalter beendigte? Man könnte viele
Beispiele anführen, die uns im Urteile über unsere Zeit bescheiden zu
machen geeignet sind. Vielleicht bedeutet der Weltkrieg garnicht den
Beginn einer neuen Epoche. Vielleicht ist die Zunahme der reaktionären
Regierungen in der Welt ein Zeichen, daß wir nur ein Zwischenspiel
im Zeitalter des Imperialismus erlebten. Vielleicht werden die
Schrecken des Weltkrieges keine bleibende friedliche Wirkung aus-
üben. Auch wer an den ewigen Fortschritt der Menschheit glaubt,
weiß, daß dieser nur spiralförmig vor sich geht. Jedenfalls erscheint
uns Mitlebenden der Wandel zwischen der Vorkriegszeit und der Ge-
genwart abgrundtief. So groß erscheint uns dieser Wandel, daß wir wie
Oscar Wildes Gastgeber, ein amerikanischer Sezessionist, sagen könn-
ten: "Sie hätten erst unseren Mond, den Sie so bewundern, vor dem
Kriege sehen sollen."
Als ich Rantzau bei seiner Abreise aus Weimar auf den Bahnhof ge-
leitet hatte, kehrte ich in das Schloß zurück, wo die bisherigen Dienst-
räume des Auswärtigen Amtes verödet waren. Alle Beamten hatten sich
nach Berlin begeben, um ihr weiteres Schicksal abzuwarten. Nur dem
"neuen Herrn", Hermann Müller, begegnete ich, der sich auf den Sessel
gesetzt hatte, den ich nicht einnehmen wollte. Zuerst war er ziemlich
verzweifelt, da er nach Paris mitteilen mußte, daß die deutsche Regie-
rung die feindlichen Bedingungen annehmen würde, er aber nicht recht
wußte, wie er das machen sollte. Ich bot ihm an, eine Note für ihn
aufzusetzen, da sonst anscheinend niemand mehr zu finden war. Schließ-
lich trieben wir beide zusammen noch Friedrich Gaus auf, der später
in der großen Zeit der Deutschen Republik Rechtskonsulent und Haupt-
mitarbeiter Stresemanns war. Unter Mitwirkung von uns dreien kam
Hermann Müllers erste Note zustande. Ich fuhr dann mit ihm nach
Berlin zurück, da er noch manches mit mir besprechen wollte.
Die Eisenbahnzüge waren damals immer überfüllt, und wir saßen zu
mindestens sechs Personen in unserem Abteil. Das Gespräch drehte sich
vorwiegend um die bevorstehende Unterzeichnung des Versailler Ver-
trages und um die Frage, wer für Deutschland dieses Dokument unter-
zeichnen sollte, das bestimmt war, Europa in eine furchtbare, noch
heute andauernde Krisis hineinzuführen, weil darin jeder Aufbauplan
fehlte. Dernburg machte die Bemerkung, es müsse jemand sein, der einen
(195)
schwarzen Rock besitze. Hermann Müller fiel schnell und freudig ein:
"Das schließt mich aus", worauf ich ihn daran erinnerte, daß das alte
osmanische Reich meistens etwa nötige schlechte Friedensschlüsse durch
einen Armenier hätte unterzeichnen lassen. Er müsse, fuhr ich fort, in
diesem Falle analog verfahren, wobei ich bei diesem Scherze nicht an-
nahm, daß der arme Hermann Müller selbst wenige Tage später die
Reise nach Versailles antreten würde.
Ich war nun frei und konnte mein Leben neu einrichten. Meine Frau
wünschte auf dem Lande zu wohnen, da sie für eine Inkarnation mehr
als genügend große Geselligkeit hinter sich hatte, und sich ihrem Garten
und ihren Büchern widmen wollte. Damit war ich vollkommen ein-
verstanden, nur wollte ich weiter politisch wirken, um am Wiederauf-
bau Deutschlands und der Welt mitzuarbeiten. Beide Wünsche ließen
sich sehr gut vereinigen, wenn wir unsere bisherige Sommer- und Ur-
laubsexistenz in Starnberg in eine permanente verwandelten, und ich
nebenbei einen Sitz im Reichstag erlangte.
Der Uebergang vom Diplomaten zum Parlamentarier war nicht so
einfach wie ich mir das als Neuling vorstellte. Ich mußte zunächst das
Ende der Nationalversammlung sowie die Reichstagswahl abwarten. In
der Zwischenzeit hatte ich reichlich zu tun, mein erstes Buch zu schrei-
ben, wozu mich der Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung
anregte, und ferner eigene Hemmungen auf dem neuen Wege zu über-
winden.
Jeder Diplomat hat eine Abneigung gegen öffentliches Reden und,
wenn er durch die Umstände dazu gezwungen wird, hält er sich an ein
wohlvorbereitetes Manuskript, weil er die Gefahren kennt, die auf in-
ternationalem Gebiete durch Reden entstehen können. Der Parlamen-
tarier indessen muß frei sprechen, wenn er sich nicht um jede Wirkung
bringen will. Wer nicht zum Redner geboren ist, wird nie ein solcher
zu werden vermögen, aber jeder der Gedanken hat, wird lernen können,
sie frei und einigermaßen wirkungsvoll vorzutragen. Das war wohl mit
der bekannten Anekdote über Demosthenes gemeint, denn nur die Tech-
nik läßt sich lernen, nicht die Kunst. Goethe sagt mit Recht:

Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor.

Meine ersten Versammlungsreden waren mir selbst eine Qual, und
wahrscheinlich noch mehr meinen Hörern, da ich immer mit meinem
Manuskript in Konflikt geriet. Dann erlebte ich eines Tages in Magde-
burg eine Wiedergeburt. Ich sprach dort eines Sonntagmorgens in dem
sehr großen Zirkus Blumenfeld vor einer Versammlung von mehreren
tausend Menschen und entdeckte auf dem Podium zu meinem Schrecken,
daß die Beleuchtung zu schlecht war, um das Manuskript zu lesen. Also
mußte ich nolens volens zum ersten Male ganz frei sprechen. Seitdem
(196)
habe ich nie mehr ein Manuskript vor mir gehabt. Wenn auch meine
Reden keine oratorischen Leistungen waren, so habe ich wenigstens nie-
mals durch dieselben Unannehmlichkeiten gehabt und mich meiner Geg-
ner ganz gut erwehren können.
Für alle Deutschen, die ihr Vaterland und die Freiheit mehr liebten
als irgendwelche Theorien, kam es damals nach Beendigung des Welt-
krieges darauf an, das Einleben in die neuen Verhältnisse zu erreichen,
für die von der Nationalversammlung eine legale Basis geschaffen wor-
den war. Dieser Versuch, an dem ich mit möglichst gutem Willen teil-
genommen habe, ist leider mißlungen. Die Weltgeschichte scheint es keiner
großen Nation gönnen zu wollen, ihre Revolutionen ohne vorherige Dik-
taturen zu beendigen. Cromwell, Napoleon, Stalin, Hitler sind so viele
Beweise für diese Annahme, aber noch niemals war die Diktatur eine
permanente Einrichtung, sondern sie führte zur Demokratie, namentlich
in Westeuropa, wohin wir nach unserer Kultur gehören. Der Genius
Bismarcks hat Deutschland geschaffen, doch auch der Genius ist keine
permanente Institution, wie wir zu unserem Schaden erfuhren, denn
das Fehlen des Genius Bismarcks war wohl der Hauptgrund des un-
glücklichen Weltkrieges.

In Westeuropa führte der historische Weg von der Revolution über
den Liberalismus zur Demokratie. In Deutschland fehlte die Zwischen-
stufe, wie ich schon oben ausführte, infolge des vorzeitigen Ablebens
Kaiser Friedrichs. Darin ist einer der Hauptgründe zu finden für das
Scheitern der deutschen demokratischen Republik. Stein hat ähnlichen
Gedankengängen schon hundert Jahre früher eine schöne Fassung ge-
geben, indem er sagte, daß man die Zahl der freien Männer in Preußen
vermehren müsse.
Was wir in der deutschen Republik erreichen wollten und mußten,
wenn sie leben sollte, war die Zahl der Liberalen vermehren, deren es
nur wenige gab. Selbst innerhalb der demokratischen Partei war ihre
Zahl verhältnismäßig gering, denn die meisten Demokraten hielten Li-
beralismus für gleichbedeutend mit Manchestertum, was in unserem so-
zialen Zeitalter natürlich einen schweren aber unberechtigten Vorwurf
involvierte. Wir deutschen Liberalen in der Republik betrachteten das
Manchestertum als eine überwundene historische Kategorie, den Libera-
lismus aber als eine rein geistige Weltanschauung, die noch heute mit
Schillers Posa als "Gedankenfreiheit" bezeichnet werden kann. Wir
wollten auch nicht das Zeitalter des Liberalismus zurückführen, denn
dieser ist als politischer Begriff in allen Ländern rückläufig und über-
wunden. Doch kann andrerseits die Regierungsform der Demokratie
nicht ohne liberale Erziehung von Bestand sein. Wir wollten also ge-
wissermaßen innerhalb der Demokratie den Liberalismus schnell nach-
holen.
(197)
Von solchen Erwägungen ging ich aus, als ich in Berlin mit einigen
Freunden den "Demokratischen Klub" gründete, dessen erster Präsident
ich war, und der natürlich heute mit vielem anderen in den Orkus ver-
sunken ist. Die Erziehung des deutschen Volkes zu Liberalismus und
Demokratie ist einstweilen leider mißlungen.
Ich begnügte mich indessen nicht mit Arbeit in dem Klub und der
Presse, sondern trat auch in den ersten Reichstagswahlkampf der Re-
publik ein. Den Auftakt hiezu bildete der Parteitag, der in Berlin statt-
fand. Bei dieser Gelegenheit hielt ich die programmatische Rede über die
auswärtige Politik. In dieser sprach ich unter anderen folgende Sätze,
denen ich treu geblieben bin, bis ich mich aus der Politik zurückzog.

"Ich möchte dringend raten, daß wir uns nicht mehr darüber streiten,
ob der Friede hätte unterzeichnet werden sollen oder nicht. Für den
Politiker, der die auswärtigen Beziehungen behandelt, ist die Vergangen-
heit von Interesse insofern, als er daraus lernen kann. Für die zukünf-
tige Politik hat aber die Vergangenheit keinen praktischen Wert. An
jedem Tage müssen die Probleme der auswärtigen Politik neu aufgebaut
werden.
Wir wollen demnach den Vertrag von Versailles als ein Gegebenes
betrachten, indessen immer wieder auf seine Revision durch friedliche
diplomatische Mittel dringen. Ich glaube also, daß die nächste Aufgabe
der deutschen Außenpolitik ist, den Eintritt in den Völkerbund zu be-
treiben."

Mein erster Versuch in den Reichstag zu gelangen mißglückte, doch
habe ich diesen Fehlschlag nie bedauert, da ich dabei sehr viel gelernt
habe. Der Wahlkreis Düsseldorf-West hatte mir angeboten, dort zu kan-
didieren, und ich gab mich der Illusion hin, ihn gewinnen oder richtiger
ausgedrückt, dort die 60,000 Stimmen erkämpfen zu können, die nach
unserem Wahlrecht nötig waren, um ein Mandat zu erringen. Ich freute
mich, unser Industriegebiet kennen zu lernen, was ich bei dieser Gele-
genheit gründlich tat, da ich 48 Reden an ebensovielen verschiedenen Or-
ten hielt. Die ganze Gegend war aber damals noch politisch zu sehr in
den Händen der Sozialisten und des Zentrums, als daß ich hätte durch-
dringen können. In keiner meiner Ansprachen versäumte ich, den
Wunsch auszusprechen, daß wir zu freundlichen Beziehungen mit Frank-
reich gelangen möchten. Ich sagte immer ungefähr mehr oder weniger
das Folgende:

"Eine Versöhnung mit unseren Nachbarn im Westen wäre an sich
durchaus wünschenswert und würde ein großes Glück für die ganze
Welt bedeuten. Man stelle sich nur vor, wieviel die Kultur und die Welt-
wirtschaft gewinnen würden, wenn der deutsch-französische Gegensatz
(198)
sich in eine gemeinsame Arbeit für die idealen und materiellen Güter
der Menschheit verwandeln sollte. Man denke sich eine Verbindung
des Rheinisch-Westphälischen Industriegebiets mit dem Nordfranzösisch-
Lothringischen Erz- und Kohlengebiete, dem sich das belgische und
luxemburgische Industriegebiet ganz von selbst anschließen würde.
Der Wiederaufbau Europas erhielte durch eine solche Arbeitsgemein-
schaft einen Anstoß von so großer Triebkraft, daß alle anderen
Hindernisse sich leicht überwinden ließen. Wenn die Franzosen ruhi-
ger Ueberlegung fähig wären, müßten sie einsehen, daß der einzige Weg
aus den Leiden der Gegenwart der ist, diese Leiden gemeinsam zu tra-
gen. Leider scheint aber Keynes mit seiner Darstellung der französischen
Politik Recht zu behalten. Er erklärt die Haltung Frankreichs durch
die veraltete imperialistische Politik Clemenceaus und durch die Furcht
vor der Rache Deutschlands. Nachdem der falsche Weg eines ungerechten
Karthagofriedens einmal ergriffen worden sei, treibe das schlechte Ge-
wissen die Franzosen immer weiter auf der falschen Bahn. Sie glaub-
ten sich ausschließlich durch die Schwächung Deutschlands vor dessen
dereinstiger Rache schützen zu können.
Solange sich die Haltung Frankreichs uns gegenüber nicht völlig ver-
ändert, muß eine französische Orientierung unserer Politik als eine
Illusion betrachtet werden. Wenn aber die Auffassung von Keynes sich
als falsch erweisen und in Frankreich eine Stimmung entstehen sollte,
die uns eine annehmbare wirtschaftliche Existenz auf nationaler Basis
gönnte, so würde die heutige deutsche demokratische Republik nur zu
froh sein, eine politische, kulturelle und wirtschaftliche Annäherung an
Frankreich zu suchen."

Im übrigen wurde ich schon in meinem ersten Wahlkampfe von mei-
nen Gegnern als "Reisender für den Völkerbund" bezeichnet. Doch davon
will ich später zusammenhängend sprechen.
Wie es einem manchmal im Leben geht, bringt gerade die scheinbare
Nichterfüllung eines Wunsches eine vollere Befriedigung der gehegten
Hoffnungen. Infolge meiner Niederlage im Ruhrgebiet war es mir mög-
lich in meiner engeren Heimat zu kandidieren, an der mein Herz hing.
Schleswig-Holstein wählte wegen der dortigen Volksabstimmung später
zum ersten Reichstage als das übrige Deutschland. Ich hatte wenig
Hoffnung dort aufgestellt zu werden, da Schleswig-Holstein damals für
die demokratische Partei ein völlig sicherer Wahlkreis war, und die
Abgeordneten der Nationalversammlung daher gern wieder kandidieren
wollten. Aus Kollegialität mochte ich auch nicht in den Wahlkreis fah-
ren, bis ich aufgestellt war, da es mir widerstrebte, mit Parteifreunden
in den Wettbewerb zu treten. Schließlich wurde ich aber doch vom
Schleswig-Holsteinischen Parteitage aufgestellt, was ich in erster Linie
wohl Professor Otto Baumgarten von der Kieler Universität und Haupt-
(199)
schriftleiter Johannes Rathje von der "Kieler Zeitung" verdankte. Noch
wenige Tage vor der Wahl hatte ich ein Telegramm erhalten, daß ich
zum Parteitage kommen müsse, wenn die Aufstellung gelingen solle.
Ende gut, alles gut. Nach einem zweiten sehr heftigen Wahlkampfe zog
ich Anfang 1921 in den Reichstag ein, wo ich sieben Jahre blieb. Als
Gymnasiast in Ratzeburg war ich einmal bestraft worden, weil ich mich
an einem Wahlkampfe beteiligte. Jetzt hatte ich dort als Kandidat vor
einer stattlichen Versammlung auftreten dürfen.
In der demokratischen Reichstagsfraktion habe ich mich immer sehr
wohl gefühlt. Die Gesinnung meiner Kollegen mir gegenüber war äußerst
freundlich, und man ließ mir in auswärtigen Fragen ganz freie Hand.
So habe ich die sieben Jahre hindurch immer die Fraktion im Plenum
des Reichstages vertreten, wenn auswärtige Angelegenheiten zur Sprache
kamen, und ebenso führte ich im "Auswärtigen Ausschusse" unsere
Stimme. Wenn ich Kritik an der Fraktion üben wollte, so würde ich
vielleicht sagen, daß sie zu viel Neigung zum Theoretisieren zeigte und
zu wenig "Willen zur Macht", der die Quintessenz aller großen Politik
ist. Das war indessen der Fehler des ganzen Reichstages.
Bei der Gründung der demokratischen Partei ist ein großes Unglück
geschehen, das auch die Republik schwer geschädigt hat. Ich war damals
noch Beamter, kann also von dem Verlauf der Dinge bei der Bildung
der Partei in seinen Einzelheiten keine Darstellung geben. Das Ergeb-
nis der Verhandlungen war aber sehr offenkundig, indem Stresemann
nicht in die Partei aufgenommen wurde und statt dessen die "Deutsche
Volkspartei" gründete, deren Führer er ward. So lange ich im Reichs-
tag war, habe ich mich immer lebhaft bemüht, diesen Fehler wieder
gutzumachen, indem ich die Fusion der beiden Parteien herbeizuführen
suchte. Zeugnis hierfür ist zu finden in dem letzten der oben wieder-
gegebenen Briefe des Prinzen Max von Baden. Das Unglück war ein
doppeltes, denn abgesehen davon, daß Stresemann bei weitem der be-
deutendste deutsche Staatsmann der Zeit war, so kam dadurch ein tiefer
politischer Riß in das sogenannte gebildete Bürgertum, um es nicht das
liberale Bürgertum zu nennen. Vielleicht war es der tiefste im Volke
vorhandene politische Riß, vergleichbar dem zwischen Sozialdemokraten
und Kommunisten. Man brauchte nur einen einzigen Wahlkampf mitzu-
machen, um zu wissen, daß die demokratische und die deutsche Volks-
partei immer dieselben Kreise zu gewinnen suchten und ihre Organi-
sationen sich daher gegenseitig am heftigsten befehdeten. Die Volks-
partei galt für die vornehmere von beiden. Als ich in Duisburg kandi-
dierte, forderte ein Parteifreund sein Hauspersonal auf, demokratisch
zu wählen. Ein braves Dienstmädchen antwortete: "Ich weiß nicht, ob ich
das tun kann. In Duisburg wählen die besseren Leute alle Volkspartei."
Mutatis mutandis argumentieren Millionen ähnlich und dabei entsteht
die schwerste deutsche Nationalkrankheit, der Inferioritätskomplex.
(200)
Meine Jungfernrede im Reichstage hielt ich zur Zeit, als das Lon-
doner Reparations-Ultimatum in der Luft lag. Ich sagte unter anderem,
daß die gesamte deutsche auswärtige Politik aufgebaut werden müsse
auf dem Gedanken der Durchführung der Solidarität der wirtschaft-
lichen Interessen aller Nationen. Von der rechten Seite des Hauses
wurde mir zugerufen: "Sagen Sie das Briand". Heute, wo ich dieses
schreibe, muß ich mit einer gewissen Heiterkeit daran denken, wie oft
ich später in Genf diesen Rat befolgt und mit Briand, bezw. seinen Mit-
arbeitern entsprechenden Meinungsaustausch gehabt habe. Ich glaube
noch heute, daß hier eine der Hauptaufgaben des Völkerbundes liegt.
Die finanzielle Frage spielte bei der Entscheidung des 10. Mai 1921
eine untergeordnete Rolle, weil sich ebensogut von unseren eigenen An-
geboten wie von den Forderungen des Ultimatums sagen ließ, daß sie
unerfüllbar seien. Wer war überhaupt in der Lage, die Leistungsfähig-
keit Deutschlands richtig einzuschätzen? Wir mußten leider soviel zahlen
wie wir zu leisten vermochten, weil wir im Weltkriege besiegt worden
sind und aus keinem anderen Grunde. Deshalb lag schon ein gewisser
Fortschritt darin, daß das Ultimatum die heuchlerische Lüge von der
alleinigen moralischen Schuld Deutschlands am Kriege nicht mehr als
die Grundlage der Reparationen aufstellte.
Bei der Entscheidung kam es fast ausschließlich auf die subjektive
bezw. intuitive Beurteilung der außenpolitischen Lage an. Für jeden ein-
zelnen war die Frage zu beantworten, wie der napoleonischen Politik
Frankreichs am besten zu begegnen sei. Die ablehnenden Mitglieder
des Reichstages haben sich wohl hauptsächlich dadurch bestimmen
lassen, daß sie glaubten, die Franzosen würden doch auf alle Fälle in
das Ruhrgebiet einmarschieren, und Oberschlesien sei unter allen Um-
ständen verloren, so daß nichts anderes übrig blieb, als den französi-
schen Imperialismus sich totlaufen zu lassen, ein Fall, der eintreten
werde, sobald klar zu erkennen sei, daß die Reparationen mit Gewalt
nicht eingetrieben werden könnten. Wir, die wir für die Annahme des
Ultimatums gestimmt haben, gingen von der Ueberzeugung aus, daß
wir, koste was es wolle, die Einheit des deutschen Volkes, Oberschlesien
und das Ruhrgebiet retten müßten. Wir zweifelten nicht daran, daß die
Franzosen, wenn sie einmal vorrückten, bis Würzburg oder Bamberg
marschieren würden, um Süddeutschland vom Norden abzuriegeln. Des-
halb erschien uns die Ablehnung des Ultimatums als gleichbedeutend
mit der Zerstörung der Einheit des deutschen Volkes, dem Verlust des
Ruhrgebietes auf lange und der Preisgabe Oberschlesiens auf alle Zeit.
Unter diesen Umständen war die Annahme der gegnerischen Bedingun-
gen unzweifelhaft als das kleinere Uebel zu betrachten, namentlich da
die öffentliche Meinung der ganzen Welt einschließlich der Neutralen
gegen uns stand. So bitter diese Wahrheit auch schmecken mag, die Tat-
sache bleibt doch bestehen, daß damals das Ausland fast allgemein der
(201)
Ansicht war, wir wollten uns den Konsequenzen unserer Niederlage ent-
ziehen.
Die Annahme des Ultimatums unsrerseits mußte nach meiner Auf-
fassung benutzt werden, um den Versuch zu machen, Oberschlesien zu
retten. Sobald darüber Klarheit vorhanden war, daß diese Frage dem
Völkerbunde überwiesen werden würde, ging ich, ganz gegen meine
sonstige Gewohnheit der Zurückhaltung, zu dem damaligen Reichskanzler
Wirth, um ihn zu bewegen, sofort unsere Aufnahme in den Völker-
bund zu beantragen. Ich war der Auffassung, daß wir um Oberschlesien
kämpfen müßten. Wir durften nicht immer abwarten, welches Los uns
im Rat der Mächte gekiest wurde. Wirth verhielt sich nicht ablehnend,
schickte mich aber zu Rosen, dem Minister des Aeußern. Damit war jede
Aussicht auf eine günstige Entscheidung der Frage verloren, da Rosen
ein heftiger Gegner der Idee des Völkerbundes war. Um diese handelte
es sich hier aber garnicht, sondern darum, ob wir Oberschlesien ohne
Kampf preisgeben wollten oder nicht. Deutschland darf sich nicht frei-
willig ausschalten lassen, wenn seine Interessen von den anderen Mäch-
ten verschachert werden.
War ich in der Oberschlesischen Frage abgeblitzt, so wurde ich von
der Regierung spontan herangezogen, als die langerwartete Beendigung
des Kriegszustandes mit Amerika erfolgen und dorthin ein neuer deut-
scher Botschafter gesandt werden sollte. Zwar haben die Vereinigten
Staaten von jeher die Neigung gehabt, im Vollgefühle ihrer autarkischen
Macht internationale Fragen durch einseitige gesetzgeberische Maßnah-
men zu regeln, wie wir es selbst schon oft bei handelspolitischen Ver-
handlungen erlebt hatten. Aber ein so einseitiger Friedensschluß wie
der von Washington war immerhin ein Novum im Völkerrechte. Wenn
ich diese Tatsache konstatiere, so will ich damit keinen Vorwurf gegen
die Organe des amerikanischen Staates erheben, denn dieser Friedens-
schluß war jedenfalls besser als irgend eine Anerkennung des Versailler
Vertrages, der Europa seit zwei Jahren in einem permanenten Kriegs-
zustande erhalten hatte.
Bisher gingen in den Vereinigten Staaten zwei Bestrebungen neben-
einander her. Einerseits galt die politische Isolierung auf Grund des
Vermächtnisses Washingtons als höchstes Dogma, während andrerseits die
wirtschaftliche Verflechtung mit der ganzen Welt erstrebt wurde. Dieser
Gegensatz erklärt bis zu einem gewissen Grade die Politik Wilsons und
deren schließlichen Mißerfolg. Die wirtschaftliche Verflechtung führte
dahin, daß Wilson zur Ueberzeugung kam, die politische Isolierung sei
nicht mehr aufrechtzuerhalten. Da die amerikanische öffentliche Mei-
nung dem europäischen Konflikte fernbleiben wollte, versuchte Wilson
die beiden Strömungen dadurch in ein Bett zu leiten, daß er zwischen
den kriegführenden Mächten einen Frieden ohne Sieg vermittelte, der
gleichzeitig die Freiheit der Meere und damit des Welthandels sichern,
(202)
sowie einen Völkerbund schaffen sollte, in welchem nach allgemeiner Ab-
rüstung alle Konflikte durch Verhandlungen und nicht durch Gewalt
entschieden würden. Diese Politik Wilsons, die eine bewußte Abkehr von
dem Dogma der Isolierung bedeutete, scheiterte infolge der Erklärung
des uneingeschränkten Unterseebootkrieges. Die Vereinigten Staaten
traten in den Krieg ein, gaben dadurch vollends ihre politische Isolie-
rung auf, und Wilson gewann den Krieg für die Entente. Doch habe ich
hierüber schon oben ausführlich geschrieben.
Wir würden fehlgehen, wenn wir die langwierigen Verhandlungen
des amerikanischen Kongresses über den Friedensschluß als den Ausfluß
deutschfreundlicher oder deutschfeindlicher Gesinnung der verschiedenen
Faktoren zurückführen wollten. Davon kann keine Rede sein. Es
empfiehlt sich im allgemeinen, bei der Beurteilung der politischen Mo-
tive anderer Völker möglichst wenig mit der Vorliebe oder Abneigung
gegen fremde Nationen zu rechnen. Ausschlaggebend ist immer die ideal-
und realpolitische Richtung eines Volkes, die von wirtschaftlichen In-
teressen stark beeinflußt wird. Mit Recht hat ein deutschnationaler Hi-
storiker und Publizist in seiner Besprechung der ersten Botschaft Har-
dings darauf hingewiesen, daß wir darin der gleichen Ideologie be-
gegneten, wie in den Reden Wilsons, und daß wir daher diese Ideologie
als Gemeingut der amerikanischen Nation betrachten müßten. Die in den
Vereinigten Staaten herrschende idealpolitische Richtung ist eben eine
von der deutschen verschiedene, und diese wichtige Tatsache nicht er-
kannt zu haben, war einer der Hauptfehler unserer Politik, als noch
die Möglichkeit vorhanden war, den Eintritt der Vereinigten Staaten in
den Krieg zu verhindern. Den gleichen Fehler durften wir nicht wieder-
holen, als es sich darum handelte, die freundschaftlichen Beziehungen
mit Amerika wiederherzustellen. An sich war dieses wünschenswerte Ziel
mit den Vereinigten Staaten leichter zu erreichen als mit den Staaten
der Entente, weil wirkliche politische Gegensätze zwischen Deutschland
und Amerika vor dem Kriege niemals bestanden haben. Nur durch eine
besonders unglückliche Verkettung von Umständen wurden die Vereinig-
ten Staaten bewogen, in den Krieg einzutreten. Allerdings war seitdem
durch den Krieg, die Propaganda und unsere eigenen Fehler in Amerika
eine deutschfeindliche Stimmung erzeugt worden, die zunächst überwun-
den werden mußte. Die Amerikaner sind aber viel zu kluge Politiker und
Geschäftsleute, um sich dauernd in ihren Maßnahmen durch solche Stim-
mungen beeinflussen zu lassen, nachdem einmal der Friedenszustand ein-
getreten war. In diesem Zusammenhange ist besonders bezeichnend, daß
die Entschließung des Kongresses von der "Beendigung des Kriegszu-
standes mit der Kaiserlich Deutschen Regierung" sprach. Darin lag eine
sicher beabsichtigte Freundlichkeit gegenüber der Deutschen Republik,
welche, entsprechend der ganzen idealpolitischen Richtung der Ameri-
kaner, deren Sympathie genoß. Der Tradition der Vereinigten Staaten
(203)
entsprechend, forderte die Washingtoner Regierung, daß alle Verhand-
lungen dort geführt würden. Wichtige amerikanische Fragen hat man
immer zuhause erledigen wollen, und diese Tradition kam durch Wil-
sons Fiasko in Versailles wieder voll zu Ehren. Es war daher anzu-
nehmen, daß die Vereinigten Staaten die diplomatischen Beziehungen
nach der Friedensproklamation wieder aufnehmen würden, damit eine
deutsche Botschaft in Washington vorhanden sei, mit der über die Ein-
zelheiten verhandelt werden konnte. Nach der Lage der amerikanischen
Verhältnisse und Traditionen wäre ein Gelehrter von Weltruf am besten
geeignet gewesen, um dort den zerrissenen Faden wieder anzuknüpfen.
Wir Deutschen erinnern uns besonders gern der Namen Bancroft, White
und Hill, deren Träger von amerikanischen Universitäten zur Berliner
Botschaft gelangten. Die erfolgreichste Diplomatie der Welt, die eng-
lische, die fast immer und überall durch Berufsbeamte vertreten wird,
ist wohl niemals in Washington so gut bedient worden, wie durch James
Bryce. Ich habe mich in den Jahren 1914-17 oft gefreut, daß ich ihn
nicht mehr als Gegner hatte. Washington ist eben ein Spezialistenposten
und stellt andere Ansprüche als die europäischen Hauptstädte. Eingehen
auf die dem Europäer fremde amerikanische Eigenart und völlige Ver-
trautheit mit der englischen Sprache ist unbedingt erforderlich, da jede
andere Zunge in den Vereinigten Staaten eine ungangbare Münze ist.
Ein Botschafter in Amerika muß jederzeit bereit sein, in freier eng-
lischer Rede, sei es in einer Versammlung, sei es nach einem Bankett,
den Standpunkt seines Volkes und seiner Regierung zu vertreten. Der
Reichstag hatte zwar den Wunsch ausgesprochen, daß ein Berufsdiplomat
nach Washington gesandt werde, für die ersten Jahre schien aber ein
politischer homo novus von Weltruf mehr am Platze, da er mit keiner
der vielen mißlichen Erinnerungen aus der Kriegszeit belastet war.
Die hohe Politik sollte zunächst in den Verhandlungen mit den Ver-
einigten Staaten keine Rolle spielen. Unser Botschafter durfte nur als
stiller Beobachter die große Washingtoner Konferenz verfolgen, zu der
wir nicht geladen waren. Ich hielt es für kein Unglück, daß dem so
war, denn wir allein von allen Völkern hatten schon völlig abgerüstet,
und auf der Konferenz würden wir doch nur wie der Chor in der grie-
chischen Tragödie zu allen Beschlüssen der anderen unseren Segen haben
geben müssen. Vornehme Zurückhaltung gegenüber der Washingtoner
Konferenz stand uns an, aber nicht Spott, wie er zum Teil in der deut-
scheu Presse zu finden war.
Wenn wir aus unserem Unglücke lernen wollten, mehr als bisher außen-
politisch zu denken und zu empfinden, würde es den Deutschen nicht so
schwer werden, zu erkennen, daß die idealpolitische Richtung des
amerikanischen Volkes eine pazifistische ist. Allerdings ist der ameri-
kanische Pazifismus anders geartet als der deutsche, der sich zu solchen
törichten Vorschlägen hinreißen läßt, wie sie der Essener Pazifisten-
(204)
kongreß einbrachte, der die Reichswehr abschaffen wollte. Bei uns gibt
es in politischen Fragen meistens leider nur ein haltloses Hin- und Her-
taumeln zwischen Extremen. Es besteht aber zwischen der Gewaltpolitik
und der Utopie "Nie wieder Krieg" noch ein Drittes, nämlich die
Politik der Verständigung, welche die Quintessenz aller Diplomatie ist.
Der amerikanische Pazifismus beruht auf der nationalen Erziehung zu
wirtschaftlicher Betätigung und auf der idealen Auffassung, daß der
Krieg ein Uebel sei, wenn auch manchmal ein notwendiges. Dagegen
sind wir mehr oder weniger zum Kriege und in der Idee erzogen wor-
den, daß der Krieg ein sittliches Stahlbad wäre. In letzterer Beziehung
haben wir in Deutschland eine schwere Enttäuschung erlitten und recht
trübe Erfahrungen gemacht. Gewiß ist der Unterschied der Auffassun-
gen aus der geschichtlichen Entwicklung und der geographischen Lage
zu erklären. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß wir solche
Unterschiede verstehen und sie in unsere politischen Berechnungen ein-
stellen müssen. Wenn wir dies früher getan hätten, so würden wir nicht
durch theoretische Verherrlichung der Gewaltpolitik der Außenwelt den
Gedanken beigebracht haben, daß wir eine solche Politik führten, als es
garnicht der Fall war, und würden wir nicht später den heiligen deut-
schen Verteidigungskrieg durch die Aufstellung von Eroberungszielen
entwürdigt haben. Der Versailler Vertrag hat bewiesen, daß wir einen
Verteidigungskrieg führten, ein Beweis, den unsere Politik nicht er-
bringen konnte, weil deren Tonart anders gestimmt war. Aehnlich liegen
die Dinge noch heute.
Als alle Voraussetzungen für die Wiederherstellung der diplomatischen
Beziehungen mit Amerika nach obigen Ideengängen erfüllt waren, bat
unsere Regierung mich, durch meinen Freund Haniel, der damals Staats-
sekretär des Auswärtigen Amtes war, nach Berchtesgaden zu fahren und
den dort auf Ferien befindlichen Adolf Harnack zu fragen, ob er als
mein erster Nachfolger nach Washington gehen wolle. Er brauchte sich
nicht mehr als auf ein Jahr zu binden. Abgesehen von der politischen
Wichtigkeit der Frage war mir dieser Auftrag auch in persönlicher
Hinsicht sehr angenehm, da ich für Harnack eine sehr große Verehrung
hegte. Ich hatte viele seiner Werke gelesen und bin noch heute der An-
sicht, daß es keine schönere und packendere Darstellung unserer Religion
gibt, als sein "Wesen des Christentums". Bei unserem Zusammentreffen
sprachen wir daher zunächst von diesen Dingen, bevor wir zur Politik
übergingen. Schließlich war die Fahrt in letzterer Beziehung ein Miß-
erfolg, da der große Gelehrte sich selbst das Prädikat "ungenügend" in
der englischen Sprache gab. Für mich blieb aber diese kleine Reise eine
schöne Erinnerung, wie an eine Fahrt zum heiligen Gral.
Wir befanden uns damals und befinden uns tatsächlich noch heute in
einem Zeitalter, wo für uns die auswärtige Politik – verglichen mit
der inneren – völlig ausschlaggebend ist. Ich erwähnte schon oben, daß
(205)
dieses Verhältnis zwischen den beiden politischen Betätigungen wegen
unserer geographischen Lage meistens in der deutschen Geschichte platz-
gegriffen hat, doch ist es nicht immer so evident gewesen wie seit dem
Versailler Vertrag. Nur auf dem Gebiete der äußeren Politik kann die
Lösung gefunden werden, die zum Wiederaufbau unseres Vaterlandes
führt. Einst verstand es Bismarck meisterhaft, die Frage der deutschen
Einheit durch eine geschickte auswärtige Politik zu lösen, nachdem es
sich als unmöglich erwiesen hatte, dieselbe durch Mittel der inneren
Politik zum Austrage zu bringen. Wir dagegen mußten notgedrungen
auf dem auswärtigen Gebiete Hilfe suchen, da wir sonst unfehlbar zu-
grunde gingen.
Die deutsche auswärtige Politik konnte damals nichts anderes sein
wie eine Defensivstellung gegen die napoleonische Politik Poincarés. Sie
konnte zwar, wie in dem Wiesbadener Abkommen, den Versuch machen,
die vernünftigen Elemente in Frankreich zu stärken. Sie mußte aber
damit rechnen, daß dort die imperialistischen Kreise die Oberhand be-
halten und unsere Zahlungsunfähigkeit zum Vorwande nehmen würden,
um die Einheit des deutschen Volkes zu zerreißen, deren Erhaltung vor-
läufig das einzige Leitmotiv aller deutschen Politik war.
Walter Rathenau ist der erste deutsche Staatsmann gewesen, der nach
dem Versailler Vertrag den Versuch machte, ähnliche Erwägungen wie
die obigen praktisch zu verwerten. Sein Weg führte ihn von dem Wies-
badener Abkommen über die Konferenz von Cannes zu der von Genua.
Dieser Weg war voller Dornen. Briand, der in Cannes anfing die Kriegs-
psychose abzustreifen, wurde zur Strafe hierfür von Poincaré abgesägt,
und in Genua erschwerte sich Rathenau selbst die Aufgabe ungeheuer
durch den Vertrag von Rapallo. Wer heute auf diesen zurückblickt, kann
nur mit Mephisto sagen: "Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan!"
Damals waren in Berlin über Rapallo die Meinungen außerordentlich
geteilt. Ich habe selbst in der Fraktion dagegen gesprochen. In den
Tagen gab mein alter Freund, der Staatssekretär Haniel, der zu meinem
großen Schmerze kürzlich verschieden ist, ein Frühstück zu Ehren des
neuen amerikanischen Botschafters Houghton. Von diesem gesellschaft-
lichen Ereignis sind mir zwei Gespräche besonders erinnerlich geblieben.
Houghton hatte nur eben den Hausherrn begrüßt, als er auf mich los-
kam mit den Worten: "All the Boys of the Metropolitan Club send you
their love." Diese auffallend freundliche laute Ansprache machte mir
damals große Freude, weil infolge der feindlichen Kriegspropaganda
sogar in Berlin von meinen politischen Gegnern phantastische Gerüchte
über meine Tätigkeit und Beziehungen in Washington verbreitet wurden.
Zu bemerken wäre hier, daß der Metropolitan Club der vornehmste
Washingtons ist.
Als Reichspräsident Ebert in das Empfangszimmer trat, standen
Lichnowsky und ich im Gespräch zusammen in der Fensternische. Er
(206)
kam auf uns zu mit den Worten: "Nun was sagen die früheren Bot-
schafter zu Rapallo?" Lichnowsky platzte gleich heraus mit der Ant-
wort: "Ich bin immer für Rußland." Darauf sah mich Ebert etwas ver-
legen an, und ich erwiderte: "Mir ist die Lösung der Reparationsfrage
unter Wahrung der Einheit des deutschen Volkes die Hauptsache. Des-
halb neige ich zum Westen." Der Präsident sagte: "Das meine ich
auch" und begann von anderen Dingen zu sprechen.
Ich habe oben den Grundsatz für dieses Buch aufgestellt, daß ich
nur von Selbsterlebtem schreiben will, damit ich unbedingt bei der Wahr-
heit bleibe. Deshalb will ich hier nicht auf Rapallo näher eingehen, da
ich eben nicht dabei war und daher die Einzelheiten der Sache nicht
kenne. Mein Widerstand dagegen hat indessen meine freundschaftlichen
Beziehungen zu Rathenau keineswegs getrübt. In der Hauptsache, dem
Ziele, waren wir einig, und er betrachtete mich als seine Hauptstütze
in der Fraktion, wenn wir auch nicht immer über die Mittel einig waren.
Ich fand z. B. das Wort "Erfüllungspolitik" ein unglückliches, ich wollte
den Völkerbund als Mittel deutscher Politik benutzen, und endlich bat
ich ständig Rathenau, sich persönlich vor Attentaten zu schützen, wozu
er nie bereit war. Noch am Abend vor seinem Tode hatten wir eine
lange Unterredung über alle diese Dinge, wobei ich ihm meine Sorgen
anvertraute und ihm sagte, seine Erfüllungspolitik habe sich bewährt,
doch schließlich glaube niemand, daß wir wirklich die Bedingungen
des Versailler Vertrages und des Londoner Ultimatums erfüllen könnten.
Wir folgten ihm aber darin, daß wir der Welt durch die Bestätigung
guten Willens die Unerfüllbarkeit erweisen und dadurch eine günstigere
Atmosphäre schaffen, sowie Poincaré die Möglichkeit entziehen wollten,
in Deutschland einzumarschieren und die Einheit des deutschen Volkes
zu zerreißen.
Eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns bildete der Völkerbund.
Rathenau betrachtete diesen als den Tummelplatz verbrauchter Staats-
männer, und er wollte daher lieber direkt mit den fremden Regierungen
verhandeln. Ich sagte ihm ungefähr folgendes:
"Abgesehen davon, daß diesem Uebel leicht abzuhelfen wäre, ist der
Vorwurf nicht ganz berechtigt. Wir sind gewiß mit der Haltung Balfours
in der Oberschlesischen Frage sehr wenig einverstanden gewesen, wobei
wir selbst nicht ganz unschuldig waren, weil wir dem Völkerbunde fern-
blieben. Balfour hat aber doch in Washington bewiesen, daß er noch im-
mer einer der geschicktesten englischen Staatsmänner ist. Diplomatische
Verhandlungen sind das Gebiet, wo das Alter noch am meisten Berechti-
gung hat. Goethe spricht ja auch von "des Greises leuchtend Aug' in der
Versammlung." Es wäre kein Unglück, wenn Genf zum Sammelbecken
der diplomatischen Erfahrungen der Welt würde. Aktivität ist gewiß
nötig und nützlich, aber Lord Cromer schrieb in seinem klassischen
(207)
Buche: "Die Meisterwerke der Staatskunst sind größtenteils nicht Taten,
sondern Enthaltungen von Handlungen."
Als ich von Rathenau für dieses Leben Abschied nahm, sagte er noch
zum Schluß, er beabsichtige regelmäßig mit mir und den anderen zu-
ständigen Parlamentariern intime Besprechungen über die auswärtige
Politik zu haben.
Ich fuhr am Morgen des Verbrechens in meinen Wahlkreis nach Kiel,
wo mich ein Parteifreund an der Bahn abholte und mich mit den
Worten empfing: "Es ist ein Unglück geschehen." Ich fiel ihm gleich
ins Wort mit der Frage: "Ist Rathenau ermordet worden?" So sehr war
ich mit diesen Gedanken beschäftigt. Später schrieb ich den folgenden
gezeichneten Artikel, um meinen Abscheu vor dieser Tat zum Ausdruck
zu bringen. Hier war Talleyrands Wort angebracht: "C'est plus qu'un
crime, c'est une faute."


Frankfurter Zeitung, Sonntag, den 3. September 1922.

"In dem Artikel eines jüdischen Mitbürgers in Nr.539 Ihres geschätz-
ten Blattes wird meines Erachtens mit Recht festgestellt, daß der Anti-
semitismus den Antrieb zur Ermordung Rathenaus bildet. Auch unser
Parteifreund Korell hat in seiner schönen Rede am Sarge Rathenaus
gesagt: "Er ist als Jude gefallen und als Persönlichkeit erlegen jener
sogenannten Idee von der völkischen Reinheit, die nichts anderes ist wie
eine materialistische Bekleidung eines niedrigen Instinktes." Korell
fügte mit Recht hinzu: "Ohne daß wir Christen uns entschieden und
entschlossen von dieser widerchristlichen Haltung abwenden, wird die
Atmosphäre in Deutschland nicht besser werden."
Antisemitismus hat es stets gegeben und wird es immer geben, so-
lange es Menschen gibt, denen es an Humanität fehlt und die mehr Wert
darauf legen, die Eigenart anderer herabzusetzen, als sich selbst zur
höchst erreichbaren Vollendung der Persönlichkeit zu führen. Mir ist
der Antisemitismus stets äußerst unsympathisch gewesen, nicht nur weil
ich in einem langen Leben viele besonders treue und zuverlässige jüdische
Freunde gehabt habe, sondern weil ich als Politiker in dem Anti-
semitismus eine Schwäche sehe und in dieser wiederum immer die Sünde
wider den heiligen Geist der Politik gesehen habe. Wer sich in einem
Konkurrenzkampf von vornherein für minderwertig hält, wird den-
selben sicher nicht bestehen können. Darauf kommt es aber letzten Endes
bei dem Antisemitismus hinaus, daß schwachen Seelen die Furcht ein-
geblasen wird, die geringe jüdische Minderheit könnte in geistiger,
politischer und wirtschaftlicher Beziehung die Herrschaft über uns er-
langen. Das deutsche Volk ist durch eigene politische Fehler in den Ab-
grund gestürzt und es leidet noch heute schwer unter seiner politischen
(208)
Unerfahrenheit, aber davon abgesehen ist es gesund an Geist und Leib.
Sollen wir uns da vor den glänzenden Gaben unserer jüdischen Mitbürger
fürchten? Sollen wir sie nicht lieber voll ausnutzen im Dienste unserer
werdenden großdeutschen Republik, die aller Kräfte bedarf, um wie ein
Phönix aus der Asche der militärischen Niederlage aufzuerstehen? Als
deutsch gilt mir jeder, der die Sprache Goethes als die seine liebt und
der den deutschen Staat aufbauen will auf den Grundlagen, die Friedrich
der Große, Stein und Bismarck gefügt haben. Den Begriff des Deutschen
anders zu fassen, scheint mir heutzutage gesucht, da doch nur wenige
unserer Landsleute sich werden rühmen können, keinen Tropfen slavi-
schen oder romanischen Blutes in den Adern zu haben. Der Begriff des
Nationalen ist für mich ein historischer. Deutsch ist, wer sich historisch
deutsch fühlt.
Der oben erwähnte Artikel gab mir Veranlassung, aus meiner Biblio-
thek so manchen Band herunterzunehmen, in dem die Gegensätzlichkeit
der Juden zu uns, hinsichtlich der Rasse und des Geistes, in mehr oder
weniger maßvoller Weise beschrieben war. Da stieß ich bei Treitschke,
der doch wohl unseren Uebernationalisten als klassischer Zeuge gilt, auf
folgenden Satz als Schlußergebnis: "Es kann nicht mehr bestritten wer-
den, daß das Judentum eine Rolle nur dann noch spielen kann, wenn
seine Mitglieder sich entschließen, Deutsche, Franzosen, Engländer zu
werden, und vorbehaltlich der alten Erinnerungen aufgehen in dem
Volke, dem sie staatsrechtlich angehören. Das ist die vollkommen bil-
lige und gerechte Forderung, die wir Abendländer zu stellen haben."
Rathenau war gewiß ein solcher Jude, und doch wurde er von fanatischen
Antisemiten ermordet. Er hatte an maßgebender Stelle an dem Aufbau
der deutschen Industrie mitgewirkt, er hatte über die Zukunft des
deutschen Volkes tiefsinnige und geistreiche Schriften verfaßt und
schließlich stellte er sich während des Krieges und nach demselben in
den Dienst des Vaterlandes, als seine großen Geisteskräfte uns bitter
notwendig waren. Rathenau ist seit dem Kriege der erste deutsche Mi-
nister des Aeußern gewesen, der Erfolge erzielt hat. Unter seiner Füh-
rung gelang es, die öffentliche Meinung der Welt gegen uns umzustim-
men, und das war die Vorbedingung für alle weitere Arbeit. Es wäre
ein politischer Fehler gewesen, wenn wir Rathenaus Persönlichkeit nicht
im Dienste der Republik verwandt hätten, ebenso wie es ein verhängnis-
voller politischer Fehler war, ihn zu ermorden, ganz abgesehen davon,
daß jeder Mord zu verurteilen ist.
Wenn einer die Schrulle hat, den Dichter der Loreley aus dem deut-
schen Parnaß auszuschließen so möge er sich diesen schlechten Scherz
erlauben. Er macht sich damit nur lächerlich. Aber in der Politik liegt
die Sache anders. Das "plectuntur Achivi" gilt nicht nur von dem Cä-
sarenwahnsinn. Wenn das Volk rast, ist der Ausgang der gleiche. In
England ist es niemandem eingefallen, den großen Staatsmann Disraeli
(209)
wegen seiner Abstammung anzugreifen. Unsere Republik bedarf charak-
terfester Männer, die sich dem antisemitischen Taumel entgegenstellen,
bevor weiteres Unglück geschieht. Bismarck dachte in dieser Frage an-
ders wie seine deutschvölkischen angeblichen Anhänger, die den eisernen
Kanzler loben und dabei seine Gründung zertrümmern, die die Fahne
der Republik niederreißen und dazu das Lied des schwarz-rot-goldnen
Hoffmann von Fallersleben singen. "Spotten ihrer selbst und wissen
nicht wie." Bismarcks Ausspruch ist bekannt, daß er sich freuen würde,
wenn einer seiner Söhne eine Jüdin heiratete. Er fühlte sich eben stark
genug, die jüdischen Gaben und Fehler, sowie das jüdische Blut in den
Schmelztopf der nationalen historischen Entwicklung aufzunehmen.
Wollen wir aus Schwäche unser Volk weiter verhetzen lassen? Wir
sollten im Gegenteil an dem Grabe Rathenaus geloben, daß wir in Zu-
kunft den politischen Kampf nur noch mit geistigen Waffen und dem
Stimmzettel führen wollen. Möge es in der deutschen Republik nur noch
einen Wettkampf zwischen Christen und Juden geben, nämlich den um
den Preis, wer dem Vaterlande die größten Dienste leistet. Die Vorbe-
dingung hierfür ist aber, daß das deutsche Volk in Zukunft die Leistun-
gen seiner führenden Männer nur nach sachlichem Maßstabe beurteilt,
und nicht nach deren Religion oder Blutzusammensetzung. Heute in-
dessen muß uns noch die Schamröte darüber ins Gesicht steigen, daß
ein hervorragender deutscher Staatsmann nur um deswillen ermordet
wurde, weil er ein Jude war."

Für die Ermordung Rathenaus mußte das arme deutsche Volk büßen
durch die vertragswidrige französische Invasion des Ruhrgebiets, denn
diese zu verhindern hätte Rathenau sicher Mittel und Wege gefunden.
Die Aussichten für uns besserten sich erst wieder, als Stresemann an
das Ruder kam.
Inzwischen beschäftigte ich mich bis zur ersten Reichstagswahl 1924
– es fanden in dem Jahre zwei statt – hauptsächlich mit meinem
Wahlkreis. Oben habe ich von der Gründung des "Demokratischen
Klubs" in Berlin erzählt, und in dem selben Sinne beteiligte ich mich
in meiner engeren Heimat an einer Wochenschrift der "Deutschen Ein-
heit" und an der "Kieler Zeitung". Ich hatte mich wieder an die Eigen-
art der Schleswig-Holsteiner gewöhnt, deren Ruhe mir zu Beginn meines
ersten dortigen Wahlkampfes ein unsicheres Gefühl gab. Der Beifall war
so gering, daß ich schon den Kampf aufgeben wollte. Ein Kieler Partei-
freund tröstete mich mit den Worten: "Worüber beklagen Sie sich eigent-
lich? Keine Primadonna bekommt hier mehr Beifall als Sie erhielten."
Dann lernte ich meine Zuhörer genau zu beobachten und die Richtig-
keit des Satzes zu würdigen, daß, wenn der Schleswig-Holsteiner sich
(210)
auf dem Höhepunkt der Spannung und Aufmerksamkeit befindet, dies
äußerlich fast ausschließlich an dem Ausgehen seiner Pfeife zu erkennen
ist. Als 1928 der vierte Wahlkampf herankam, trennte ich mich nur
sehr ungern von meinen Schleswig-Holsteinern. Die Arbeit im Völker-
bund nahm mich damals fast ganz in Anspruch und das fortwährende
Hin- und Her-Fahren in der Bahn von Starnberg nach Berlin, Kiel und
Genf ging bei zunehmendem Alter über meine physischen Kräfte. Wenn
ich heute zurückblicke, bedaure ich nur, daß meine Schleswig-Holsteiner
Wahlkämpfe nie in die schöne Jahreszeit fielen, wo die Buchen in fri-
schem Grün prangen und die Sonnenstrahlen sich in den Meeren baden.
Schließlich tost dort nicht immer, wie es in unserem Liede heißt "wild
die Brandung, Flut auf Flut von Bai zu Bai".
Trotzdem wir nicht der gleichen Partei angehörten, bildete sich zwi-
schen Stresemann und mir ein Vertrauensverhältnis, das den Hauptin-
halt der letzten Kapitel dieses Buches bildet. Wie ich oben erzählte,
hatten unsere Beziehungen schon während des Weltkrieges begonnen.
Später, als Stresemann Minister war, verbrachten wir einmal die Weih-
nachtsferien zusammen in Lugano, und schließlich kam die ständige
Berührung im "Auswärtigen Ausschusse" dazu. Stresemann hat Hin-
denburg soweit mit mir ausgesöhnt, daß dieser mich wieder amtlich
mitarbeiten ließ. Die Schilderung dieser persönlichen Wechselbeziehun-
gen soll den Schluß meines V. Kapitels bilden.
Die Reichspräsidentenwahl von 1925 wird von der Weltgeschichte wohl
als der Todestag der Republik betrachtet werden. Wir Mitlebenden sahen
damals nicht so klar, sonst hätten wir größere Anstrengungen gemacht,
um einen anderen Verlauf der Wahl herbeizuführen. Deutschland hat
sich seit dem Versailler Vertrage in einem "circulus vitiosus" befunden.
Die deutsche Reaktion war das Produkt der französischen Nachkriegs-
politik. Jeder nach Reaktion aussehende Schritt Deutschlands wurde
von den Franzosen zur Entschuldigung für noch schärfere Maßnahmen
benutzt, wodurch wieder die deutsche Reaktion gestärkt ward. So ging
es immer weiter, bis ähnlich wie in der alten griechischen Tragödie
gerade die Katastrophe herbeigeführt wurde, die man vermeiden wollte.
"Ne sutor ultra crepidam." Solange ich Mitglied des Reichstages war,
habe ich mich dort ausschließlich mit den auswärtigen Angelegenheiten
befaßt. Die Reichspräsidentenwahl bildete die einzige Ausnahme. Damals
setzte ich mich in der Fraktion und in den interfraktionellen Bespre-
chungen sehr energisch bei dem ersten Wahlgang für die Sammelkan-
didatur: Otto Geßler ein, und bei dem zweiten Wahlgange gegen die
Sammelkandidatur der Linken: Wilhelm Marx. Die Kandidatur Geßler
scheiterte teils an der eigenbrödlerischen sozialistischen Kandidatur, d.h.
also an den Sozialdemokraten, die infolgedessen vor der Weltgeschichte
ein gutes Stück Verantwortung dafür tragen, daß es heute keine deutsche
(211)
Republick mehr gibt, teils an höchst bedauerlichen Intrigen in den an-
deren Parteien. Gerade weil Geßler sich nicht unbedingt von der Partei-
doktrin hat binden lassen, gerade weil er unbekümmert um die Schat-
tierungen der einzelnen Regierungen, die doch in der Praxis immer das
Gleiche tun mußten, seinen eigenen Weg vorwärts gegangen ist, gerade
deshalb war er der geeignetste Kandidat.
Ein noch größeres Unglück für die Republik war es, daß bei dem
zweiten Wahlgange Marx als Sammelkandidat der Linken aufgestellt
wurde. Ich habe eine große persönliche Verehrung für Marx, aber die
Linke durfte nicht einen, insbesondere in Schulfragen, ausgesprochen
klerikalen Mann als Sammelkandidaten aufstellen. Wir sind doch das
Volk des dreißigjährigen Krieges, und der Deutsche braucht in kirch-
lichen Fragen eine sehr sanfte Zügelführung, wenn er nicht wider-
spenstig werden soll. Ich glaube man kann mit Bestimmtheit sagen,
daß Hindenburg bei der Wahl nicht gesiegt haben würde, wenn der
"furor protestantiens" nicht gegen Marx hätte mobil gemacht werden
können.
Ein Jahr später vertraute mir Stresemann die deutsche Vertretung
in der vorbereitenden Abrüstungskommission des Völkerbundes an. Dabei
fand zwischen uns dem Sinne nach das folgende Gespräch statt:
Stresemann: "Der Reichspräsident freut sich auch sehr, daß Sie diese
Arbeit übernehmen wollen."
Ich lachend: "Das kann ich wirklich nicht glauben nach den schwe-
ren Konflikten, die Hindenburg und ich während des Krieges gehabt
haben und die obenein vor dem Untersuchungsausschuß der National-
versammlung ausgetragen worden sind."
Stresemann: "Da Sie die Sache nicht tragisch nehmen, will ich ge-
stehen, daß Ihre Ernennung einige Ueberredung meinerseits gekostet
hat. Als der Reichspräsident einwilligte, sagte er spontan: "Wenn ich
gewußt hätte, daß die Amerikaner herüberkommen würden, hätte ich
den U-Bootkrieg auch nicht gemacht. Aber ich verließ mich auf die Zu-
sicherungen der Marine."
Stresemann: "Ich befand mich damals in der gleichen Lage, daß ich
glaubte, die U-Boote würden die Amerikaner fernhalten."
Zwei Jahre vergingen. Da ließ mich der Reichspräsident – wie-
derum spontan – kommen, um Versöhnung mit mir zu feiern, indem
er mir seine Anerkennung über meine Führung der Verhandlungen aus-
sprach. "Ich habe es gern", sagte er, "wenn jemand seine Meinung offen
und deutlich sagt." Dann folgte eine längere Unterhaltung, in welcher
der Reichspräsident mich eingehend über alle Fragen der auswärtigen
Politik examinierte. Bei dem Abschied fragte er:
(212)
"Glauben Sie an die Abrüstung?" Worauf ich antwortete: "Nicht
zu meinen Lebzeiten." Der alte Herr lachte und schloß die Unterredung
mit den Worten: "Dann werde ich sie wohl auch nicht erleben."
Obgleich ich gar kein Bedürfnis nach Anerkennung habe, von wem sie
auch kommen mag, so freute mich doch diese Aussöhnung sehr, weil sie
einen schönen menschlichen Zug des Reichspräsidenten darstellte. Ich
war in diesem Falle der irdene Topf, und er der eherne. Er hatte es
nicht nötig einen Irrtum zu bekennen, und er tat es freiwillig doch.

(213)

In den Wintermonaten zwischen der deutschen Revolution und dem
Versailler Vertrage baute man in Berlin große Hoffnungen auf den
Völkerbund. Wer einmal die Geschichte Europas nach dem Weltkriege
ausführlich schreiben wird, dürfte sich wundern, wie unfreundlich das
Geschick den Gedanken des Wiederaufbaus behandelt hat. Die beiden
Seiten stehen sich in der Gesinnung noch heute gegenüber, als dauerte
der Krieg fort, weil der erhoffte "beau geste" der Sieger immer zu
spät oder garnicht erfolgte. Ich kann nur ein Teilbild geben, wie ich
es miterlebt habe, aber zweimal mindestens wäre nach meinen Erfah-
rungen eine vollkommene Aussöhnung der Welt möglich gewesen. Gleich
nach dem Kriege, bevor man uns die Tür des Völkerbundes in das Ge-
sicht zuschlug, und nach der Begegnung von Thoiry.
In meiner Eigenschaft als langjähriger Präsident der noch vor der
Gründung des Völkerbundes geschaffenen "Deutschen Liga für Völker-
bund", kann ich mich darauf berufen, daß der Völkerbundsgedanke in
Deutschland schon zu einer Zeit wirksam war, als der gegenwärtige
Völkerbund noch nicht bestand, und daß man in Deutschland, wie unser
in Versailles vorgelegter Entwurf beweist, in der zielbewußten Ver-
wirklichung des Völkerbundsgedankens erheblich weiter gehen wollte,
als der gegenwärtige Völkerbundspakt. So scheint es mir auch weiter-
hin eine wesentliche deutsche Aufgabe zu sein, für die Vertiefung des
Völkerbundsgedankens und die Vervollkommnung des heutigen Völker-
bundes zu wirken und die Lücken, die er hier und da aufweist, nicht
als Vorwand für eine Abkehr vom Völkerbund, sondern als Ansporn zu
seinem tatkräftigen Ausbau anzusehen.
Die erste Abweisung Deutschlands durch den Völkerbund hat bei uns
die Stimmung bis Thoiry sehr nachteilig, wahrscheinlich sogar entschei-
dend beeinflußt. Als die "Deutsche Liga für Völkerbund" nach der Revo-
lution in Berlin gegründet wurde, fanden sich alle ein, die guten Willens
waren und an den Wiederaufbau glaubten. Es war ein Traum! Dann
folgte in Deutschland ein stetiges Sinken der Aktien des Völkerbundes,
die beinahe auf Null standen, als ich nach Erzbergers Rücktritt zum
Präsidenten der Liga gewählt wurde. Meine damaligen Auffassungen
wiederzugeben, wäre nicht so einfach nach allem was seitdem gesche-
hen ist, wenn nicht ein von mir gezeichneter Artikel vorläge, den ich
als neugewählter Präsident der Presse gab und der hier folgt:
(214)
"Wie jeder ernste einzelne Politiker für eine sittliche Idee eintreten
und gleichzeitig praktische Ziele verfolgen muß, so will auch die Liga
ein Ideal hochhalten und die deutsche auswärtige Politik in einer be-
stimmten praktischen Richtung beeinflussen. Das Ideal ist die Herstel-
lung eines wahren Völkerbundes, über dem die Majestät des Rechts
thront, und der auf Grund einer vollen Durchführung des Selbstbestim-
mungsrechts der Völker jeder Nation das ihrige gibt und eine allge-
meine Abrüstung ermöglicht. Unsere Gegner erklären dieses Ideal für
eine Utopie. Selbst unser großer Kant hat gesagt: "Der Friedenszustand
unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der
vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d.h. wenn gleich nicht immer
ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit
demselben. Er muß also gestiftet werden." Gewiß wären wir Utopisten,
wenn wir glaubten, den ewigen Frieden schon am nächsten Donnerstage
herstellen zu können. Der ewige Friede ist ein Ideal, das wie alle sitt-
lichen und religiösen Ideale auf Erden niemals realisiert werden dürfte.
So oft das Ideal in menschlicher Gestalt unter uns wandelte, "hat man
es von je gekreuzigt und verbrannt". Das hindert aber nicht, daß das
Streben nach dem Ideal den besten Inhalt des Menschen- und Völker-
lebens ausmacht, und daß die Weltgeschichte als das ständige Empor-
arbeiten der Menschheit zu der Verwirklichung einer sittlichen Idee zu
betrachten ist.
Wer nicht aus sittlichen Motiven den Rechtsgang an die Stelle des
Waffenganges setzen will, wer nicht an die Idee des Völkerbundes glaubt,
sondern sie für eine Utopie hält, der sollte doch wenigstens als prak-
tischer deutscher Politiker einsehen, daß das Streben nach einem wahren
Völkerbunde für uns die einzige Rettungsmöglichkeit bietet, und daß
eine anders gerichtete deutsche auswärtige Politik keinerlei Aussichten
auf Erfolg bietet.
Lord Grey, der den Vorsitz der englischen Liga für Völkerbund über-
nommen hat, sagte kürzlich in einer Rede, die Hauptlehre des Weltkrieges
bestehe darin, daß man nicht wie früher lediglich national empfinden
dürfe, sondern auch internationales Gefühl haben müsse. In dieser
Aeußerung spricht sich die Erkenntnis aus, daß der Weltkrieg selbst
demjenigen Volke, welches durch denselben am meisten gewonnen hat,
mehr Schaden als Vorteil brachte. Die gegenwärtigen Leiden der Welt
sind eben so groß, daß sie nur auf internationalem Wege und durch
internationale Mittel geheilt werden können. Einzelne Staaten erscheinen
der heutigen Katastrophe gegenüber machtlos. Die Lord Grey aufge-
gangene Erkenntnis tut uns noch viel mehr bitter not, denn der Wie-
deraufbau Deutschlands, unsere große Hoffnung und unser höchstes
politisches Ziel, kann, so bitter diese Wahrheit auch schmecken mag,
nicht ohne fremde Hilfe verwirklicht werden. Internationales Emp-
finden läßt sich sehr gut mit starkem Nationalgefühl verbinden, wie
(215)
die Zeit der schönsten Blüte deutschen Geisteslebens bewiesen hat. Der
klassische Idealismus schuf erst das deutsche Nationalgefühl, das er
aber mit der Erkenntnis des Weltbürgertums verband.
Die Idee des Völkerbundes hat durch die Friedensbedingungen und
die Verfassung von Versailles so schweren Schaden gelitten, daß die
Mehrzahl der Deutschen heute resigniert auf den Völkerbund als eine
Utopie verzichten zu müssen glaubt, obgleich diese Idee nach der Revo-
lution fast allgemeinen Anklang gefunden hatte. Auch die Tatsache,
daß Wilson, der uns in Versailles eine so schwere Enttäuschung berei-
tete, bisher der Hauptvorkämpfer des Völkerbundes gewesen ist, beein-
flußt die deutsche öffentliche Meinung gegen diese Idee. Wir dürfen
aber nicht vergessen, daß trotz aller Mängel seiner gegenwärtigen Ver-
fassung doch der Völkerbund zum ersten Male in der Weltgeschichte
politische Wirklichkeit geworden ist - der Völkerbund, den der Königs-
berger Philosoph Kant als deutschen Begriff geprägt und als Mensch-
heitsideal gefordert hat. Die Tatsache, daß Wilson aus diplomatischer
oder geistiger Unzulänglichkeit in Versailles seinen Idealen untreu ge-
worden ist, darf für uns kein Grund sein, unsere Auffassungen und
Ansichten über die Völkerbundsidee zu ändern. Mag uns die Haltung
Wilsons in Versailles noch so sehr enttäuscht haben, mag die heutige
Verfassung des Völkerbundes noch so wenig den Idealen entsprechen,
welche der Präsident selbst früher aufgestellt hatte, der Gedanke des
Völkerbundes lebt trotz alledem und wird sich durchsetzen trotz der
Unpopularität, die er gegenwärtig in Deutschland erleidet, weil es für
uns und für die ganze Welt kein anderes Heilmittel gibt.
Ich halte es für die Aufgabe der deutschen auswärtigen Politik, den
Kampf für den Völkerbundsgedanken da aufzunehmen, wo Wilson ihn
seinen Händen entgleiten ließ. Vielfach wird der Einwand erhoben, daß
Deutschland keine auswärtige Politik mehr treiben könne, weil es keine
Macht habe. Gewiß ist zur Durchführung politischer Gedanken Macht
erforderlich. Doch braucht diese Macht nicht ausschließlich eine mili-
tärische zu sein. Denken wir daran, wieviel es uns in dem Weltkriege
geschadet hat, daß wir politisch rückständig waren, und die Macht der
Ideen in der ganzen Welt gegen uns focht. Eine tiefe Kluft gähnte
zwischen der archaischen politischen Romantik des deutschen Obrigkeits-
staates und dem aufklärenden Zeitgeiste Westeuropas, wo sich das eng-
lische Puritanertum mit dem Geiste der französischen Revolution ver-
mählt hatte. Denken wir ferner an die starke propagandistische Wir-
kung, die sehr zu unserem Schaden ausgeübt wurde, einerseits von dem
Bolschevismus zu einer Zeit, wo Rußland militärisch gänzlich macht-
los war, und andrerseits von dem schwachen Belgien, das sich auf ein an
ihm begangenes Unrecht berufen konnte. Die deutsche auswärtige Po-
litik pflegte sich früher den Mächten zuzuwenden, die zum Absterben
verurteilt waren. In Zukunft muß sie eine Politik der Ideen und der
(216)
sittlichen Kraft sein. Mit einer solchen Politik kann ein Volk von 80 Mil-
lionen nicht ignoriert werden, selbst wenn es zerstückelt ist und weder
eine Armee noch eine Flotte besitzt.

Der große Fehler der Versailler Friedenskonferenz, – und dieser
Fehler wurde in Spa wiederholt – lag darin, daß man über den Wunsch,
Deutschland zu bestrafen, und über die Beutegier der Sieger die Not
der Welt vergaß. Jedem Deutschen kann nicht dringend genug empfoh-
len werden, die glänzende Darstellung zu lesen, die der Engländer Keynes
von den Versailler Verhandlungen gegeben hat. Während die ganze
europäische Völkerfamilie in immer tieferes Elend versank, beriet man
in Versailles über die Forderungen zur Wiedergutmachung in einer
Höhe, die selbst mit Gewalt nicht zu erpressen ist. Anstatt ein groß-
zügiges Programm aufzustellen zu einem gemeinsamen Wiederaufbau
der Welt durch alle Völker, schloß man die Besiegten aus dem neuge-
schaffenen Völkerbunde aus, der infolgedessen ein Torso und eine gegen
Deutschland gerichtete Allianz geblieben ist. Die Schöpfung würde in-
dessen durch den Eintritt Deutschlands und aller anderen Staaten völ-
lig geändert werden. Der Kampf für die Reform des Völkerbundes bietet
ein Feld für eine aktive auswärtige Politik, die ja vielfach bei uns ge-
fordert wird. Eine solche Aktivität könnte nicht einmal bei der miß-
trauischen Entente Anstoß erregen und würde uns die verlorenen Sym-
pathien der ganzen Welt zurückgewinnen.
Den radikalen deutschen Parteien auf der Linken und rechten Seite
kann das Programm der Völkerbundliga nicht gefallen. Der Linksradi-
kalismus hofft auf die Weltrevolution, welche den Versailler Frieden
über den Haufen werfen soll, während ein reformierter Völkerbund die
demokratische Evolution zum Dogma erheben wird. Der Rechtsradikalis-
mus dagegen glaubt, daß der Völkerbund mit seinen völkerversöhnenden
Tendenzen dem Nationalismus und damit der Reaktion den Todesstoß
versetzen wird. Wenn indessen die Flut des Nationalismus bei uns noch
mehr steigen und uns überschwemmen sollte, wird die Entente nicht
so naiv sein, uns zu Kräften kommen zu lassen, während wir immer
daran festhalten müssen, daß wir in der sittlichen und wirtschaftlichen
Wiedergeburt des deutschen Volkes das Hauptziel unserer Politik zu
sehen haben. Anderenfalls werden wir immer Objekt und nicht Subjekt
der Politik sein, und würde selbst der Zerfall der Entente unsere Lage
nicht verbessern. Es kommt noch hinzu, daß wir den einmal unterschrie-
benen Friedensvertrag nach bestem Können und Gewissen erfüllen wol-
len. Das fordert die Loyalität und Ehrlichkeit, welche die Losung unserer
Politik sein soll. Der Völkerbund ist aber ein Teil des Friedensvertrages
und, trotz aller Mängel, noch immer der beste Teil, denn er enthält für
uns wenigstens eine Hoffnung, die sonst überall in dem Vertrage fehlt.
Nach den ausdrücklichen Bestimmungen des Versailler Friedens soll
der Völkerbund diesen Frieden von Zeit zu Zeit revidieren. Durch den
(217)
Eintritt in den Völkerbund werden wir die Gleichberechtigung mit allen
Nationen erhalten. Erst durch diese Gleichberechtigung und Gegenseitig-
keit wird es möglich sein, eine Weltwirtschaft aufzurichten, die unbe-
dingt erforderlich ist, um die Beziehungen der Länder untereinander
wieder auf eine ersprießliche Basis zu bringen. Diese Weltwirtschaft
kann nur auf dem Boden des Völkerbundes erblühen, und nur auf diesem
Boden werden uns wirtschaftliche Hilfsquellen erwachsen, die uns die
verlorenen Gebiete einigermaßen werden ersetzen können. Der Völker-
bund muß eine internationale Weltwirtschaft organisieren, in die
Deutschland eingefügt wird, weil unsere durch den Friedensvertrag ge-
fährdete Lebensfähigkeit auf anderem Wege nicht gesichert werden kann.
Diese Weltwirtschaft muß eine Organisation der schaffenden Arbeit sein.
Die höchste Steigerung der Produktion Deutschlands ist erforderlich,
um seinen Fortbestand zu sichern. Das gleiche gilt von allen anderen
Ländern. Die Idee der wirtschaftlichen Gemeinschaft der ganzen Mensch-
heit und der Ausdehnung des freien Verkehrs zwischen allen Völkern
der Erde muß die Wirtschaftpolitik des Völkerbundes beherrschen.
Die meisten unserer politischen Ideale sind durch den Weltkrieg zer-
trümmert worden. Mit ganzem Herzen hängen wir aber noch an dem
uns gebliebenen idealen Gedanken der Einheit des deutschen Volkes.
Indessen ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein Grundprinzip
der Völkerbundsidee. Das Bekenntnis zu dieser Idee gibt uns also das
Recht zu fordern, daß das Selbstbestimmungsrecht ebenso für uns gel-
ten soll wie für alle anderen Nationen, und auf Grund dieser Idee müs-
sen wir auch von den widerwilligen unter unseren bisherigen Feinden
die Anerkennung der historischen Tatsache abringen, daß das deutsche
Volk, soweit die deutsche Zunge klingt, eine nationale Einheit ist, die
nur zeitweilig im Laufe unserer Geschichte durch dynastische Politik
gelockert wurde."

Ich war mir bei der Gründung der "Liga für Völkerbund" vollkommen
bewußt, daß diese in Deutschland nur wenig Arbeit würde leisten
können. Der Deutsche ist gewohnt, die Politik und namentlich die aus-
wärtige, seiner Regierung zu überlassen und sich selbst vorzubehalten,
hinterher, meistens, wenn es schon zu spät ist, um Fehler zu vermeiden,
die Schale seines Zornes über die gerade führenden Herren zu gießen.
An dieser bedauerlichen politischen Sinnesrichtung haben weder das erste
noch das zweite noch das dritte Reich irgend etwas geändert. Die nächste
deutsche Republik wird wie die vorige den Versuch machen müssen,
die Deutschen zur Politik zu erziehen. Wer schwimmen lernen will, muß
vorher in das Wasser springen. Wenn ich als Präsident jemanden auf-
forderte, der Liga für Völkerbund beizutreten und für sie zu arbeiten,
bekam ich fast regelmäßig als Antwort die Gegenfrage: Was sagt das
Auswärtige Amt dazu?
(218)
Die Liga hatte indessen eine weitere Aufgabe, die nach meiner Auf-
fassung ihre wesentlichste war. Die verschiedenen Ligen waren in einen
Weltverband zusammengeschlossen worden, der nach zwei Richtungen
arbeitet. Er will alle Fragen erörtern, deren sich der Völkerbund an-
nimmt bezw. annehmen sollte, und er will durch ständige geographische
Abwechslung seiner Kongresse den wahren Völkerbundsgedanken in
alle Länder tragen. Seine Organisation ist der des Völkerbundes nach-
gebildet, indem eine Generalversammlung, ein Generalrat und ein stän-
diges Bureau bestehen. Letzteres hatte früher seinen Sitz in Brüssel,
jetzt in Genf.
Der Weltverband forderte unsere Liga zum Beitritt auf und lud uns
1921 zur Generalratssitzung in Wien ein, wo die gegenseitigen gesell-
schaftlichen Beziehungen durchaus normal und korrekt waren. Während
bei der interparlamentarischen Konferenz in Stockholm die Franzosen
und Belgier noch fernblieben, um unseren Delegierten nicht zu begeg-
nen, befleißigten in Wien gerade die Franzosen sich besonderer Liebens-
würdigkeit gegen uns, sodaß ganz zwanglose Unterredungen zustande
kamen, wie bisher noch auf keiner der internationalen Konferenzen, die
seit dem Kriege stattgefunden hatten.
Hierbei gewann ich den Eindruck, daß die österreichische Regierung
gut beraten war, als sie ihre Aufnahme in den Völkerbund beantragte.
Sie gewann dadurch die Möglichkeit, ihre Interessen wirksamer zu ver-
treten, als wir es damals zu tun in der Lage waren. Gewiß hatte der
Völkerbund in allen großen politischen Fragen versagt, aber er bestand
nun einmal und ist berufen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Daran
wird dadurch nichts geändert, daß wir schmollend abseits stehen. Für
einen Staat kommt es in erster Linie darauf an, seine Interessen zu ver-
treten: "Salus publica suprema lex." Hätten wir, als die Oberschlesische
Frage an den Völkerbund verwiesen wurde, sofort unsere Aufnahme
beantragt, brauchten wir uns heute nicht den Vorwurf zu machen, daß
wir das wirksamste Mittel, unsere Sache zu fördern, außer acht ließen.
Es muß jedem einleuchten, daß Polen als Mitglied des Völkerbundes in
Genf ganz anderen Einfluß auf den Gang der Ereignisse ausüben konnte
als das abwesende Deutschland. "Les absents ont toujours tort," sagt
das französische Sprichwort. Außerdem entstand in allen Völkerbunds-
kreisen eine starke Verstimmung gegen uns, weil wir als prinzipielle
Gegner des Völkerbundes galten und weil wir unsere Aufnahme nicht
beantragt hatten. Solche Imponderabilien beeinflussen selbstverständ-
lich auch die Entschließungen des Völkerbundes.
Der Verlauf der Sitzung des Weltverbandes befestigte mich in dem
Entschlusse, mich künftig in erster Linie den Arbeiten der deutschen
Liga und des Weltverbandes zu widmen – Arbeiten, die ich für sehr
nützlich für den Wiederaufbau und für die deutschen Interessen hielt,
namentlich in der Frage der nationalen Minderheiten. Die Stellung als
(219)
Präsident unserer Liga war sehr schwierig, da diese ebenso wie der Welt-
verband eine rein private Vereinigung war, die aber bei ihrer Geburt den
Segen der Regierung erhalten hatte.
Dieser Segen war auch ein materieller, indem die Liga eine Subven-
tion erhielt, ohne die sie bei der allgemeinen Verarmung nicht leben
konnte. Ich mußte mich als Präsident hindurchwinden durch meine
eigenen Auffassungen, die des Auswärtigen Amtes, der Liga und des
Weltverbandes. Wie sich ein Witzbold ausdrückte, wollte das Auswärtige
Amt sich natürlich nicht einen Hund halten, der es selbst in die Beine
biß. Ich erwähnte schon oben, daß der damalige Minister Rosen ein
Gegner der gesamten Völkerbundsidee war. Er vertrat den Standpunkt,
wir dürften keine Liga haben, damit diese nicht im Auslande den Ein-
druck erweckte, daß die deutsche Regierung in den Völkerbund ein-
treten wollte.
Unter den eben geschilderten Verhältnissen ist es wirklich ein Wun-
der, daß ich zehn Jahre Präsident der Liga sowie zeitweilig Vizepräsi-
dent und Präsident des Weltverbandes sein konnte, ohne daß jemals ein
ernster Konflikt eintrat. Allerdings hatte ich über dreißig Jahre dem
Auswärtigen Amte angehört und daher ausgezeichnete, zum Teil freund-
schaftliche Beziehungen zu den zuständigen Herren. Außerdem gelangte
Stresemann bald zur Macht, mit dem ich bis zu seinem tief bedauerlichen
Ableben in vollster Harmonie gearbeitet habe.
Ich erwähnte oben, daß die Frage der nationalen Minderheiten beson-
ders eifrig von der Liga gepflegt wurde, die schon deshalb ein morali-
sches Anrecht auf Förderung seitens der Regierung hatte. Diese Frage
führte auf dem Prager Kongreß des Weltverbandes zu sehr lebhaften
Verhandlungen, die beinahe eine Auflösung des Weltverbandes veran-
laßten, aber schließlich die Folge hatten, daß sich die Ligen als aner-
kannte Schützer der Minderheiten konstituierten.
Im Verlauf des Kongresses empfing uns Präsident Masaryk im Hrad-
schin, wohl einem der schönsten Punkte der Erde. Ich war auf diese Be-
gegnung sehr gespannt, nachdem wir beide als Gegner auf dem ameri-
kanischen politischen Kriegsschauplatze mit einander gerungen hatten.
Der Präsident tat das Richtige und Ritterliche, indem er mich in takt-
voller Weise geradeheraus auf unseren Washingtoner Kampf ansprach.
Wäre nur damals die ganze Welt schon soweit gewesen, den früheren
Gegner zu achten! Herr Masaryk schien genau zu wissen, wie nahe ich
daran war, den Kriegseintritt Amerikas zu verhindern.
Wie schön ist Prag, mit seinen Kirchen und Palästen, seinen blühen-
den Akazien an der Moldau, und seinen historischen Erinnerungen! Und
doch! Waren es vielleicht gerade diese Erinnerungen an "Krieg und
Kriegsgeschrei", die auf den Kongreß abfärbten? Reizte das große Bild
von Huss vor dem Konzil von Konstanz, das über unseren Sitzungen
thronte, zu gleichem Bekennermute? Wie dem auch sei, die Gegensätze
(220)
platzten in allen Verhandlungen mit überraschender Schärfe aufeinan-
der. Indessen war das Ergebnis immer insofern das gleiche, als die Hef-
tigkeit der Rede stets dem Gegner zugute kam. Wie die Tschechen und
Jugoslawen besiegt wurden, weil sie nicht Maß hielten, so ging es auch
den Griechen und Polen, als sie mit überströmendem Fanatismus die
Aufnahme der Türken, bezw. der Ost- und West-Ukrainer, in den Welt-
verband bekämpften. Dieser wurde immer mehr zu dem, was der Völker-
bund sein sollte, zu dem Forum, vor dem die Unterdrückten ihre Klagen
anbringen. In der Kommission war die Aufnahme der Türken beinahe
gescheitert, weil man ihre Behandlung der Christen mißbilligte. Nach
der Philippika des griechischen Delegierten im Plenum erfolgte die Auf-
nahme fast einstimmig. Ganz ähnlich erging es den Ukrainern, denen
die Polen in gleicher Weise halfen.
Einen Augenblick gab es, wo sich die ganze Versammlung in ruhiger
Harmonie befand, und zwar als Professor Aulard im Namen der fran-
zösischen Delegation eine Resolution einbrachte, wonach die Aufnahme
Deutschlands in den Völkerbund schleunigst herbeizuführen sei.
Von dieser Zeit ab, 1922, bin ich regelmäßig während der Völker-
bundsversammlungen nach Genf gefahren. Es lag für mich nahe, an dem
Sitze des Völkerbundes meine Eindrücke über diesen zu vervollständigen.
Als Vorsitzender der deutschen Liga mußte ich Wert darauf legen, selbst
die Atmosphäre von Genf zu kennen, und ich konnte andrerseits auch
darauf rechnen, zu diesem Zwecke bei den führenden Persönlichkeiten
Eingang zu finden. Von vornherein stand ich dort unter dem schmerz-
lichen Eindrucke, daß wir noch abgesperrt waren von der öffentlichen
Meinung der übrigen Welt. Gleich nach meiner Rückkehr aus Genf
sprach ich auf dem Elberfelder Parteitage über die Frage des Eintritts
Deutschlands in den Völkerbund, und sagte ungefähr folgendes:

"Ich bin mir voll bewußt, daß die letzten Entschließungen über unsere
auswärtige Politik von dem Leiter derselben intuitiv in camera caritatis
gefaßt werden müssen. Die tiefsten Probleme dieser Politik eignen sich
auch nicht zu öffentlichen Erörterungen. Indessen sollte in einer Demo-
kratie sich doch jeder Staatsbürger über die faktisch vorhandenen Unter-
lagen zu diesen Problemen orientieren. Im vorliegenden Falle ist im
Auslande die Auffassung verbreitet, daß Deutschland hauptsächlich
darum nicht dem Völkerbunde beitritt, weil unsere öffentliche Meinung
diesen Beitritt nicht wünscht. Ich lasse zunächst dahingestellt, ob diese
Auffassung richtig oder falsch ist, jedenfalls besteht sie, und damit wird
unserer öffentlichen Meinung eine Verantwortung aufgebürdet, die sie
nicht tragen kann, ohne sich über die Frage genau zu orientieren. Ich
kann auch nicht zugeben, daß die Frage des Eintritts Deutschlands in
den Völkerbund das tiefste Problem der auswärtigen Politik, nämlich
die Frage der westlichen oder östlichen Orientierung entscheidend be-
(221)
einflußt. Der heutige Völkerbund ist noch keine überstaatliche Organi-
sation, sondern nur ein Mittel zu diplomatischer und politischer Betä-
tigung. Ebensowenig kann ich anerkennen, daß der Rapallo-Vertrag das
erwähnte tiefste Problem betroffen oder auch nur der künftigen Ent-
scheidung hierüber präjudiziert hat. Der Rapallo-Vertrag ist ein Frie-
dens- und Handelsvertrag, der in dieser Hinsicht als mustergiltig be-
zeichnet werden kann. Wenn er mehr, wenn er gar eine östliche poli-
tische Orientierung bedeutete, so würde er ein grober politischer Fehler
gewesen sein, denn es muß doch jedem einleuchten, daß die Lösung der
Reparationsfrage – die Forderung des Tages – unmöglich wäre, wenn
wir uns politisch östlich orientierten. Unsere öffentliche Meinung muß
sich darüber klar werden, daß wir zunächst das Reparationsproblem
lösen, und daß wir zu diesem Zwecke uns mehr als bisher politisch und
diplomatisch betätigen müssen, denn unsere Stellung in der Welt kann
nur auf diesem Wege wieder gewonnen werden. Lediglich auf dem wirt-
schaftlichen Wege läßt sich das Ziel nicht erreichen. Das können wir
durch ein liebevolles und eingehendes Studium der Bismarckschen Diplo-
matie lernen, wenn auch selbstverständlich dessen Entscheidungen in
einzelnen Fragen historisch bedingt waren und daher heute nicht mehr
maßgebend sein können. Unsere wirtschaftliche Not, so groß sie auch
ist, darf uns nicht an der Erkenntnis hindern, daß diplomatische Arbeit
getan werden muß, um unsere Stellung in der Welt wieder zu erringen.
Die Frage unseres Eintritts in den Völkerbund ist deshalb aktuell ge-
worden, weil England uns wiederholt dazu aufgefordert hat, und weil
die stärkste Partei des Reichstages, die sozialdemokratische, die Regie-
rung in einer Resolution ersucht hat, eine solche auswärtige Politik zu
treiben, die zum Eintritt in den Völkerbund führte. Dieser hat sich in
seiner letzten Tagung schon im voraus bereit erklärt, das Reparations-
problem zu übernehmen, und hat sich damit zum ersten Male zu der ihm
ursprünglich zugedachten Hauptaufgabe bekannt, nämlich zu der zeit-
weilig notwendig werdenden Revision der Friedensverträge. Ob hierin
ein Fortschritt liegt, müssen die zukünftigen Verhandlungen lehren. Es
geht aber nicht an, daß Deutschland noch einmal, wie bei der oberschle-
sischen Entscheidung, in einer lebenswichtigen Frage ungehört verur-
teilt wird. Wenn wir damals in dem Völkerbunde gleichberechtigt an-
wesend gewesen wären, so würde die Entscheidung sicher günstiger für
uns ausgefallen sein, vielleicht nur ein wenig, aber sicher besser, als bei
der Verurteilung in contumacium. Wenn wir auch nur tausend Deutsche
vor dem traurigen Schicksale des polnischen Jochs bewahrt hätten, so
würde das schon den Eintritt in den Völkerbund gerechtfertigt haben.
Die Frage des Völkerbundes läßt sich vom pazifistischen, vom völker-
rechtlichen und vom politischen Standpunkte aus betrachten.
Der Pazifismus hat, wie das bei einem militärisch erzogenen Volke
nicht anders möglich war, bei uns immer wenig Boden gefunden. Jetzt
(222)
ist er vollends diskreditiert, weil er weder den Krieg zu verkürzen, noch
die Friedensverträge oder den Völkerbund nach seinen Idealen zu gestal-
ten vermochte. Der Politiker kann daher, auch wenn er selbst den Pazi-
fismus als das Ideal betrachtet, heute noch nicht seine Maßnahmen nach
diesem Ideal formen, denn rings um uns herrscht der Imperialismus.
Darum dürfen wir aber den Pazifismus nicht verachten, ebensowenig wie
wir die Religion als Ideal um deswegen weniger schätzen, weil die Berg-
predigt in den Kämpfen des Alltags nicht als bindendes Gebot betrachtet
wird. Die pazifistische Stimmung ist in allen Völkern im Wachsen be-
griffen. Das haben wir vor dem Kriege nicht verstanden und infolge-
dessen in der Schiedsgerichts und Abrüstungsfrage Obstruktion getrie-
ben, die uns in den Ruf brachte, den Krieg als das ideale Mittel der
Politik zu betrachten. Wenn wir diesen Ruf nicht gehabt hätten, läge
jetzt die Schuldfrage ganz anders, und es wäre auch nicht möglich ge-
wesen, die ganze Welt und insbesondere Amerika gegen uns in das Feld
zu rufen. Unsere Mißachtung des Pazifismus hat uns daher großen
Schaden gebracht, vielleicht sogar unsere Niederlage verschuldet. Die
Staatsmänner der Entente haben immer dem Pazifismus ihre Huldigung
dargebracht, weil sie der öffentlichen Meinung ihrer Länder diese Kon-
zession machen mußten, selbst wenn sie imperialistische Maßregeln be-
fürworteten. Während die Türkei, von einer Macht der Entente gegen
die andere finanziert und ausgerüstet, den unsinnigen Porzellanfrieden
von Sèvres zersprengen darf, wird das waffenlose Deutschland auf
Grund des ebenso unsinnigen Friedens von Versailles weiter miß-
handelt. So kann die Entente wahrlich das deutsche Volk nicht zum
pazifistischen Ideal bekehren. Wir verlangen erst Gerechtigkeit und
wahre Selbstbestimmung der Völker, dann Pazifismus. Deshalb ist das
pazifistische Ideal auch kein zureichender Grund, um unsrerseits einen
Antrag um Aufnahme in den Völkerbund zu stellen. Ausschlaggebend
sind andere Motive. Immerhin dürfen wir nicht ein ähnliches Odium
auf uns laden wie vor dem Kriege.
Mit der Fortbildung des Völkerrechts durch den Völkerbund, das heißt
mit einer Organisation des Rechtsgedankens wäre wohl jeder Deutsche
einverstanden, aber die Gegner unseres Eintritts in den Völkerbund sind
der Ansicht, daß wir dadurch in der Freiheit unserer Entschließungen
zu sehr beschränkt werden würden. Darin liegt meines Erachtens eine
Ueberschätzung des heutigen Völkerbundes. Wir sehen doch, wie wenig
die anderen Staaten sich durch den Völkerbund einschränken lassen.
Infolge der verlangten Einstimmigkeit und der allgemeinen politischen
Lage ist der Völkerbund vorläufig nur eine Diplomatenversammlung, in
der mehr oder weniger wichtige Fragen besprochen und teilweise erledigt
werden. Nur in den Formen des Eintritts unterscheidet sich der Völker-
bund von anderen diplomatischen Konferenzen.
Die politischen Motive sind in der vorliegenden Frage die einzigen
(223)
entscheidenden. Wichtige deutsche Interessen werden dadurch vernach-
lässigt, daß wir in Genf nicht vertreten sind. Alle bisherigen Sünden
des Völkerbundes zugegeben, so ist zu bedenken, daß die Entente uns
fortgesetzt durch den Obersten Rat, die Botschafterkonferenz, die Repa-
rationskommission, oder wie sonst ihre schönen Institutionen alle heißen,
ebensolche Ungerechtigkeiten hat angedeihen lassen. Trotzdem mußten
wir mit ihnen verhandeln, weil jedes andere Vorgehen Selbstmord ge-
wesen wäre. Wir mußten unsere Interessen zu wahren und unser Recht
zu erkämpfen suchen. Der Kampf ums Recht ist die Losung der deut-
schen Politik. Wenn wir die Einladung nach Genua annahmen, so kann
ich nicht einsehen, warum wir nicht aus denselben Gründen die Einla-
dung Englands nach Genf annehmen sollten. Wir brauchen nur zu ant-
worten, daß wir bereit seien, wenn England dafür sorge, daß unser Ein-
tritt in den Völkerbund sich in würdigen Formen vollziehe. Nach meinen
Genfer Eindrücken unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Aufnahme
keinen Schwierigkeiten begegnen würde, und daß uns auch ein Sitz im
Völkerbundsrate zuerkannt werden würde. Die Schlußrede des Vorsit-
zenden brachte dies zum Ausdrucke, indem er mit Absicht und Betonung
sagte, es sei noch nie ein Staat abgewiesen worden, der Einlaß begehrt
habe. Selbst wenn Frankreich seinen Widerstand nicht aufgeben sollte,
so läge darin für uns kein Grund, von der Betreibung unserer Aufnahme
abzusehen. Eine gute auswärtige Politik muß in der Zielsetzung ideal
gerichtet sein, aber in der Technik derselben kommt es hauptsächlich
darauf an, den Gegner ins Unrecht und sich selbst ins Recht zu setzen.
Wenn Frankreich die Fortbildung und Universalierung des Völkerbun-
des verhinderte, so fiele das Odium auf Frankreich und nicht auf uns.
Das wäre an sich schon ein politischer Gewinn.
Die im Auslande unterdrückten Minderheiten und alle sonstigen ab-
gesprengten Landsleute wünschen dringend unseren Eintritt in den Völ-
kerbund, damit sie dort einen Fürsprecher haben. Wie man auch sonst
über die Genfer Versammlung denken mag, zweifellos wird nirgends so
viel Einfluß auf die öffentliche Meinung der Welt ausgeübt wie dort.
Und in Genf muß Deutschland schweigen! Als Walter Rathenau in
seinem glänzenden Schwanengesange im Reichstage die Leiden der Saar-
länder schilderte, schwebte mir gleich der Gedanke vor, wie anders die
Wirkung gewesen wäre, wenn diese Rede hätte in Genf gehalten werden
können. Die Reden deutscher Staatsmänner werden im Auslande nur
verstümmelt oder garnicht gelesen, unsere Zeitungen noch weniger,
und unsere Diplomaten leiden noch unter der Absperrung durch die
Kriegspsychose. Gilt es da nicht, jede Gelegenheit zu benutzen, um die
deutsche Stimme zu Gehör zu bringen?"

Was auch immer die Gründe der deutschen Regierung waren, der Ver-
such wurde nicht gemacht, durch den Eintritt in den Völkerbund die
(224)
französische Invasion zu verhindern und die Reparationsfrage zu lösen.
Jetzt läßt sich nicht mehr sagen, ob Poincaré seinen vertragswidrigen
Einbruch in Deutschland trotzdem ausgeführt hätte, aber alle uns wohl-
gesinnten Engländer waren damals der Ansicht, daß ein Vorgehen auf
dem bezeichneten Wege die Invasion verhindert hätte. Man kann heute
kaum den Gedanken fassen, daß uns vielleicht die Inflation in ihren
schlimmsten Auswüchsen hätte erspart werden können. Wie dem auch
sei, bis auf weiteres war das politische Bild verändert. Der Eintritt
Deutschlands in den Völkerbund, der vor zwei Jahren die Forderung des
Tages, vor einem Jahr noch sehr wünschenswert und möglich war,
wurde jetzt unmöglich, weil Artikel 1 der Völkerbundsakte dem entge-
genstand. Wir hätten zwar nach englischer Auffassung auf den Ein-
wurf, daß wir die Verträge nicht erfüllten, damit erwidern können, daß
Frankreich durch den Ruhreinfall den bestehenden Rechtszustand ge-
brochen hätte, aber dadurch wäre der faktische Zustand der Nichterfül-
lung unsrerseits nicht behoben worden.
Der damals vor dem Völkerbunde spielende Fall "Corfu" war deshalb
für uns so lehrreich, weil unsere Lage "mutatis mutandis" die gleiche
war. Das schwache Griechenland stand der italienischen Machtpolitik
gegenüber wie wir der französischen. Wenn kein Dritter eingriff, mußte
Griechenland den Verlust Corfus über sich ergehen lassen. Ebenso konn-
ten wir die Franzosen nicht aus den besetzten deutschen Gebieten hin-
austreiben. Gewiß gab es eine starke Minderheit in Frankreich, die lieber
Geld nehmen wollte, als Annexionen zu vollziehen, aber auch diese folgte
der Regierung Poincaré auf ihren imperialistischen Wegen, weil nun
einmal die französische öffentliche Meinung in dem Wahne begriffen
war, daß wir böswillige Schuldner seien. Die Frage war daher auch in
unserem Falle unlösbar, wenn nicht ein Dritter eingriff. Der Versuch
einer direkten Einigung mit Frankreich scheiterte, mußte scheitern, und
wird vermutlich auch immer in Zukunft erfolglos bleiben, weil der fran-
zösische Imperialismus eben keine Einigung ermöglichen will. Man be-
hauptete in Frankreich immer, der deutschen Republik sympathisch ge-
genüberzustehen, aber in der Praxis trieb man das deutsche Volk in die
Arme der Reaktion. Sah man vielleicht voraus, daß die Reaktion Deutsch-
land noch mehr schwächen würde, als selbst Napoleon I. es gekonnt hat?
Wie auch immer die deutsche Regierung gebildet werden mag, sie wird
stets auf die englische Vermittlung mit oder ohne Völkerbund zurück-
kommen mussen.
Infolge des Dawesplanes und seiner Annahme änderte sich das Bild
wieder. Im Reichstag sprach ich im Namen meiner Partei für die An-
nahme. Dabei war mir vollkommen klar, daß die Befriedung der Welt
eines festeren Fundamentes bedürfe, als durch ein rein wirtschaftliches
Abkommen gebaut werden konnte. Ebenso zweifellos war mir ferner die
Absicht Englands, zum Bau dieses Fundaments den Völkerbund heran
(225)
zuziehen. Deshalb mußte seitens der Mittelparteien darauf hingewirkt
werden, daß Deutschland seine Haltung dem Völkerbunde gegenüber
einer Revision unterzog. Die Abneigung, die bei uns gegen den Völker-
bund bestand, war nach dessen bisherigen Leistungen vollkommen be-
greiflich, beruhte aber dennoch auf einem Grundirrtume. Alle Vor-
würfe, die gegen den Völkerbund erhoben werden, gehen von der fal-
schen Voraussetzung aus, daß er eine überstaatliche Instanz ist, die aus
idealpolitischen Motiven die Welt verbessern müsse und, wenn er dies
nicht täte, lediglich als eine Veranstaltung der Heuchelei zu betrach-
ten wäre. Tatsächlich ist aber der Völkerbund nur eine Diplomatenver-
sammlung, die nach Instruktionen handelt, gewissermaßen ein Spiegel,
in dem uns ein Bild der augenblicklichen politischen Machtverhältnisse
entgegentritt. Man kann also getrost folgern, daß wir bei jeder konkre-
ten Frage vor dem Völkerbunde ebenso gut oder ebenso schlecht gefahren
sind und fahren werden wie vor jeder anderen internationalen Konfe-
renz. Bei den Tagungen der Völkerbundsligen kam klar zum Ausdrucke,
daß weder die Ligen noch der Völkerbund selbst an die Verwirklichung
eines pazifistischen Ideals denken, sondern nur den Wunsch haben, an der
Lösung konkreter Fragen mitzuwirken, doch hängt der Erfolg natür-
lich davon ab, ob die Zeit reif ist für eine Befriedung der Welt oder
nicht. Der Völkerbund kommt dabei nur als Mittel und nicht als Selbst-
zweck in Betracht. In diese Zeit, 1924, fiel der Kongreß der Völker-
bundsligen, der damals eine außergewöhnliche Bedeutung hatte, weil bei
diesem Anlasse zum ersten Male nach dem Weltkriege eine deutsche De-
legation in normaler Weise nach Frankreich eingeladen war, und weil
der Kongreß in Lyon stattfand, der Stadt, die Geist von dem Geiste
ihres langjährigen Bürgermeisters Herriot ist, der als Ministerpräsi-
dent das Erbe Poincarés angetreten hatte.
Die Bevölkerung von Lyon, die Presse und die fremden Delegationen
sahen alle die Anwesenheit einer deutschen Abordnung als das wich-
tigste Ereignis des Kongresses an und brachten dies mehrfach zum
Ausdrucke. Keinem von uns Deutschen ist auch nur die geringste Un-
annehmlichkeit begegnet. Der Empfang war von Anfang an höflich und
steigerte sich nach und nach zur Freundlichkeit, sodaß auf dem großen
Empfange des letzten Abends eine Stimmung herrschte, wie es auf inter-
nationalen Kongressen vor dem Kriege üblich war. Offenbar hatten un-
sere Gastgeber zuerst einige Besorgnisse, daß Zwischenfälle eintreten
könnten, doch wurde jede Gefahr dadurch vermieden, daß wir die Regie
ganz den Franzosen überließen, die sehr geschickt die Reden und Ein-
ladungen an uns so regelten, daß die erwähnte Steigerung eintreten
konnte. Wir mußten natürlich das unsrige dazu beitragen, aber man
machte es uns leicht, wobei nicht zu übersehen ist, daß wir durchweg
mit dem damaligen Frankreich zusammenkamen und nicht mit dem
Poincarés. Ohne mich irgendwelchen Illusionen hinzugeben, war ich
(226)
doch überrascht, daß uns so viele Gelegenheiten geboten wurden zu ein-
gehenden Aussprachen mit den verschiedensten Kreisen der französischen
Gesellschaft. Wenn darin auch kein politischer Erfolg gesehen werden soll,
so erweiterte sich doch der eigene Blick für die Forderungen des Tages.
Bei dem Frankreich, das wir gesehen haben, stand die Entwaffnungs-
frage im Vordergrunde des Interesses, dann folgte der Wunsch nach
Reparationen, während alle anderen Probleme nur als Mittel zum Zwecke
in Betracht kamen. Dementsprechend konnte ich in meiner öffentlichen
Rede und in vielen Interviews, die verlangt wurden, ohne Widerspruch
sagen, daß wir unsrerseits die Räumung des über den Frieden von Ver-
sailles hinaus besetzten deutschen Gebietes und volle Amnestie für die
Märtyrer des passiven Widerstandes verlangten. Ich hatte vorher betont,
daß Deutschland eine Republik sei und bleiben wolle, daß wir völlig
entwaffnet wären, soweit internationale Beziehungen in Betracht kämen,
und daß die Reparationsfrage durch unsere Annahme des Dawes-Be-
richtes erledigt sei. Es war auch nötig, die deutschen nationalistischen
Demonstrationen zu erwähnen, da diese immer wieder uns gegenüber
vorgebracht wurden. Ich benutzte die Gelegenheit, um darauf hinzu-
weisen, daß ein besiegtes und verstümmeltes Volk naturgemäß nationa-
listische Anwandlungen habe. Die Franzosen und Engländer wüßten ja
aus ihren eigenen Erfahrungen, daß ein Land sich nach einer Revolu-
tion nicht so schnell beruhige, wie man es vielleicht wünschen möchte.
Wir haben jedenfalls in Lyon lernen können, wie sehr die Furcht vor
einem neuen Kriege alle Schichten des französischen Volkes beherrscht.
Jeder kehrte immer wieder zu diesem Thema zurück, und wurde erst
freundlich, wenn man ihm klarmachte, daß selbst unsere Nationalisten
nicht an einen Krieg dächten. Die Franzosen teilen unser Volk ziemlich
naiv in Pazifisten und Nationalisten ein, und es war nicht leicht, ihnen
begreiflich zu machen, daß eine Annäherung an die deutsche Nation
nur dann von Wert und Dauer sein könne, wenn sie sich nicht allein
auf Pazifisten gründete. Uebrigens fehlte auch in Lyon nicht der alte
Streit um den Begriff des Pazifismus, da der Präsident des Kongresses,
der frühere niederländische Finanzminister Treub, in seiner Eröffnungs-
rede gerade heraus erklärte, daß er kein Pazifist sei. Er stellte sich
damit auf den Standpunkt, den die deutsche Liga konsequent einnahm,
nämlich daß Völkerbund und Völkerbundsligen – einstweilen jedenfalls
– nicht den Zweck haben, das Ideal des ewigen Friedens zu realisieren,
sondern konkrete Fragen auf friedlichem diplomatischem Wege zu lösen.
Der Kongreß sprach sich dafür aus, daß Deutschland in den Völker-
bund aufgenommen und uns ein ständiger Sitz im Rate eingeräumt wer-
den solle. Zu diesem Beschlusse nahm ich den gleichen Standpunkt ein,
den ich immer in Wort und Schrift in der Heimat vertreten habe. Ich
sagte, der Augenblick für den Eintritt Deutschlands scheine nunmehr
gekommen, nachdem England und Frankreich ihn wünschten, und die
(227)
Regelung der Reparationsfrage ihn erforderlich mache. Indessen wäre
es besser, unseren Eintritt als Krönung des Verständigungsbaus in Aus-
sicht zu nehmen. Ein vorheriger Antrag Deutschlands werde vielleicht
nur neue Schwierigkeiten verursachen. Wenn aber die oben erwähnten
Fragen alle geregelt seien, dann würden England und Frankreich im
Einvernehmen mit Italien und Japan gewiß genügend Einfluß im Völ-
kerbunde haben, um unsere Aufnahme und die Schaffung eines neuen
ständigen Sitzes im Rate durchsetzen zu können. Auf letzteren lege die
deutsche öffentliche Meinung einen entscheidenden Wert. Auch diese Be-
merkungen fanden den Beifall der Versammlung, die im allgemeinen
meine Reden sehr freundlich aufnahm. Dieser Eindruck wurde durch
die Antworten des französischen und belgischen Vertreters verstärkt.
So sehr dies einen Deutschen erstaunen mag, so war doch unverkennbar,
daß auch die verständigungsbereiten Franzosen bei uns eine vollständige
Renitenz in allen einschlägigen Fragen voraussetzten. Sie argumentier-
ten ungefähr in dem Sinne, daß Erzberger und Rathenau ermordet wor-
den seien, weil sie Verständigungswillen zeigten, und daß seitdem aus
guten Gründen niemand ehrlich in deren Fußstapfen treten wolle. Sie
waren überrascht und ungläubig, wenn man ihnen sagte, daß wir ehr-
lich den Dawes-Bericht zur Durchführung bringen wollten, und hörten
es ungern, daß tatsächlich die Verständigung an Poincarés Politik ge-
scheitert sei, die in Cannes und Genua einen Erfolg verhinderte und
durch den Ruhreinfall einen Scherbenhaufen schaffte. Denn sie verur-
teilten zwar die Politik Poincarés und bewiesen dies bei den Wahlen,
aber sie entschuldigten sie doch mit der vorausgesetzten deutschen Reni-
tenz. Bei dieser Geistesverfassung mußte der Weg noch ein sehr langer
sein, der zu der sogenannten moralischen Abrüstung führt. Begegnun-
gen, wie die von Lyon könnten viel helfen, aber sie lassen sich schwer
wiederholen. Auch war damals die Stellung der französischen und der
deutschen Regierung noch zu schwach, als daß die führenden Männer
in beiden Ländern sich allzusehr mit den Verständigungspolitikern des
andern Landes kompromittieren konnten. Vorläufig glaubte man in
beiden Ländern nicht an den guten Willen des anderen. Es kam eben
darauf an, daß beide einen solchen Willen durch die Tat bewiesen, und
dazu war zunächst nötig, daß man wußte, wie der andere empfand. Das
damalige Frankreich wollte uns den Rhein nicht nehmen. War aber
der Geist Poincarés definitiv überwunden?
Der Kongreß in Lyon war alles in allem die erfolgreichste General-
versammlung der Ligen, die ich besuchte, und wir quittieren dankend
das Begrüßungstelegramm des Ministerpräsidenten Herriot, der den
Verband als die Elite der Welt ansprach. Ebenso war die bald darauf zu-
sammengetretene Völkerbundsversammlung die wichtigste, die bisher ab-
gehalten wurde. Sie brachte das Genfer Protokoll und die Wendung der
deutschen Politik zum Völkerbunde.
(228)
Das Genfer Protokoll sollte Frankreich die geforderte "Sicherheit"
schenken und dazu brauchte man Deutschland. Unser Eintritt in den
Völkerbund konnte damals als gesichert gelten. "Lieber spät als nie-
mals" wird mit Livius derjenige sagen, der wie ich der Ansicht war,
daß wir unsere Interessen innerhalb des Völkerbundes besser vertreten
könnten, als außerhalb desselben. Wenn der Ausgang ein anderer gewesen
wäre, hätte man von einer Genfer Tragödie der Irrungen sprechen müs-
sen. So war es eine Komödie, die dort gespielt wurde, mit dem Aus-
klang: "Ende gut, alles gut". Die Regie funktionierte in Genf so
schlecht, daß der Zuschauer den Eindruck gewinnen mußte, alle Haupt-
akteure täten ihr Möglichstes, um den Eintritt Deutschlands zu ver-
hindern, während die meisten im Gegenteil ihn lebhaft wünschten.
Als Vorspiel wurde das "Mißverständnis von Henley" aufgeführt.
Dieses beruhte darauf, daß Lord Parmoor auf seinem Landsitze in Hen-
ley, anläßlich der Unterzeichnung des Londoner Protokolls, Marx und
Stresemann ein Frühstück gegeben hatte, bei dem der Eintritt Deutsch-
lands in den Völkerbund verabredet werden sollte. Diese Verabredung
mißglückte indessen irgendwie, und die englische Regierung glaubte,
wir seien auf den Beginn des ersten Aktes in Genf vorbereitet, während
in Deutschland die gegenteilige Ueberzeugung bestand, daß die Auf-
führung in diesem Jahre noch nicht stattfinden würde. MacDonald
nahm nach seinen halbamtlichen Informationen an, daß seine warm-
herzige Einladung sofort einen gleichen Widerhall in Deutschland fin-
den werde. Statt dessen blieb die Antwort drei Wochen aus, weil eben
niemand auf die Einladung gefaßt war. Noch auffallender erscheint, daß
auch die Franzosen nicht vorbereitet waren. Sie wurden durch die Rede
des englischen Premierministers völlig überrascht. Herriot faßte sich
allerdings gleich und goß schnell Wasser in den englischen Wein, wozu
er wohl noch besonders dadurch angeregt wurde, daß MacDonald die
Schuldfrage im deutschen Sinne besprochen und die oberschlesische Ent-
scheidung des Völkerbundes getadelt hatte. Eine geschickte Regie, die
auf den Eintritt Deutschlands hinarbeitete, hätte an Stelle dieses Inter-
mezzos, das immerhin bei uns Zurückhaltung auslösen mußte, identische
Erklärungen der beiden Großmächte veranstaltet, die gleichzeitig durch
entsprechende Schritte der beiden Botschafter in Berlin hätten unter-
stützt werden müssen. Dann wäre Deutschlands Eintritt wohl sofort
erfolgt. Gewisse Schwierigkeiten würde es in Genf noch gegeben haben,
aber die dortige Stimmung hätte sie weggefegt. Es ist nicht zu leug-
nen, daß Frankreich und sein unbedingter Anhang lieber den Eintritt
Deutschlands hinausschieben wollten, um die Ergebnisse der schweben-
den Untersuchung über unsere Entwaffnung abzuwarten und um uns in
der Sicherheitsfrage vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Die Genfer
Versammlung indessen wollte Deutschland durchaus in ihrer Mitte
sehen; der Abwesende blieb während des ganzen Monats September dort
(229)
die Hauptperson, und zwar gerade wegen der Sicherheitsfrage, da es
jedem Unbefangenen einleuchtete, daß derjenige unentbehrlich sei, gegen
den die Sicherheit verlangt wird. Deshalb hätte die Versammlung alle
Widerstände beseitigt, wenn wir sofort mit Wärme in die offenen Arme
MacDonalds gesunken wären. Indessen lag der Fehler der Regie eben
darin, daß sie eine Stimmung voraussetzte, die in Deutschland garnicht
vorhanden war und nach allem Vorhergegangenen nicht vorhanden sein
konnte. Man sieht daraus, daß nicht nur wir in der Beurteilung frem-
der Nationen psychologische Fehler machen.
Wenn man uns schon 1924 in Genf sehen wollte, mußte der Hebel ge-
schickt in Deutschland angesetzt werden, wo die Schwierigkeiten größer
waren als bei dem Völkerbunde. Der Besiegte ist naturgemäß immer
empfindlicher als der Sieger. Deshalb hätte Herriot sich auch andere
Zuhörer aussuchen müssen, als er in bester Absicht öffentlich die Schär-
fen seiner Rede abdämpfen wollte. Der Vertreter der "Deutschen All-
gemeinen Zeitung" oder die Gesamtheit der deutschen Pressevertreter
wären hierzu viel geeigneter gewesen als unsere Menschenrechtler unter
Einschluß Professor Försters. Französischerseits sagte man, dieser
Empfang sei begreiflich gewesen, weil jeder sich zunächst an seine
Freunde wende. Aber der Franzose sagt doch sonst sprichwörtlich
"prêcher un converti". Wer Bekehrungsversuche machen will, muß
sich an die Unbekehrten wenden, und wer Versöhnung sucht, darf sie
nicht einseitig auf Kreise aufbauen wollen, die in der eigenen Heimat
verdächtig erscheinen, weil sie allzu schnell mit allzu großer nationaler
Selbstverleugnung die Versöhnung betreiben. Jeder verständige Politiker
wird die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich wünschen.
Auf dieser Hoffnung basiert die Zukunft Europas. Doch kann die Ver-
söhnung nur erfolgen, wenn beiderseits das Prinzip anerkannt wird:
nach einem ehrlichen Kampfe eine ehrliche Versöhnung.
Immerhin war es eine mutige Tat MacDonalds, die Schuldfrage zu
erwähnen, wie er es tat. Doch bin ich der Ansicht, daß diese Frage nicht
vom Politiker, sondern vom Historiker behandelt werden sollte, denn
sie hat keinen praktischen Wert. Ausschließlich weil wir besiegt worden
waren, mußten wir uns der Lösung der Reparationsfrage durch das
Londoner Protokoll fügen. Unsere Lasten würden nicht um einen Pfen-
nig verringert und unser Gebiet nicht um einen Quadratzentimeter ver-
größert worden sein, wenn sich die ganze Welt zu der historischen Wahr-
heit bekennen würde, daß es eine moralische Schuld am Weltkriege gar-
nicht geben kann, weil das Zeitalter des Imperialismus diesen Begriff
nicht kannte. Vor dem Weltkriege trieben alle Mächte einen solchen Im-
perialismus, daß die Entladung zwangsläufig erfolgen mußte. Die ent-
scheidende Frage war nur, welche Staaten ihren Imperialismus am ge-
schicktesten betrieben. Die Klügeren blieben die Sieger. Die Katastrophe
war aber so groß, daß auch die Sieger furchtbar litten, und deshalb
(230)
trat als Reaktion gegen den imperialistischen Wahnsinn der Völkerbunds-
gedanke auf mit seiner neuen Moral. In Genf wohnen die Gedanken
nur noch in dieser neuen politischen Sittlichkeit, aber in dem welt-
politischen Raume stoßen noch die imperialistischen Politiker vom
Schlage Poincarés hart dagegen an. Die Schicksalsfrage Europas liegt
in der Hand des Völkerbundes, der sich unter der Mitwirkung Deutsch-
lands zu einem Instrumente des Friedens und der Gerechtigkeit ent-
wickeln muß, wenn anders er das Vertrauen der Welt gewinnen will,
das er heute noch nicht besitzt.
Schon zur Zeit der Völkerbundsversammlung in Genf konnte kein
Zweifel darüber bestehen, daß diese Veranstaltung dazu dienen sollte,
die Sicherheitsfrage zu lösen. Deshalb allein rief man uns so eindring-
lich nach Genf. Auch wenn wir diese Gelegenheit nicht hätten vorüber-
gehen lassen, so wäre die Lösung der Sicherheitsfrage damals nicht ge-
glückt, weil England mit Rücksicht auf seine Kolonien das Genfer
Protokoll nicht unterzeichnen konnte. Immerhin wäre die Diskussion in
Fluß geraten. Daran hat es später gefehlt, bis Stresemann die Initiative
ergriff, die nach Locarno führte. Er hat mit großem Mut die Erfüllungs-
politik wieder aufgenommen und für sie mit ebenso großem Geschick
einen neuen Namen erfunden, damit sie eine breitere deutsche Front
hinter sich habe. Ich bin an diesen Verhandlungen nicht beteiligt ge-
wesen, aber ich habe Stresemann so viel ich konnte im Reichstage unter-
stützt und vorwärtsgetrieben. Ich hielt es für eine Illusion, zu glauben,
daß die Franzosen jemals das linke Rheinufer ohne vorherige "Sicher-
heit" räumen würden. Daher war damals die Hauptaufgabe unserer Re-
gierung auf außenpolitischem Gebiete, die "Sicherheitsfrage" in einer
für Deutschland annehmbaren Form zu lösen.
Von dem Augenblicke an, wo Stresemann das Auswärtige Amt über-
nahm, war Deutschland wieder im Aufstieg begriffen. Es ist nun ein-
mal nicht anders. Unsere zentrale Lage bringt es mit sich, daß in der
deutschen Geschichte Freud und Leid immer von der auswärtigen Politik
herkommen.
In die Zeit der Verhandlungen über die "Sicherheit" fiel der War-
schauer Kongreß der Völkerbundsligen.
In Anbetracht des Zollkrieges mit Polen waren Ort und Zeitpunkt
nicht gerade günstig für uns. Indessen muß anerkannt werden, daß die
Aufnahme der deutschen Delegation hierunter nicht litt, sondern eine
außerordentlich freundliche war wie sich überhaupt die polnische Gast-
freundschaft im glänzendsten Lichte zeigte. Es wäre aber ein Trugschluß,
wenn man daraus praktische politische Folgerungen für die aktuellen
deutsch-polnischen Beziehungen ziehen wollte. Die deutsche Minderheit
in Polen muß geschützt werden, während der Korridor und Oberschle-
sien blutende Wunden bleiben. Höchstens könnte die vorsichtige Behaup-
tung gewagt werden, daß in den polnischen Kreisen Warschaus sich die
(231)
Zahl derer vermehrt, die die Notwendigkeit einsehen, mit ihrem west-
lichen Nachbarn friedliche Beziehungen zu unterhalten.
Die Stimmung innerhalb des Kongresses zeugte deutlich dafür, daß
die Entspannung seit dem Londoner Protokoll und namentlich seit den
Sicherheitsverhandlungen bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Das
deutsche Ansehen war durch unser Aufrollen der Sicherheitsfrage ent-
schieden erhöht worden, indem einerseits das Vertrauen in unsere Auf-
richtigkeit gestiegen und andrerseits das deutsche Prestige dadurch ver-
mehrt war, daß der bisher wichtigste Schritt zur Befriedung der Welt
von uns ausging. Ich benutzte auch die Gelegenheit, um der Versamm-
lung auseinanderzusetzen, daß unsere Bedenken gegen den Artikel 16 der
Völkerbundsakte immer wiederkehren würden, solange die allgemeine
Abrüstung nicht durchgeführt wäre. Dies sei der Endzweck und Haupt-
inhalt des Völkerbundsgedankens. Es wäre kein Vorwand, den wir in
dem Artikel 16 suchten, um unsern Eintritt in den Völkerbund hinaus-
zuschieben, sondern wir hegten ernste Besorgnis, daß das völlig abge-
rüstete Deutschland, das nicht einmal seine eigenen Grenzen schützen
könne, zum Schlachtfeld seiner schwer bewaffneten Nachbarn werden
würde. Deshalb müßten wir immer wieder diese Frage vorbringen, ent-
weder vor oder nach unserem Eintritt in den Völkerbund. Sicherheit
und Schiedsverträge hätten nur dann einen praktischen Wert, wenn sie
zur allgemeinen Abrüstung führten.

Die Generalversammlung des Völkerbundes war im Herbst 1925 inso-
fern in einer üblen Lage, als sie – teils widerwillig – der Führung
der Großmächte folgen mußte und die Hauptfrage nur besprechen durfte,
ohne selbst handelnd einzugreifen. Der Völkerbund erinnerte an eine
Kompagnie Infanterie, die auf der Stelle tritt, ehe sie den Parademarsch
beginnt. Dadurch entstand in Genf eine gewisse Mißstimmung, die nur
Phantasten überraschen konnte und die sich im nächsten Frühjahr, in
dem am wenigsten geeigneten Augenblick entlud.
Andrerseits aber war eine außerordentliche Entspannung zu bemerken,
die im letzten Jahre dank der deutschen Außenpolitik eingetreten war.
Der Deutsche, wenn auch nur als Privatmann anwesend, war nicht mehr
der Feind, dem man aus dem Wege ging, sondern der Miteuropäer, den
man suchte, da er zur Befriedung des Erdteils unentbehrlich ist.
Aus der gleichen Blume saugt die Biene Honig und die Spinne Gift.
Deutsche Gegner des Völkerbundes sagten, die Generalversammlung habe
wieder völlig versagt, weil sie in der Danziger und Minderheitenfrage
nichts oder nur Ungerechtes getan habe. Das ist nicht zu leugnen, aber
andrerseits werden diese Angelegenheiten niemals in Genf die gebührende
Rücksicht finden, wenn Deutschland nicht mitspricht. In Diplomaten-
versammlungen – und wer im Völkerbunde etwas anderes sieht, phanta-
siert – werden immer alle Fragen durch Kompromisse entschieden. In
Genf durch Kompromisse zwischen der Macht und der Gerechtigkeit,
(232)
manchmal mehr zugunsten der ersteren, manchmal der letzteren. Das
kann garnicht anders sein, und wenn der Hauptinteressent abwesend
ist, so beißen ihn die Hunde. Als ich einmal in Genf einem hervor-
ragenden französischen Delegierten sagte, seine Freunde, die Polen und
Tschechen, behandelten die deutsche Minderheit miserabel und vertrags-
widrig, antwortete er nur: Da kommen Sie doch in den Völkerbund und
sagen Sie das hier öffentlich. Dem Manne kann geholfen werden.
Wer sich die deutsche Stellung in Genf als eine leichte vorstellt, be-
findet sich auf einem Holzwege. Zu reden, was gleichzeitig in Genf und
in Deutschland gern gehört wird – das wäre eine Art von Quadratur
des Zirkels. "Mutatis mutandis" war Graf Apponyi Meister dieser
Kunst, aber die Ungarn sind politisch geschulter als wir und verstehen
es besser, mit den Wölfen zu heulen, um ihre Ziele zu erreichen. Deshalb
sind sie auch lange vor uns in den Völkerbund eingetreten. Dieser ist
ein Nichts, wenn er nicht immer Gerechtigkeit fordert, und sollte man
uns, ähnlich wie dem Grafen Apponyi vorhalten, daß auch wir hin-
sichtlich der Minderheiten in einem Glashause gesessen hätten, so ist die
Antwort leicht: Man hat gegen uns Krieg geführt mit dem Vorgeben,
eine höhere Moral als die unsrige zu besitzen. Nun zeige man uns diese
höhere Moral. Wir warten darauf. "Hic Rhodus, hic salta." Der Weg
zu den Vereinigten Staaten von Europa führt über glückliche Minder-
heiten und niederbrechende Zollschranken.
Einstweilen war indessen alles auf Locarno eingestellt, und Locarno
wurde im Gegensatz zu Versailles wirklich ein Friedensschluß; nur ist
die damalige Stimmung nicht genügend ausgenutzt worden, um reinen
Tisch zu machen mit allen Kriegserinnerungen. Immerhin war Locarno
ein Wendepunkt von großer Bedeutung. Nach Versailles waren die Sie-
ger ebenso unzufrieden wie die Besiegten. Kein Te Deum ist nach Be-
endigung des Kampfes aus vollem Herzen als Dank für den Erfolg ge-
sungen worden, sondern man dankte nur dafür, daß nun endlich das
Blutvergießen und die Zerstörung des Eigentums vorüber waren. All-
gemein und überall wurde Wilson gefeiert, weil er das pazifistische Ideal
vertrat, das er freilich nicht zu realisieren verstand.
Wenn man sich fragt, warum der Krieg so lange dauerte und die
Friedenstraktate so schlecht gerieten, dürfte die Antwort in der Tatsache
liegen, daß die führenden Männer sich überall vor der angeblichen
öffentlichen Meinung fürchteten, die sie zum Teil erst selbst geschaffen
hatten. Das Problem der Kriegsschuldfrage hängt eng hiermit zusam-
men. Früher würde kein Staatsmann sich gescheut haben, die Folgen
seiner Politik zu tragen, wenn sie zu einem siegreichen Frieden geführt
hätten. Heute aber kämpft jede Regierung heftig darum, nur ja keine
Schuld an den schauderhaften Zuständen zu haben, die der Krieg und
der Friede hervorbrachten.
Obige Zusammenhänge wurden naturgemäß zuerst nicht so klar er-
(233)
kannt. Man diktierte den Frieden nach veralteten Ideen, und in diesen
wurde weiter gearbeitet, weil man glaubte, doch noch soviel aus den
Besiegten herauspressen zu können, um hinterher die Kriegspolitik zu
rechtfertigen. Die Wahrheit, daß der Besiegte heutzutage und in der Zu-
kunft niemals in der Lage sein wird, die ungeheuren Kriegskosten zu
ersetzen, durfte nicht anerkannt werden, damit die Völker nicht zu schnell
einsehen lernten, daß sie im Kriege hinter das Licht geführt worden
waren. Erst als diese veralteten Methoden zu dem vollständigen Wahn-
sinn des Ruhreinfalls geführt hatten, trat das ein, was der Franzose
selbst mit dem Sprichwort ausdrückt: "L'excès du mal en devient le
remède."
Die deutschen Gegner von Locarno bekämpften uns Befürworter mit
dem Argumente, daß wir für Locarno begeistert und deswegen Illu-
sionisten seien. Der Vertrag mit allen seinen juristischen Paragraphen
war überhaupt nicht geeignet, Begeisterung zu erwecken, sondern es
handelte sich dabei um Sein oder Nichtsein. Ein Hamlet kann Selbst-
mordgedanken hegen, aber ein Volk muß leben. Es wäre unsinnig, wenn
wir in unserer Lage eine auswärtige Politik zu führen erwartet hätten,
die Begeisterung auslöste. Begeisterung ist eine Emanation des Gemüts,
Politik eine solche des Verstandes. Wie oft hat uns Bismarck dies ge-
predigt! Wir erwarteten von Locarno weiter nichts wie die Schaffung
einer Atmosphäre, in der Deutschland, geachtet im Rate der Völker, an
seinem eigenen Aufbau und dem Europas arbeiten konnte. Stresemann
hat bewiesen, daß auch ein unbewaffnetes Deutschland eine führende Rolle
in der europäischen Politik spielen kann, weil unsere zentrale Lage
ebenso unsere Stärke ist, wie sie früher oft unsere Schwäche war.
Europa ist von uns abhängig wie wir von Europa. Die Anerkennung
dieser Tatsache nennt man heute den Geist von Locarno.
Unsere früheren Kriegsgegner machten es einmal mehr der deutschen
Republik so schwer wie möglich, dem Geist von Locarno in Deutschland
zum Siege zu verhelfen. Die außerordentliche Märztagung der Völker-
bundsversammlung, in der Deutschland aufgenommen werden sollte,
endete bekanntlich mit einem vollkommenen Mißerfolge, für den die
Führung des Völkerbundes die Schuld trug.
Eine solche Krisis war bei dem Eintritt Deutschlands zu erwarten,
doch konnte man annehmen, daß sie erst nach der Aufnahme zum Aus-
bruche kommen würde. Sie mußte schon wegen des latenten Gegensatzes
zwischen den großen und kleinen Staaten eintreten und wegen der Genfer
Abneigung gegen das aufoktroyierte Locarno, hauptsächlich aber, weil
Deutschlands Eintritt den Charakter des Völkerbundes vollkommen än-
derte. Bisher war dieser, wie mir einmal einer der bekanntesten Dele-
gierten eines kleinen Staates sagte, ein Klub von Freunden, richtiger,
ein Verein der Siegerstaaten, der seine Aufgabe darin sah, die Friedens-
verträge aufrechtzuerhalten, während der Völkerbund umgekehrt dazu
(234)
geschaffen wurde, die Verträge zu modifizieren. Dafür gibt Baker's Buch
über Wilson hinreichende Beweise. Wie man sonst über Wilson denken
mag, jedenfalls ist er der Begründer des Völkerbundes, der ohne ihn
nicht existieren würde. Er muß also am besten gewußt haben, wozu er
sein Kind in die Welt setzte. Dieser Unterschied der Auffassungen muß
einmal ausgetragen werden, weil er allen Plänen zu Reformen des Völ-
kerbundes unterliegt und die Wünsche der Staaten nach Ratssitzen in-
spiriert. Unsere Regierung hatte recht, daß sie an Locarno festhielt und
damit die Möglichkeit schuf zu einer inneren und äußeren Reform des
Völkerbundes. Dieser muß erhalten werden, wenn auch aus keinem ande-
ren Grunde, so schon deshalb, weil er es ist, der England an dem
europäischen Kontinent festhält. Man braucht nur an die Parlaments-
debatten über Locarno zu denken, wo alle Parteien einig waren, daß eine
freiwillige Isolierung Englands wegen seiner Völkerbundspolitik nicht
mehr möglich sei.
Dabei hatte ich keinen Zweifel, daß für uns der Eintritt Kampf und
wieder Kampf bedeuten würde, bis wir uns eine gesicherte Stellung im
Völkerbunde erkämpft hätten, und daß unsere Delegierten in der ersten
Zeit niemals einen beneidenswerten und leichten Stand haben würden.
Oft habe ich mündlich und schriftlich dieser Meinung Ausdruck ge-
geben, schon darum, weil es zuerst im Weltverband der Ligen auch nicht
anders war, obgleich dort viel mehr wahre Völkerbundsgesinnung
herrschte als in der Genfer Institution.
Gerade, weil ich die Schwierigkeiten voll erkannte, hätte ich gern den
Eintritt zu der Zeit erkämpft, als MacDonald einen entsprechenden
Enthusiasmus erwirkt hatte, der nach meiner Auffassung die Hinder-
nisse überwunden haben würde. Damals arbeitete der Völkerbund durch
Schaffung des Genfer Protokolls an der Lösung des Sicherheitsproblems
und bedurfte dringend unserer Mitwirkung. Ob wir das Genfer Protokoll
in eine annehmbare Form hätten bringen können, ist allerdings eine
andere Frage, aber jedenfalls brauchte uns damals der Völkerbund in
seinem eigenen Interesse.
Nachdem MacDonalds Aufruf ohne Antwort verhallt war, blieb zur
Befriedung der Welt kein anderer Weg wie der gewählte offen, denn das
Genfer Protokoll war an Englands Widerspruch gescheitert, der En-
thusiasmus verflogen und statt dessen in Genf eine Art Katzerjammer
eingetreten. Zur Zeit der nächsten Generalversammlung konnte man
dort deutlich erkennen, daß Locarno im Völkerbunde wenig Freunde
hatte, weil Genf dabei zu kurz gekommen war.
Trotzdem mußte man annehmen, daß die langen Vorverhandlungen
mit allen erreichten Sicherheiten die Gewähr für eine verabredungs-
gemäße Aufnahme Deutschlands böten. Wenn es anders kam, so lag dies
an der Führung. Der Völkerbund hat immer glatt funktioniert, wenn
England und Frankreich von vornherein völlig einig gingen. Andern-
(235)
falls waren wie damals Intrigen zu erwarten, die dem Völkerbundsge-
danken widersprechen und den Beweis liefern, daß wir noch in dem
Zeitalter des Imperialismus leben. Hätten die Herren Briand und Cham-
berlain vollkommen aufrichtig im Geiste von Locarno gehandelt, so wür-
den sie gemeinsam alle im Völkerbunde auftretenden Wünsche beiseite
geschoben haben, bis Deutschland aufgenommen war. Nur eine solche
Haltung war der Mächte würdig, die den Weltkrieg gegen uns für die
Heiligkeit der Verträge geführt haben wollen. Es war auch die einzig
praktische Politik, weil dann alle nach ständigen und sonstigen Rats-
sitzen strebenden Staaten ein Interesse daran gehabt hätten, Deutschland
schleunigst aufzunehmen. Briand ließ sich aber mit Polen ein, und
Chamberlain gab ihm nach, trotz der entgegengesetzten Haltung in
England, wo namentlich die Völkerbundsliga einen bewundernswürdi-
gen Kampf für "fair play" führte.
Einmal mehr war der Sieg auf der Seite der Kreise, die der Welt
keinen Frieden gönnen wollen. Europa war wieder um Monate in seiner
Entwicklung aufgehalten worden.
Der Kongreß des Weltverbandes der Völkerbundsligen sollte in dem
gleichen Jahre in Dresden abgehalten werden, doch erschien es uns an-
gesichts des Mißerfolges der Märztagung des Völkerbundes noch nicht
opportun, den Versammlungsort nach Deutschland zu legen. Die aktivste
und stärkste aller Ligen, die englische, sprang in die Bresche und lud
den Weltverband nach London und Aberystwith in Wales ein. Die vor-
bereitenden Kommissionen tagten in der Hauptstadt und die General-
versammlung in dem hübschen Walliser Seebade.
Die Wanderungen in verschiedene Länder bringen dem Weltverbande
ständig neue Eindrücke, die noch nie so stark waren wie in Aberystwith.
Wohl sind wir überall freundlich aufgenommen und gastlich empfangen
worden, aber eine so weitgehende Gastfreundschaft und eine solche An-
teilnahme aller Klassen der Bevölkerung wie in Wales, haben wir nirgends
erlebt. Schon in London hatten die Lords Cecil, Parmoor und Gladstone
durch Veranstaltung geselliger Vereinigungen ihr Interesse an dem
Kongresse bewiesen. Wer die englische Hauptstadt kennt, weiß aber, daß
in deren unendlicher Größe und Geschäftigkeit nur ganz ungewöhnliche
Ereignisse weitere Kreise ziehen. In Aberystwith dagegen war die ganze
Stadt uns zu Ehren auf den Straßen, die, ebenso wie der Bahnhof, in
reichem Flaggenschmucke prangten. Bürgermeister und Stadträte stan-
den im historischen Ornate auf dem Bahnsteige, als der uns gestellte
ausgezeichnete Sonderzug einfuhr. Wie der Empfang gestaltete sich der
ganze Aufenthalt. Die Bevölkerung begleitete unsere Einfahrt mit Hoch-
rufen und unsere Verhandlungen mit äußerstem Interesse.
In der öffentlichen Volksversammlung, die veranstaltet wurde, fanden
sich so viele Menschen ein, daß der mit 3000 Sitzplätzen versehene Saal
übervoll war. Ein großer Teil der internationalen Presse hat nach deren
(236)
Gepflogenheit bei der Berichterstattung über diese Volksversammlung
besonders den schon oben erwähnten sogenannten Zwischenfall hervorge-
hoben, der sich vor meiner Rede abspielte, als der Vorsitzende mich
einführte. Ein einzelner Mann begann im Hintergrunde des Saales zu
schreien. Was er sagte, war am Vorstandstische nicht zu verstehen, doch
hieß es nachher, er habe: "What about the Lusitania?" gerufen. Jeden-
falls wurde der Mann sofort hinausgeführt und sein Geschrei durch leb-
hafte Hochrufe übertönt. Dergleichen kann in jeder öffentlichen Ver-
sammlung vorkommen. Obendrein war die Wirkung auf die Anwesenden
eine für mich so günstige, daß ein humorvoll und zynisch veranlagter
Delegierter meinte, ich hätte mir wohl nach berühmten Mustern ein
kleines Attentat bestellt, um die Zuhörer meiner Rede zu gewinnen.
Diese fand auch wirklich eine außerordentlich freundliche Aufnahme,
obgleich ich unsern Standpunkt mit der denkbar größten Offenheit vor-
trug.
Wer sich mit dem Völkerbunde befaßt, weiß schon längst, daß dieser
Gedanke in England mehr Freunde hat als in irgend einem anderen
Lande. Trotzdem war die Haltung der Walliser Bevölkerung wohl für
uns alle eine angenehme Ueberraschung. Keiner hatte geglaubt, daß die
Anteilnahme der breiten Schichten und namentlich der studierenden
Jugend eine so große sein würde, wobei ich natürlich nicht übersehe,
daß Lokalpatriotismus und Fremdenindustrie hierbei mitwirkten. Solche
Motive spielen aber überall eine gewisse Rolle, können also bei dem Ver-
gleiche außer acht gelassen werden.
Eine zweite Ueberraschung bot uns das starke Hervorkehren des Wal-
lisischen Stammescharakters und Gefühls. Die Redner sprachen immer
von sich als den Vertretern einer kleinen Nation. Oft gebrauchten sie
ihre eigene keltische Sprache, die im Umgange des Volkes anscheinend
weit mehr noch verwandt wird als bei uns in Schleswig-Holstein das
Plattdeutsche. Eine so friedliche Zwiesprachigkeit ist mir nirgends be-
gegnet, höchstens vielleicht in den französischen Teilen Kanadas. In
den Versammlungen wurde neben dem "God save the King" immer die
Wallisische Nationalhymne gesungen. Auch sonst erfreute man uns durch
sehr schöne keltische Kirchen- und andere Lieder.
Der Gesamteindruck war: eine durch Jahrhunderte hindurch erhal-
tene glückliche und treue Minderheit innerhalb eines starken Staates,
der Freiheit gibt, weil er sich seiner eigenen Anziehungskraft bewußt
ist. Dieses Erlebnis beeindruckte sehr nachdrücklich alle Delegierten,
was mich bewog, in meiner öffentlichen Rede Wales als Muster für die
Lösung der Minderheitenfrage hinzustellen. Wie einst das römische
Reich, lasse das britische Imperium jeder Stammeskultur volle Freiheit.

Dieser Kongreß der Ligen war der letzte, an dem ich mit voller Ar-
beitskraft teilnehmen konnte. Ich war zwar bei dem Berliner des näch-
sten Jahres anwesend, und habe in Madrid sogar präsidiert, aber die
(237)
Vorbereitungen und Einzelheiten mußte ich anderen überlassen, da ich
inzwischen, wie schon oben erwähnt, die Abrüstungsverhandlungen im
Völkerbunde übernommen hatte, die mich fünf Jahre hindurch reich-
lich beschäftigten. Uebrigens war der Berliner Kongreß der Ligen ein
voller Erfolg unter Mitwirkung von Reichskanzler Marx und Strese-
mann. Die feierliche Eröffnungssitzung fand unter außerordentlich zahl-
reicher Beteiligung der Oeffentlichkeit im Plenarsitzungssaal des Reichs-
tages statt, wobei der bekannte französische Historiker Aulard auf dem
Präsidentenstuhle saß. Ich begrüßte die Versammlung indem ich unter
anderem sagte, daß dieser Tag ebenso wie der Tag des Eintritts
Deutschlands in den Völkerbund die Krönung langjähriger Arbeit gewe-
sen sei. Bei meinem ersten Auftreten in dem Weltverbande vor sechs
Jahren seien in Deutschland nur wenige für den Eintritt Deutschlands
in den Völkerbund gewesen. Jetzt sei die deutsche Liga für Völkerbund
zusammengesetzt aus Vertretern aller großen Parteien des Reichstages,
woraus man erkennen möge, daß Deutschland aufrichtig im Völkerbund
mitarbeite. Der Weltverband erstrebe als Avantgarde des Völkerbundes
ein Ideal. Als private, an keinerlei Instruktionen gebundene Organi-
mtion habe er den Völkerbund vorwärts zu treiben. Er müsse ihn frei-
lich auch kritisieren. Einer der Hauptwünsche des Weltverbandes sei
es, daß für den Völkerbund gelten möge das Wort: "Justitia fundamen-
tum regnorum!"

Ich gehörte sechs Jahre hintereinander den Delegationen zu den
Völkerbundsversammlungen an, drei mit Stresemann, ein Jahr mit
Reichskanzler Hermann Müller, als Stresemann schon krank war, und
zwei mit Curtius. Der Glanzpunkt dieser Zeit war der Herbst 1926 als
Deutschland in den Völkerbund eintrat, und gleich darauf die Begeg-
nung von Thoiry stattfand. Stresemann war damals anscheinend phy-
sisch noch ganz gesund und politisch auf der Höhe seines Wirkens, wäh-
rend Briand voller Hoffnung war, seine französischen Gegner überwinden
zu können, trotzdem er die Erfahrungen von Cannes und Genua hinter
sich hatte. Beide Staatsmänner empfanden auch Vertrauen zueinander,
soweit dies bei Politikern verschiedener Nationen möglich ist, und Sir
Austen Chamberlain spielte gern den "ehrlichen Makler", wie das
meistens die Rolle Englands seit Versailles gewesen ist.
Mit dem letzteren der drei Locarno-Staatsmänner, heute dem einzigen
Ueberlebenden, hatte ich an einem der ersten Abende der Generalver-
sammlung in Genf eine lange Unterredung, die aber historischer und
nicht politischer Natur war. Wir trafen uns auf einem der großen
Empfänge, wobei Chamberlain mich sehr freundlich begrüßte. Ich sagte
ihm, ich sei angenehm überrascht, daß er mich wieder erkannt hätte, da
doch über zwanzig Jahre vergangen seien, seitdem ich ihm zuletzt in
Highbury, dem Landsitze seines Vaters, begegnet wäre. Als ich nämlich
(238)
in London Botschaftsrat war, fuhren meine Frau und ich einmal nach
Birmingham zu einem Musikfeste, das Felix Weingartner dirigierte. An
dem freien Sonntage besuchten wir Joseph Chamberlain auf seinem
Landsitze und besichtigten mit ihm seine berühmten Orchideen. Er war
damals die erste politische Persönlichkeit Englands, aber leider gegen
Deutschland mißgestimmt, wegen unserer Ablehnug seines Bündnisange-
botes, das noch heute ein Streitobjekt der Historiker bildet. Gegen uns
persönlich war er indessen außerordentlich freundlich, als wir ihn be-
suchten. Nachdem ich seinem Sohne Austen gegenüber diese Erinnerung
wachgerufen hatte, wurde dieser sehr interessiert und unterhielt sich
lebhaft eine halbe Stunde mit mir, während die anderen Gäste im
Saale sich wunderten, was wir wohl für ein politisches Problem lösen
wollten. Mögen die Historiker sich auch weiter um das berühmte Bünd-
nisangebot Joseph Chamberlains streiten, sein Sohn Austen ist jedenfalls
überzeugt, daß es keinen Weltkrieg gegeben hätte, wenn wir auf seinen
Vater gehört hätten, dessen Andenken er offenbar sehr hoch hält.
Nachdem ich die Abrüstungsverhandlungen ständig übernommen hatte,
wurde ich von unserem Auswärtigen Amte auch zur Mitwirkung bei
anderen Fragen herangezogen, die mit dem Völkerbunde zusammenhin-
gen, so bei der Reorganisation des Sekretariats und insbesondere bei der
Palästinafrage.
Ueber alle diese Angelegenheiten heute zu schreiben, ist nicht so ein-
fach, da sie noch in der Gegenwart aktuell sind. Ueber die Abrüstung
will ich zum Schlusse im Zusammenhange berichten, aber nur über die
Zeit, in der ich die Verhandlungen führte. Einen Abschluß der Frage
zu finden überlasse ich gern "à qui de droit".
Die Reorganisation des Sekretariates dürfte immer aktuell bleiben.
Es geht mit dieser Frage wie – nach Treitschke – mit der Weltge-
schichte, von der er sagt, daß jedes Zeitalter berechtigt wäre, sie neu zu
schreiben. Die gerade herrschende Strömung des Völkerbundes wird
immer das Sekretariat nach ihren Wünschen ummodeln wollen.
Was schließlich das "Deutsche Komitee Pro Palästina" anbelangt,
dessen Vorsitz ich auf Wunsch des Auswärtigen Amts schon im Jahre
1926 übernahm, so habe ich infolgedessen viele Versammlungsreden
über diese Frage gehalten. Am ausführlichsten sprach ich 1930 in Ham-
burg, und deshalb lasse ich hier diese Rede folgen, da sie meinen Stand-
punkt deutlich wiedergibt.

"Als Präsident des "Deutschen Komitees Pro Palästina" habe ich die
Ehre, die heutige Versammlung zu eröffnen und Ihnen meinen herzlich-
sten Dank dafür auszusprechen, daß Sie so zahlreich erschienen sind.
Insbesondere darf ich auch meinem Freunde, dem Herrn Bürgermeister
Petersen danken, daß er heute zu uns gekommen ist.
Das Pro Palästina-Komitee ist gebildet worden unter warmer Förde-
(239)
rung seitens der Reichsregierung, und diesem Komitee gehören führende
Mitglieder aller Parteien an, sodaß wir sagen können, daß wir die be-
rufenen Vertreter der Reichsregierung und der öffentlichen Meinung
Deutschlands hinter uns haben. Das Programm lautet: Das Deutsche
Komitee Pro Palästina zur Förderung der Jüdischen Palästinasiedlung
wird in der Ueberzeugung, daß der Aufbau der im Palästinamandat vor-
gesehenen Heimstätte für das jüdische Volk als ein Werk menschlicher
Wohlfahrt und Gesittung Anspruch auf die deutschen Sympathien und
die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat, bemüht sein, die deut-
sche Oeffentlichkeit über das jüdische Kolonisationswerk in Palästina
aufzuklären, die Beziehungen zwischen Deutschland und Palästina zu
pflegen und allgemein die Erkenntnis zu verbreiten, daß das jüdische
Aufbauwerk in Palästina ein hervorragendes Mittel für die wirtschaft-
liche und kulturelle Entwicklung des Orients, für die Ausbreitung deut-
scher Wirtschaftsbeziehungen und für die Versöhnung der Völker ist.
Sie werden mir vielleicht gestatten, noch einige Worte persönlicher
Art zu sagen. Ich möchte daran erinnern, daß ich dazu gekommen bin,
hier als Präsident des Pro Palästina-Komitees vor Ihnen zu stehen, weil
ich während der zweiten Hälfte des Krieges Botschafter in Konstanti-
nopel war. Die Idee der Errichtung eines nationalen Heimes für die
Juden in Palästina ist nicht plötzlich am Ende des Krieges durch die
Balfour-Deklaration neu aufgetaucht, sie bestand schon seit längerer
Zeit, ist auch von der deutschen Regierung schon vor der Revolution
aktiv betrieben worden, und zwar wurden diese Verhandlungen durch
mich als Botschafter in Konstantinopel geführt. Damals schon bestand
die Absicht unsrerseits, falls wir einen anderen Ausgang des Krieges
erlebt hätten, als wir leider erlebt haben, eine ähnliche Forderung an
die damals in Palästina herrschende Türkei zu stellen. Ich habe damals
wochenlang unter Assistenz vieler Herren, die heute an diesem Werk
tätig sind, in der Türkei mit dem Großvizir verhandelt, und er hat mir
immer gesagt: Ich werde, was Sie verlangen, gern Ihnen zuliebe tun;
aber ich sage Ihnen im voraus, daß mit den Arabern Schwierigkeiten
kommen werden. Ich erwähne das, weil sich der Großvizir in dieser Be-
ziehung als guter Prophet erwiesen hat, wenn es mir auch lieber gewe-
sen wäre, wenn seine Prophezeiungen nicht in Erfüllung gegangen
wären. Dann kam der Ausgang des Krieges, den wir leider alle kennen,
und was wir wollten, ist von England in die Hand genommen worden
durch die bekannte Balfour-Deklaration, aus der heute das Mandatsrecht
entstanden ist.
Ich möchte auch hier nicht unerwähnt lassen, daß bekanntlich in der
Balfour-Deklaration geschrieben steht, die Arbeit in Palästina solle unter
allen Umständen unbeschadet der Rechte der Juden in ihrer jetzigen
Heimat vor sich gehen. Wir, die wir als Nichtjuden uns für diese
Frage interessieren, haben uns von Anfang an vorgenommen, daß wir
(240)
in keiner Weise eingreifen oder uns auch nur einmischen wollen in die
Differenzen, die es vielleicht innerhalb der Judenheit über dieses Problem
geben kann. Das liegt uns vollkommen fern. Ich glaube: alle sind,
ebenso wie ich, dadurch zur Beteiligung am Pro Palästina-Komitee ge-
kommen, daß nach der Balfour-Deklaration die Palästina-Frage zu einer
Frage des Völkerbundes geworden ist, und ich hoffe, alle meine Lands-
leute stimmen mit mir darin überein, daß, nachdem Deutschland Mit-
glied des Völkerbundes geworden ist, und wir in der Mandatskommission
Platz genommen haben, es uns darauf ankommt, an allen Arbeiten des
Aufbaus teilzunehmen, nicht nur da, wo spezielle deutsche Rechte in
Betracht kommen, sondern überall, wo es sich um kulturelle Werke
überhaupt handelt. Zu solchen Kulturwerken gehört nach meiner Ueber-
zeugung mit in erster Linie der Wiederaufbau Palästinas, wie er hier
von uns ins Auge gefaßt ist. Es gibt Leute, die befürchten, daß aus die-
ser Bewegung ein neuer Nationalismus entstehen könnte. Ich möchte,
da ich rein persönlich spreche, darauf hinweisen; wenn es sich hier um
die Schaffung eines neuen Nationalismus handelte, und wenn überhaupt
nur ein solcher Gedanke vorhanden wäre, dann stände ich sicherlich
nicht hier, um diesen Gedanken zu verteidigen. Denn es weiß jeder, daß
ich in meiner Vergangenheit immer auf dem Standpunkte der Völker-
versöhnung und Völkerverständigung gestanden habe. Ich würde auch
niemals von diesem Gedanken abgehen. Ich bin noch heute der festen
Ueberzeugung, daß es für das Gelingen des Werkes in Palästina not-
wendig ist, daß die beiden Völkerschaften, die sich in Palästina ansie-
deln, bezw. angesiedelt haben, sich vertragen. Es muß eine Aussöhnung
erfolgen, und es ist für uns eines der Hauptziele, daß wir dahin kommen.
Damit habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte. Wir, die wir als
Nichtjuden uns an dieser Arbeit beteiligen, haben es mit besonderer
Freude begrüßt, daß jetzt eine über allen Differenzen stehende "Jewish
Agency" vorhanden ist, die das Werk verantwortlich leitet. Wir glauben,
daß in Zukunft eine gemeinsame Arbeit aller erfolgen kann, die sich
für diese Frage interessieren. In dieser Gemeinsamkeit sehe ich die
Hoffnung, daß es gelingen wird, den Palästina-Aufbau als Kulturwerk
ersten Ranges durchzuführen."

Das "Deutsche Komitee Pro Palästina" stellte im Frühjahr 1933 seine
Tätigkeit ein. Was mich persönlich anlangt, so hatte ich schon 18 Mo-
nate früher aus Gesundheitsrücksichten jede politische Tätigkeit auf-
geben müssen.
Wenn ich auf die sechs Jahre zurückblicke, die ich dank meinen guten
Beziehungen mit Stresemann im Völkerbund arbeiten durfte, so ist es
hauptsächlich seine Persönlichkeit, die meine Erinnerungen verschönt.
In Genf hat sich Stresemann von einem – allerdings bedeutenden –
Reichtstagspolitiker zu einem großen Staatsmann entwickelt. Er hatte
(241)

erkannt, was der Welt und seinem eigenen Vaterlande Not tat. Doch
die Zeit, seine Ideen durchzuführen, wurde ihm vom Leben nicht ge-
schenkt. Seine und Briands Persönlichkeiten hätten vielleicht zusammen
bei längerem Leben und Gesundheit, Erfolge erzielen können, die ihnen
versagt geblieben sind, bis auf die Rheinlandräumung. Diese verlor
obenein durch törichte Verspätung ihren moralischen Wert. Beide
Staatsmänner wurden von Krankheit und politischen Gegnern beseitigt,
bevor sie siegbringende Erfolge erzielt hatten, ohne die sich kein Staats-
mann halten kann.
Die Gegner Briands und Stresemanns, die seitdem triumphierten,
scheinen mir keinen Anlaß zu haben auf das stolz zu sein, was sie er-
reichten. Immerhin waren zur Zeit der beiden großen Staatsmänner
Anfänge zur Versöhnung der Welt vorhanden, während seitdem nur von
"Sicherheit" die Rede ist, d.h. von Wettrüsten, das bisher noch immer
in der Weltgeschichte zu Krieg geführt hat. Kurz vor seinem Tode 1929,
war Stresemann, schon schwer krank, zum letzten Male in Genf, wo er
sich mehrfach durch mich vertreten ließ. Es ist mir besonders ein Tag
erinnerlich, an dem wir zusammen bei dem damaligen Ratspräsidenten
zu dessen üblichem Frühstück im Hôtel des Bergues eingeladen waren.
Ich wurde nach Tisch an das Telephon gerufen, und fand Stresemann
im Vorzimmer des Hotels fast ohnmächtig an die Wand gelehnt. Er bat
mich, ihn in die Ratssitzung zu begleiten, und dort eventuell zu vertre-
ten, da er wohl nicht die Kräfte haben würde, eine Debatte auszuhalten.
Ich führte ihn an sein Automobil, immer mit dem Gefühl, daß er in
meinen Armen sterben würde, doch erholte er sich etwas an der Luft,
nachdem wir zusammen eine kleine Fahrt gemacht hatten. Indessen
blieb ich unter dem Eindrucke dieses Erlebnisses, als Stresemann wenige
Tage darauf abreiste, um in einem Schweizer Kurorte Erholung zu su-
chen. Nachdem ich die Stunde der Abfahrt seines Zuges erfahren hatte,
sagte ich zu meiner Frau: "Fahren wir schnell auf den Bahnhof, denn
Stresemann sehen wir doch nie lebend wieder." Vermutlich war es die
Freude, dem Genfer Kampfe zu entrinnen, die auf ihn einwirkte, aber
er fühlte sich bei der Abreise verhältnismäßig wohl, lachte und scherzte,
wie es seine Art war. Seine letzten Worte zu mir waren: "Die Weih-
nachtsferien müssen wir wieder einmal zusammen in Lugano ver-
bringen."
Zu einer Verabredung nach sachlichem Einvernehmen mit Stresemann
fuhr ihm der demokratische Führer Erich Koch-Weser am nächsten Tage
nach. Dieser wollte noch einen letzten Versuch machen, die liberalen Par-
teien zu einigen. Es war zu spät! Stresemann überlebte kaum die Völker-
bundsversammlung, und kein anderer hatte die geistige Kraft, das deut-
sche Bürgertum zusammenzuführen, das schon begonnen hatte, auf
andere Töne zu lauschen: "Fistula dulce canit, volucrem dum decipit
auspex."
(242)

Der Völkerbund ist "zweier Zeiten Schlachtgebiet", auf dem der histo-
rische Prozeß durchgefochten wird zwischen den neuen und den alten
Ideen der Politik; einerseits dem Gedanken der Herrschaft eines zukünf-
tigen idealen und den Frieden sichernden Völkerrechtes, sowie andrer-
seits der Machtpolitik des Imperialismus. Obgleich dieser Kampf auf
allen Gebieten des öffentlichen Lebens vor sich geht, ist doch die Ab-
rüstungsfrage der Kernpunkt des Streites, weil das Wort Walter Ra-
thenaus noch nicht Geltung hat, wonach "nicht Rüstungen, sondern
moralische, intellektuelle und wirtschaftliche Kräfte die ausschlaggeben-
den Mittel der internationalen Politik geworden sind". Die Entscheidung
dieses Kampfes wird nicht durch den Völkerbund oder durch die Regie-
rungen herbeigeführt werden, sondern durch die Völker. Darüber muß
sich jeder klar sein, der in Genf für die Abrüstung streitet. Eine uner-
läßliche Voraussetzung für den Erfolg dieses Kampfes ist die feste inner-
liche Ueberzeugung, daß die Völker die Abrüstung wollen und sie auch
durchsetzen werden. Die Regierungen, die meistens noch in den Ideen
des Imperialismus befangen sind, werden sich nicht bereit finden, eine
ernsthafte Abrüstung vorzunehmen. Aber hinter den Regierungen stehen
die Massen der Völker, die heute ebenso bestimmt die Abrüstung ver-
langen, wie sie früher die religiöse und politische Freiheit gefordert und
auch erkämpft haben. Was die Völker ernstlich wollen, erreichen sie
schließlich immer, und die Regierungen, die sich dem Willen der Völker
widersetzten, haben in der Weltgeschichte immer das Nachsehen gehabt.
Deshalb brauchen wir darüber nicht zu verzweifeln, daß die Abrüstung
vorläufig garnicht vorwärts kommt. Die Frage muß "sub specie aeter-
nitatis" betrachtet werden, wenn auch im täglichen Kampfe keine Gele-
genheit zu einem Fortschritt versäumt werden darf. Diese meine Auf-
fassung erleidet dadurch keine Aenderung, daß heute vorübergehend
in der Welt mehr diktatorisch geführte Regierungen bestehen als sonst
üblich. Doch ist immer wieder daran zu erinnern, daß der Völkerbund
eine Diplomatenversammlung ist, die nach Instruktionen der Regierun-
gen handelt. Bisher ist die Abrüstungsfrage im Völkerbund erörtert
worden, während die Völker nur hie und da bei Wahlen ihre Stimme
erheben konnten.
Die Abrüstungsfrage, die von dem Völkerbund behandelt wird, beruht
in ihrem Ursprunge auf den viel besprochenen 14 Punkten des Präsidenten
(243)
Wilson. Nach diesen sollte bei dem Frieden eine Abrüstung herbeige-
führt werden, die den einzelnen Staaten nur soviel Rüstungen gestattete,
wie ihre innere Sicherheit erforderte. Bekanntlich sind die 14 Punkte in
Versailles fast ganz unter den Tisch gefallen. Die Abrüstung ist aber,
neben einigen anderen wichtigen Forderungen der 14 Punkte, in die
Friedensverträge übergegangen und in dem Völkerbundspakt verankert
worden. Sie muß heute als die Kernfrage des Völkerbundes betrachtet
werden, weil wir uns nicht vorstellen können, daß der Völkerbund auf
die Dauer bestehen und weiter ausgebaut werden kann, wenn die Ab-
rüstung nicht durchgeführt wird. Die Völker werden niemals begreifen,
daß eine Institution, die geschaffen ist um den Frieden zu erhalten, le-
ben kann, wenn es ihr nicht gelingt, die Abrüstung mindestens allmäh-
lich in die Wege zu leiten. Die Abrüstung ist der Beweis für die Frie-
densliebe der Staaten. Ohne diesen Beweis werden die Völker weder an
den Völkerbund noch an den Frieden glauben.
In Versailles hat man schon die Forderung auf Abrüstung verwässert,
indem man an die Stelle des Wilson-Punktes die Bestimmung des Ar-
tikels VIII des Völkerbundspaktes setzte, wonach die nationale Sicherheit
und die geographische Lage der Staaten für ihre Abrüstung maßgebend
sein sollen. Dadurch wurde den Staaten, die nicht abrüsten wollen, Tür
und Tor geöffnet, um Entschuldigungen zu finden. Immerhin blieb die
Forderung auf Abrüstung bestehen. Diese hat noch eine andere Basis,
die uns Deutsche besonders angeht. In der Präambel zum fünften Teil
des Versailler Vertrages ist nämlich ausdrücklich erklärt worden, daß
die uns auferlegte Abrüstung die Vorläuferin derjenigen aller anderen
Staaten sein soll. Als ich später in die Abrüstungsverhandlungen eintrat,
wurde allgemein von den anderen Teilnehmern anerkannt, daß die Ab-
rüstungsforderung auf diesen beiden Grundlagen beruhe. Dazu kommt
noch, daß Clemenceau in seiner Note vom 16. Juni 1919 unser Recht
auf Abrüstung der anderen Staaten außerordentlich dadurch gestärkt
hat, daß er es im Namen der Verbündeten noch erläuterte und einwand-
frei feststellte, daß unsere Abrüstung der Beginn der allgemeinen Ab-
rüstung sein sollte.
Demnach kann heute kein Zweifel darüber bestehen, daß eine bindende
völkerrechtliche Verpflichtung zur allgemeinen Abrüstung fällig war,
nachdem unsere Abrüstungsverpflichtung erfüllt wurde. Im ganzen Ver-
laufe meiner Verhandlungen ist auch niemals der Versuch gemacht
worden, diese völkerrechtliche Verpflichtung abzuleugnen. Nur hin und
wieder suchte man aus der angeblichen Langsamkeit und Unvollkommen-
heit der deutschen Abrüstung eine Entschuldigung dafür zu finden, daß
sich die allgemeine Abrüstung nicht vorwärts bewegt habe.
Nach Abschluß des Locarno-Vertrages wurde die Vorbereitende Ab-
rüstungskommission einberufen, weil nunmehr genügende Sicherheit vor-
handen schien, um auch die Abrüstung zu fördern. Nicht unerwähnt
(244)
darf hier bleiben, daß die früheren Verhandlungen des Völkerbundes,
namentlich diejenigen über das gescheiterte Genfer Protokoll, dahin ge-
führt hatten, die Trilogie: "Schiedsgericht, Sicherheit und Abrüstung"
zum Leitstern des Völkerbundes zu machen, der auch der Wegweiser der
Verhandlungen der Abrüstungskommission gewesen ist. Zu diesen Ver-
handlungen wurden die am meisten interessierten Staaten des Völker-
bundes eingeladen, sowie die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und
die Türkei. Die beiden letztgenannten Staaten traten jedoch erst später
in die Verhandlungen ein.
Die ersten Besprechungen des Jahres 1926 waren allgemeiner Natur.
Auf englisch-amerikanischer Seite bestand sichtlich der Wunsch, die
Kommission zu einem Erfolge zu führen. Als Pressionsmittel wurde die
Oeffentlichkeit der Verhandlungen bestimmt und der Versuch gemacht,
Herrn Paul-Boncour zum Vorsitzenden zu wählen, wodurch er in höhe-
rem Maße für den Erfolg oder Mißerfolg der Arbeiten verantwortlich
geworden wäre. Er lehnte aber den Vorsitz ab, um seine Aktionsfreiheit
zu bewahren.
Die letztere Episode erscheint vielleicht geringfügig, beleuchtet aber
doch grell die Situation in der Abrüstungsfrage. Frankreich beherrscht
den Kontinent durch seine unvergleichliche Armee und durch seine poli-
tischen Bündnisse, die dem Geiste des Völkerbundes widersprechen und
welche die "ratio scripta" von Versailles verewigen sollen. Tatsächlich
bedeutete also damals die Frage an die Welt, ob sie zu Lande abrüsten
wollte, eine Frage an Frankreich. In Erkenntnis dieser Sachlage hätte
die Kommission gern den französischen Vertreter zum Vorsitzenden
gewählt, weil dadurch die politische Situation eine schnellere Klärung
gefunden haben würde. Vielleicht hätte die Weltgeschichte seitdem einen
anderen Verlauf genommen, wenn uns einige Jahre Abrüstungsverhand-
lungen erspart geblieben wären. Am nächsten sind wir jedenfalls der
Abrüstung gewesen, als Paul-Boncour seine Rede vom 8. April 1927
hielt, in der er unter anderem sagte:
........ "Il est exact que le préambule de la partie V du Traité de
Versailles vise les limitations d'armements imposés à l'Allemagne en
tant que condition et précédent d'une limitation générale des armements.
C'est même ce qui distingue de façon très nette cette limitation d'autres
limitations semblables, qui avaient pu être imposées au lendemain des
guerres, au cours de l'histoire, et qui, d'ailleurs, s'étaient généralement
révélées assez inefficaces."
"Cette fois, ce qui donne toute sa valeur à cette stipulation, c'est qu'elle
n'est pas seulement une condition imposée à l'un des signataires du
Traité; elle est un devoir, une obligation morale et juridique faite aux
autres signataires de procéder à une limitation générale."
Seitdem ist Paul-Boncour allerdings öfters von maßgebender franzö-
sischer Seite wegen obiger Rede zur Ordnung gerufen worden. Trotzdem
(245)
bleibt sie eine der vielen versäumten Gelegenheiten der Weltgeschichte
in der Epoche von Versailles. Deutscherseits war das Prinzip der etap-
penweisen Abrüstung angenommen, also war die Tür zu Verhandlungen
offen, wenn Frankreich wollte. Ich habe mich seitdem oft gefragt, ob
nicht gute persönliche Beziehungen den einzigen Weg weisen, der all-
mählich zur deutsch-französischen Versöhnung führen kann. Ich stand
mit Paul-Boncour in freundschaftlichem Verkehr, ähnlich wie Strese-
mann mit Briand. Dieser Weg ist zwar ein sehr langsamer, aber er ist
hoffnungsvoller, als wenn man sich wie zwei böse Hunde gegenseitig an-
bellt, und andere Völker gegeneinander aufhetzt. Dabei kann man nicht
sagen, daß die deutschen Militärs meine Verhandlungen mißbilligt
hätten, wie die beiden folgenden Briefe der Reichswehrminister beweisen,
mit denen ich arbeiten durfte.


Der Reichswehrminister.

Berlin W 10, den 4. Mai 1927.

Sehr verehrte Exzellenz!
Nachdem ich soeben den Vortrag der Offiziere entgegengenommen
habe, die mit Ihnen in Genf waren, möchte ich mir erlauben, Ihnen
meinen allerwärmsten Dank für die so entschiedene und eindrucksvolle
Vertretung der vaterländischen und insbesondere der militärischen In-
teressen im Verlauf der jetzt abgeschlossenen ersten Lesung der Arbei-
ten der Vorbereitenden Kommission auszusprechen. Ich habe schon wäh-
rend der Verhandlungen nach Zeitungen und Berichten Ihr so bedeut-
sames Wirken mit wärmster Teilnahme und Zustimmung verfolgt.
Der mündliche Bericht der militärischen Sachverständigen hat auf mich
einen tiefen Eindruck gemacht und mir gezeigt, auf wie harmonische
und liebenswürdige Grundlage Sie das Zusammenarbeiten mit meinen
Offizieren gestellt haben. Auch dafür darf ich Ihnen von Herzen danken.
Mit dem Ausdruck meiner freundschaftlichen Gesinnung bin ich,
verehrter Herr Graf, Ihr aufrichtig ergebener

gez. Geßler.



Berlin-Steglitz, 14.11.32.

Sehr verehrter Herr Graf!
Zu Ihrem 70. Geburtstage sende ich Ihnen die wärmsten Glück-
wünsche und gedenke dabei der großen Verdienste, die Sie sich bei der
Vorbereitung der Abrüstungskonferenz erworben haben. Als Reichswehr-
minister konnte ich die ungeheuerlichen Schwierigkeiten, die Sie zu
überwinden hatten, ganz besonders würdigen. Es ist nicht zuletzt Ihr
Verdienst, wenn die Stellung Deutschlands in der Abrüstungsfrage mehr
(246)
und mehr gestärkt und eine uns günstigere internationale Atmosphäre
geschaffen wurde. Mögen Ihnen Gesundheit und ein langes Leben be-
schieden sein, um die Früchte Ihrer Arbeit reifen zu sehen!
Mit herzlichen Grüßen und aufrichtiger Verehrung bin ich Ihr sehr
ergebener

gez. Groener.


In den sechs Jahren, die ich in Genf über die Abrüstung verhandelt
habe, bin ich immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß Frankreich
keinesfalls abrüsten werde, was wir auch sagen oder tun möchten. Nach
der historischen Technik der Diplomatie betrachtete ich es daher als
meine einzige Pflicht, mich ins Recht und den Gegner ins Unrecht zu
setzen. Damals war dies auch nicht unmöglich, da wir die Verträge er-
füllt hatten und die Franzosen nicht. Diesen lag es ob, mit der Erfül-
lung der Abrüstungsverpflichtung zu beginnen.
Nach den allgemeinen Verhandlungen des Jahres 1926 wurden Un-
terkommissionen eingesetzt, insbesondere eine militärische und eine
wirtschaftliche, von denen die erstere viel länger gearbeitet hat als die
letztere. Die militärische Unterkommission gab nach sechsmonatiger
angespannter Tätigkeit ein umfangreiches Protokoll heraus. Ueber diese
Arbeit der militärischen Sachverständigen hat man sich sehr lustig ge-
macht. Gewiß werden Militärs nicht geneigt sein abzurüsten, und inso-
fern war man berechtigt, diese Kommission mit einer Konferenz von
Schuhmachern zu vergleichen, die über die Abschaffung der Schuhe
beschließen solle. Andrerseits darf man nicht übersehen, daß die Regie-
rungen sich hinter ihre Sachverständigen zurückzuziehen pflegen. Wenn
die Militärs sich nicht zuerst in die Frage vertieft hätten, würden die
Regierungen gesagt haben, daß die militärische Grundlage für die Ab-
rüstung fehle. Insofern ist das Protokoll der militärischen Unterkom-
mission von sehr großem Werte. Es enthält eine vollkommene theoretische
Darstellung der gesamten Abrüstungsfrage vom militärischen Stand-
punkte, und zwar geht aus diesem Kompendium unleugbar hervor, daß
die Abrüstung technisch möglich und daher durchführbar ist, sobald
die Regierungen die politische Entscheidung treffen, daß sie vorge-
nommen werden soll.
Nach Erledigung der Arbeit der Unterkommissionen tagte die Vor-
bereitende Abrüstungskommission im Frühjahre 1927. Ihren Verhand-
lungen lagen zwei Vertragsentwürfe zugrunde, die von englischer und
französischer Seite eingebracht worden waren. Die beiden Entwürfe wur-
den in erster Lesung behandelt und sollten in dieser zu einem einzigen
verschmolzen werden. Einen solchen einheitlichen Entwurf eines inter-
nationalen Abrüstungsabkommens herzustellen, gelang aber nicht in der
ersten Lesung. Statt dessen kam nur ein Bericht zustande, der die ent-
(247)
gegenstehenden Meinungen anführte, und der baldigst in einer zweiten
Lesung vereinheitlicht werden sollte.
Die Aufgabe der Vereinheitlichung des Berichtes der "Préparatoire"
zu einer Abrüstungskonvention wurde de facto nie erfüllt. Dadurch ent-
stand aber, außer einem großen Zeitverlust, kein besonderer Schaden,
da die Abrüstungskonferenz doch in ihrem Papierkorbe alles Material
der "Préparatoire" verschwinden ließ. Die Gegensätze zwischen den
Großmächten verschuldeten in erster Linie den Mißerfolg, doch muß
gesagt werden, daß die Arbeitsmethoden des Völkerbundes auch wesent-
lich zu dem Ergebnisse beitrugen. Obgleich der Völkerbund einstweilen
nur eine Diplomatenversammlung ist, verhandelt er immer wie ein Par-
lament. Bei jeder möglichen oder unmöglichen Gelegenheit werden lange
Reden gehalten, deren größerer Teil die Arbeit keineswegs fördert. Die
Völkerbundligen haben diese Gefahr vorausgesehen und in ihrer Ge-
schäftsordnung den Grundsatz aufgestellt, daß niemand länger als zehn
Minuten reden darf. Die Regel funktioniert sehr gut und sollte von
dem Völkerbunde eingeführt werden. Wenn dieser die kommenden
Stürme nicht überlebt, so müßte auf seinen Leichenstein geschrieben
werden: "Er wurde totgeredet." Die Idee des Völkerbundes wird, mei-
ner Ansicht nach, niemals wieder verschwinden, doch muß gegebenen-
falls die zweite Auflage desselben von den Fehlern der ersten lernen.


Trotz des unrühmlichen Endes der "Préparatoire" sind die fünf Teile
des damaligen Berichtes erwähnenswert, weil sie geeignet sind, die Ab-
rüstungsfrage zu klären.
Der erste Teil behandelte die Personalbestände, deren Einschränkung
selbstverständlich war, wenn eine Abrüstung durchgeführt werden sollte.
Strittig war indessen das Maß und die Methode einer solchen Einschrän-
kung. Hier standen sich die deutsche und die französische These unver-
einbar gegenüber, wobei wir zuerst die englische und die amerikanische
Unterstützung genossen. Nach deutscher Auffassung würde ein Ab-
rüstungsabkommen nicht den Namen eines solchen verdienen, wenn die
Einschränkung sich nicht auf die Mannschaften unter der Fahne und die
ausgebildeten Reserven bezöge. Frankreich mit seinem Anhang bekämpfte
diesen Standpunkt auf das äußerste. Die französische These ging davon
aus, daß die Abrüstung allmählich auf dem Wege der Herabsetzung der
Dienstzeit durchgeführt werden sollte, bis schließlich in allen kontinen-
talen Staaten die Miliz eingeführt sei. Bei dieser These ist allerdings
eine Einschränkung der Reserven nicht möglich, weil das ganze Volk
dann zur Reserve gehört. Wer aber eine ernste Abrüstung wünscht, kann
diese These nicht annehmen, weil heute die Reserven das Rückgrat der
Landarmeen bilden, und weil es sehr fraglich ist, ob die Völker der Ge-
genwart die mit der Miliz verbundene allgemeine Wehrpflicht sich auf
die Dauer werden gefallen lassen. Die uns aufgezwungene Abrüstung
(248)
schaffte die allgemeine Wehrpflicht ab. Die vertragsmäßige Abrüstung
hätte daher auf dem gleichen Wege vor sich gehen müssen, um so mehr,
als man uns immer vorhielt, daß unser damaliges Wehrsystem ein so
vorzügliches sei. Jedenfalls würde die Durchführung der französischen
These auf Jahre hinaus jede ernstliche Abrüstung zu Lande ausschließen,
namentlich da die Franzosen auch jede sofortige Herabsetzung der
Dienstzeit oder des jährlichen Rekrutenkontingents bestimmt ablehnten.
Die Ungleichheit der Rüstungen bliebe bestehen, und damit auch die
Lahmlegung des Völkerbundes, der seinem Wesen nach die Gleichheit
der Mitglieder verlangt, um funktionieren zu können. Was auch immer
seitdem für Ereignisse eingetreten sind, damals wollten wir jedenfalls
mit Recht allmählich in das System der Abrüstung einrücken. Ein Vor-
gehen in Etappen haben wir immer als annehmbar bezeichnet, aber die
erste Etappe mußte eine wesentliche, und das Endziel erkennbar sein.
Wenn man zuerst uns ein System aufzwingt und dieses dann für die
allgemeine Abrüstung verwirft, um ein anderes zu wählen, so ist auch
in der Ferne keine Gleichheit der Mitglieder des Völkerbundes zu sehen,
und auf diese kommt es eben an, wenn der Völkerbund gedeihen soll.
Abgesehen von allen anderen Gründen, wollen die Franzosen an der all-
gemeinen Wehrpflicht festhalten, weil jedes andere Wehrsystem die Repu-
blik bedrohen könnte.
Der zweite Teil des Berichts betraf das Material. Dieses hat in mo-
dernen Kriegen eine so ausschlaggebende Bedeutung, daß eine Ab-
rüstung ohne direkte Beschränkung sämtlichen Materials garnicht
denkbar ist. Die meisten Staaten wollten aber nur das Material im Ge-
brauche und nicht die gelagerten Vorräte beschränken. Außerdem wollten
sie keine direkte prozentuale Herabsetzung des Materials vornehmen,
sondern nur die im Budget zu bewilligenden Mittel verringern, eine
Frage, die zum dritten Teile führt, der sich auf das Budget bezog.
Eine Herabsetzung der Rüstungen durch Limitierung des Budgets
war nach deutscher Auffassung nicht möglich, weil die Systeme der
Rüstungen in den verschiedenen Ländern gar zu sehr voneinander abwei-
chen. So sind zum Beispiel die Kosten für ein Heer, wie das damalige
unsrige, das aus Berufssoldaten bestand, im Vergleich zu den Kosten
der Länder mit allgemeiner Wehrpflicht so ungeheuer groß, daß schon
dies eine Beispiel genügt, um zu zeigen, daß man Länder mit verschie-
denen Wehrsystemen, bezüglich ihres Heeresbudgets, nicht vergleichen
kann. Das Budget vermag man sehr gut als akzessorisches Mittel zur
Kontrolle der Abrüstung zu benutzen, aber nicht als das einzige Kri-
terium, weil dieses zu vollkommen schiefen Bildern führen würde.
Der vierte Teil behandelte den chemischen Krieg. Bekanntlich wurde
bereits auf der Waffenhandelskonferenz von 1925 der Beschluß gefaßt,
den chemischen und bakteriologischen Krieg zu verbieten, doch sind alle
Bestimmungen des Waffenhandelsabkommens noch nicht ratifiziert. Deut-
(249)
scherseits muß aber immer wieder energisch verlangt werden, daß ein
Verbot des chemischen, des bakteriologischen und des Luftkrieges erfolgt.
Wenn dies nicht erreicht wird, und wenn es nicht gelingt, einen künf-
tigen Krieg zu vermeiden, dürfte dieser vorwiegend in der Luft und mit
den Erzeugnissen der chemischen Industrie geführt werden. Das bedeu-
tet, daß der nächste Krieg nicht in erster Linie, auch nicht einmal haupt-
sächlich zwischen den Militärs der Nationen sich abspielen wird, sondern
daß die Zivilbevölkerung, die sich nicht zu schützen vermag, noch viel
mehr als die Militärs von den Leiden des Krieges mitgenommen wer-
den wird. Wenn die erwähnten Kriegsarten alle verboten werden, so
wird man auch nicht mehr in Genf den Versuch machen, bei der Ab-
rüstung die Zivilluftfahrt einzuschränken. Merkwürdigerweise war näm-
lich bisher die größte Bereitwilligkeit zur Abrüstung auf dem Gebiete
der Zivilluftfahrt vorhanden, die man ganz würde freigeben können,
wenn der Luftkrieg verboten wäre. Die Abrüstung darf nicht dazu be-
nutzt werden, um Fortschritte der Technik zu verhindern, sondern sie
muß ausschließlich gegen die Kriegsvorbereitungen gerichtet sein.
Der fünfte Teil betraf die Organisation der Abrüstung. Hier muß
ein Punkt besonders erwähnt werden, der, wenn auch nicht eine Recht-
fertigung, so doch wenigstens eine Entschuldigung dafür bietet, daß bis-
her keine Ergebnisse in der Abrüstungsfrage erzielt wurden. Eine ver-
tragsmäßige Regelung der Abrüstung würde einen ungeheuren Fort-
schritt in der Weltgeschichte bedeuten, weil nach Artikel VIII der Völker-
bundsakte ein Staat, der abgerüstet hat, ohne Genehmigung des Völker-
bundsrates niemals wieder aufrüsten darf. Die Frage der Rüstungen
würde also vollkommen internationalisiert werden, und jeder Staat würde
zugunsten des Völkerbundes auf das bisherige höchste Souveränitäts-
recht verzichten. Man begreift, daß Staaten, die nicht durch Zwang
abgerüstet worden sind, sich gegen die Einführung einer solchen Neue-
rung sträuben. Nachdem aber diese Bestimmung in die Verträge aufge-
nommen wurde, muß sie durchgeführt werden. Sonst liegt ein Vertrags-
bruch vor. In diesem Zusammenhange wurde von französischer Seite
immer eine Kontrolle der Abrüstung verlangt, obgleich die englisch
sprechenden Nationen eine solche nicht annehmen und die Abrüstung
auf Treu und Glauben aufbauen wollten. An sich erscheint es wenig
wahrscheinlich, daß ein Staat, der einmal ein Abrüstungsabkommen
unterzeichnet hat, das Odium der Verletzung desselben auf sich nehmen
wird, ganz abgesehen davon, daß eine automatische Kontrolle durch die
Arbeiterschaft Platz greifen und genügend wirksam sein wird.


Einige Monate nach der ersten Lesung des Vertragsentwurfes sollte
eine zweite stattfinden, die indessen sehr lange hinausgeschoben wurde,
weil zunächst der Versuch gemacht worden ist, durch Regierungsverhand-
(250)
lungen die vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen. Diese lagen nicht
so sehr in den oben erwähnten Fragen, an denen wir besonders interes-
siert sind, wie in der Abrüstung zur See. Die großen Seemächte ver-
langten die Abrüstung nach Schiffskategorien, während die kleinen nur
die Globaltonnage als Maßstab anwenden wollten. Die Abrüstung nach
Kategorien wäre eine direkte Fortsetzung der Washingtoner Kon-
ferenz. Deshalb haben auch zunächst die großen Seemächte versucht,
sich 1927 auf einer Genfer Zusammenkunft, der sogenannten Coolidge-
konferenz, zu einigen, was aber nicht gelang, weil die Amerikaner mehr
große und die Engländer mehr kleine Kreuzer haben wollen. Hinter die-
sem Streit um die Kreuzer stand die große Frage der sogenannten
"Freiheit der Meere", die schon im Weltkriege eine so wichtige Rolle
spielte, und die praktisch auf die Abschaffung des Seebeuterechts und
der Blockade hinauskommt. Nach dem amerikanischen Friedenspro-
gramm sollen auch im Kriege alle Handelsschiffe vollkommen ungestört
auf dem Meere fahren dürfen. Dem steht die englische historische
Tradition entgegen und allerdings auch das heute geltende Völkerbunds-
recht. Andrerseits dürfte eine ernstliche Abrüstung niemals zustande-
kommen, wenn sich die Vereinigten Staaten und England nicht dar-
über einigen und dann auf die anderen Staaten einen entsprechenden
Druck ausüben.
Die Völkerbundsversammlung des Jahres 1927 mußte zusammen-
treten, ohne daß ein Ergebnis der Abrüstungsverhandlungen vorlag. Sie
hat aber wenigstens das Verdienst gehabt, das Verhältnis von Sicherheit
und Abrüstung zu klären. Bis dahin war noch oft gesagt worden, daß
die vorhandene Sicherheit nicht zum Beginne der Abrüstung genüge.
Jetzt kam nach langen Kämpfen in der III. Kommission eine Reso-
lution zustande, die diese Frage endgültig regelte. Danach sollte ein
Sicherheitskomitee eingesetzt werden, das für Fortschritte in der
Sicherheit zu sorgen hatte, andrerseits wurde aber bestimmt, daß die
Abrüstung in Etappen vor sich gehen, die erste Abrüstungskonferenz
auf dem Boden der bereits vorhandenen Sicherheit stattfinden sollte,
und daß diese erste Konferenz, der weitere zu folgen hätten, möglichst
bald einzuberufen sei, um den Umfang der ersten Etappe zu bestimmen.
Seit dieser Resolution lag also das Hindernis der Weiterarbeit nicht
an der Sicherheit, sondern an den vorhandenen konkreten Differenzen
zwischen den Mächten.
Folgerichtig wurde hierauf die Abrüstungskommission im Dezember
1927 einberufen, um das Sicherheitskomitee zu konstituieren. Die Ta-
gung war so dicht vor Weihnachten gelegt worden, daß von einer zwei-
ten Lesung des Vertragsentwurfes keine Rede sein konnte. In dieser
Session hätte sich daher, außer der Einsetzung des Sicherheitskomitees
nichts ereignet, wenn nicht die Vertreter der Sowjetunion zum ersten
Male erschienen wären und dadurch eine neue Situation geschaffen
(251)
hätten. Sie machten gleich sehr radikale Abrüstungsvorschläge, deren
Annahme natürlich ausgeschlossen, deren Ablehnung aber auch nicht
erwünscht war. Deshalb kam es zur Annahme meines Kompromiß-
antrages, der dahin ging, daß die Vorschläge der Sowjetvertreter im
März 1928 gleichzeitig mit der zweiten Lesung des Vertragsentwurfes
zur Erörterung gelangen sollten.
Damals spielte sich so manches – man könnte mit Nietzsche sagen:
Menschliches, allzu Menschliches – in Genf ab. Namentlich wenn ich
an die spätere gemeinsame Glanzzeit von Litwinow und Barthou denke,
so kann ich nur mit Heiterkeit mich der Tatsache erinnern, daß wir
Deutschen, insbesondere ich, damals die einzigen waren, die politischen
und gesellschaftlichen Verkehr mit den Sowjetvertretern pflegten. Zu
dem Diner, das meine Frau und ich ihnen gaben, konnten wir nur
Deutsche einladen, da andere nicht gekommen wären. Aus dieser Zeit
stammt der schon oben wiedergegebene Brief Rantzaus an mich.
Ganz harmloser Natur war dagegen der fast tägliche Scherz, der sich
damals in der Kommission abspielte. Der englische Vertreter war Lord
Cushendun. Im Sitzungssaal entstand immer eine ziemlich große Wärme.
Lord Cushendun bekam einen feuerroten Kopf und ließ ein Fenster
öffnen, worauf sich ein, jedem Franzosen entsetzlicher "courant d'air"
entwickelte. Paul-Boncour erhob sich, holte seinen Ueberzieher und zog
ihn an. Ein mitleidiger Saaldiener schloß das Fenster, worauf das
gleiche Spiel nach einiger Zeit wieder anfing. Englische und fran-
zösische Lebensgewohnheiten sind eben noch schwerer zu vereinigen, als
ihre Politik, und solche Erlebnisse brachten den Delegierten die Heiter-
keit, welche die unfruchtbaren Verhandlungen wahrlich nicht erzeugen
konnten.
Als der März 1928 kam, war, außer bei den Deutschen und den
Sowjetvertretern, an keiner Stelle Neigung vorhanden, die Arbeit fort-
zuführen, weil die Auffassung sich durchgesetzt hatte, daß nur diplo-
matische Verhandlungen zu einem Ergebnis führen könnten, und daß es
daher ein Fehler wäre, die Abrüstungskommission einzuberufen. Dem-
gegenüber war deutscherseits die Auffassung geltend zu machen, daß
die Abrüstung Sache des Völkerbundes ist, der sich nicht ausschalten
lassen darf, und daß die Abrüstungskommission, da sie aus Vertretern
der Regierungen bestand, ebensogut wie die diplomatischen Organe ver-
handeln konnte. Am liebsten hätte man die Session der Abrüstungs-
kommission abgesagt, was sich aber nicht gut machen ließ, da die
Amerikaner, die Vertreter der Sowjetunion und neuerdings auch die
Türken bereits eingeladen waren. Von vornherein bestand indessen bei
der großen Mehrheit der Kommission die Absicht, die Sowjetvorschläge
den Regierungen zu überweisen und dann auseinanderzugehen, um die
Ergebnisse der diplomatischen Verhandlungen abzuwarten. Bevor diese
Beschlüsse gefaßt werden konnten, wurde die Kommission zum Tum-
(252)
melplatz einer heftigen Erörterung über die Politik der Sowjetunion
im allgemeinen, wobei man deren Vorschläge als unehrlich, als bewußte
Störung der Abrüstung und sogar als Sabotage bezeichnete. Es war ent-
schieden ein Fehler, die Sowjetvertreter so zu behandeln, und zwar,
weil sie vom Völkerbunde eingeladen waren, weil man sie immer wie-
der aufgefordert hatte, in den Völkerbund einzutreten, weil stets gesagt
worden war, daß ohne Mitwirkung der Sowjetunion eine Abrüstung
unmöglich sei, und weil die Sowjetvertreter sehr weitgehende Ab-
rüstungsvorschläge gemacht hatten, über deren Ernst und Ehrlichkeit
man allerdings verschiedener Meinung sein konnte. Die Vermutung
spricht aber dafür, daß die Sowjetvertreter in Genf ein Sprungbrett
suchten, um aus ihrer Isolierung herauszukommen, und daß sie die
Rüstungen entbehrlich finden, da sie die Propaganda als Waffe be-
nutzen. Gegen diese würden sich die europäischen Mächte am besten
schützen, wenn sie ihren Völkern die Last der Rüstungen abnehmen
wollten. Wie dem auch sei, jedenfalls war die Abrüstungskommission
nicht der Ort, um eine weitgehende Erörterung über die Sowjetunion
als solche anzustellen. Dort sollte jeder willkommen sein, der abrüsten
will. Deshalb mußten wir Deutsche uns zu den Sowjetvorschlägen
freundlich stellen, wenn es auch klar ist, daß die Abrüstung nicht so
schnell vor sich gehen kann, wie die Sowjetvertreter wollten. Auch
waren wir durch die Resolutionen des Völkerbundes an dessen Methode
gebunden. Andrerseits war das total abgerüstete Deutschland garnicht
in der Lage, weitergehende Vorschläge abzulehnen, falls sie von dritter
Seite vorgebracht wurden. Auch wenn es niemals einen Berliner- oder
Rapallo-Vertrag gegeben hätte, würde die deutsche Haltung in Genf
die gleiche gewesen sein, weil es sich hier nicht um die sogenannte
hohe Politik handelte, sondern lediglich um die Abrüstung. Die März-
session der Abrüstungskommission endigte trotz meines lebhaften Ein-
greifens mit einer vollkommenen Stagnation, und es blieb nichts übrig,
als die Frage vor die Völkerbundsversammlung von 1928 zu bringen.
Immerhin wurde deutscherseits in der Märzsession noch ein überaus
wichtiger Antrag eingebracht, der auch den Regierungen zur Prüfung
überwiesen worden ist. Wir forderten die unbedingte Oeffentlichkeit
aller Rüstungen, eine Forderung, die den Kern der Sache trifft. Ar-
tikel VIII des Völkerbundspaktes verlangt in seinem Absatz 6, daß die
Staaten eine absolute Offenheit in allen ihren Rüstungsfragen gelten
lassen sollen, und daß sie sich gegenseitig vollständige Mitteilungen dar-
über zu machen haben. Absatz 6 des Artikels VIII ist ein Teil der Frie-
densverträge, der noch niemals erfüllt worden ist, obgleich gar kein
Grund vorliegt, warum er nicht erfüllt werden sollte, da die Ver-
pflichtung von keinerlei Vorbedingung abhängig ist. Wenn die Staaten
durch die Annahme des deutschen Antrages genötigt würden, vollkom-
men offen und ehrlich zu sagen, was sie an Rüstungen haben, so wäre
(253)
die Abrüstung ganz leicht durchzuführen, weil die Herabsetzung um
10, 20 oder 30 % der allseits bekannten Rüstungen eine ganz einfache
Sache ist. Doch trat im Verlaufe der Verhandlungen klar hervor, daß
die Staaten, deren Neigung zur Abrüstung gering ist, ebensowenig Ge-
fallen an der Publizität finden, denn sie erkennen eben, daß hier der
Angelpunkt der ganzen Frage liegt. Die seitdem von den Sowjets ge-
triebene Politik läßt meine damalige Auffassung über sie berechtigt
erscheinen.
Als die Völkerbundsversammlung im September 1928 zusammentrat,
war es um die Abrüstung recht hoffnungslos bestellt. Deutscherseits
wurde daher die Gelegenheit von Reichskanzler Hermann Müller er-
griffen um die schleunige Beendigung der langwierigen Verhandlungen
zu verlangen, sowie die Einberufung der Abrüstungskonferenz und eine
wesentliche Herabsetzung der Rüstungen. Selbstverständlich fanden diese
deutschen Forderungen keine freundliche Aufnahme. In der III. Kom-
mission herrschte die Ansicht, daß man die Ergebnisse der diplomatischen
Verhandlungen ruhig abwarten und dem Vorsitzenden der Abrüstungs-
kommission überlassen müsse, diese einzuberufen, sobald die diplomatischen
Verhandlungen einen günstigen Ausgang gefunden hätten. Meinerseits
wurde immer wieder betont, daß die Abrüstungskommission und die
erste Abrüstungskonferenz die Instanzen seien, vor denen die Frage
ausgetragen werden müsse. Diese Instanzen wären nicht lediglich dazu
berufen, das Ergebnis diplomatischer Verhandlungen zu registrieren.
Schließlich wurde Deutschland die Konzession gemacht, daß die Ab-
rüstungskommission jedenfalls in der ersten Hälfte des Jahres 1929
einberufen werden solle, und außerdem erkannte man an, daß die be-
stehende Sicherheit die erste Etappe der Abrüstung gestatte, aber die
erste Konferenz wollte niemand außer uns einberufen haben. Auf Grund
dieses Beschlusses trat wirklich die Abrüstungskommission Mitte 1929
zusammen, obgleich die diplomatischen Verhandlungen ohne Ergebnis
geblieben waren und wieder niemand außer uns und der Sowjetunion
die Fortführung der Arbeit wünschte.
Inzwischen hatten, nachdem die Coolidge-Konferenz gescheitert war,
englisch-französische Verhandlungen stattgefunden, die insofern von Er-
folg begleitet waren, als die Franzosen sich bereit erklärten, unter ge-
wissen Modalitäten auf die Beschränkung nach Schiffs-Kategorien ein-
zugehen, während die Engländer dafür die Konzession machten, daß
die ausgebildeten Reserven der Landarmeen von der Beschränkung frei-
bleiben sollten. Da aber nach dieser Abmachung gerade die großen
Kreuzer beschränkt und die kleinen freibleiben sollten, sprachen sich
die Amerikaner scharf dagegen aus, worauf die Engländer wiederum
die Abmachung als hinfällig bezeichneten, da sie nur brauchbar sei,
wenn sie allseitig angenommen würde. Bei dieser Sachlage glaubte nie-
mand, daß die Abrüstungskommission würde Fortschritte machen kön-
(254)
nen. Die Seerüstungen sollten noch nicht besprochen werden, und andrer-
seits stehen die Franzosen auf dem Standpunkte, daß für sie nur eine
solche Abrüstung in Frage kommt, die gleichzeitig die Rüstungen zu
Lande, zur See und in der Luft umfaßt. Diese Auffassung bildete in
der Kommission immer einen amerikanisch-französischen Differenzpunkt,
weil die Amerikaner für regionale Abrüstung eintraten, worin für uns
die Gefahr lag, daß die Amerikaner, der langen Verschleppung müde,
die Seeverhandlungen eines Tages nach Washington verlegen und die
europäischen Mächte sich selbst, das heißt dem Militarismus überlassen
könnten.
Die Session der Abrüstungskonferenz verlief ganz anders als erwartet
worden war, weil der amerikanische Präsident Hoover seinen Ver-
treter Gibson die Führung übernehmen ließ. Wie man auch im ein-
zelnen über die amerikanische Taktik denken mag, jedenfalls war es ein
Gewinn, daß Präsident Hoover seine Abrüstungsaktion in die Völker-
bundskommission verlegte, wodurch er andere Verhandlungen außerhalb
derselben unmöglich machte und die Landmächte unter moralischem
Druck hielt. Allerdings würde dieser moralische Druck sehr stark sein
müssen, falls er den europäischen Militarismus eindämmen soll.
"Vestigia terrent", wenn man sich an Versailles erinnert, wo der
amerikanische Idealisrnus die Gier des europäischen Imperialismus stark
unterschätzte und deshalb versagte. Zunächst mußte aber ein Erfolg
der Seeabrüstung erzielt werden, ehe überhaupt an einen moralischen
Druck zu denken war, der eine nennenswerte Landabrüstung herbei-
führen könnte.
Ohne viel Schwierigkeit erkannte die Kommission an, daß sie nun
endlich in die zweite Lesung eingetreten sei. Ferner nahm sie den
Sowjetvorschlägen gegenüber eine viel ruhigere Haltung als früher ein,
ebenso wie auch die Sowjetvertreter deutlicher zum Ausdruck brachten,
daß sie ihre Beziehungen mit Genf aufrecht erhalten wollen. So kam
denn eine Ausgleichsformel zustande, welche die Sowjetvorschläge nicht
einfach verwarf, sondern den Sowjetvertretern die Möglichkeit eröffnete,
ihre Anträge sowohl einzeln von Fall zu Fall, sowie en bloc bei der Ab-
rüstungskonferenz wieder vorzubringen.
Als man dann zur Behandlung der Hauptfragen der Personalbe-
stände und des Materials gelangte, erfolgten die amerikanischen Er-
klärungen, die der Session das Gepräge gaben. In der Frage der See-
abrüstungen teilte Gibson mit, daß die Vereinigten Staaten in dem
ernsten Willen, eine Einigung in der Flottenfrage zu erzielen, bereit
seien, auf einen Vorschlag als Diskussionsbasis zurückzugreifen, den der
französische Delegierte Paul-Boncour früher gemacht hatte. Danach
sollte innerhalb einer Globaltonnage für jedes Land die Tonnage für die
einzelnen Schiffskategorien, daneben aber ein gewisser Prozentsatz fest-
gesetzt werden, der von einer auf die andere Kategorie übertragbar
(255)
wäre. Außerdem deutete Gibson die Möglichkeit einer amerikanischen
Konzession gegenüber England an, im Hinblick auf die Einführung eines
neuen Bewertungsverfahrens für die Kreuzer. Die amerikanischen Er-
klärungen führten zu entgegenkommenden, aber unverbindlichen Ant-
worten der Vertreter der anderen Seemächte, doch kam es nicht zu einer
eingehenden Behandlung der Seeabrüstung.
Die Vertreter der Seemächte beantragten vielmehr, die Marinefragen
zu vertagen, bis die Regierungen die amerikanischen Anregungen ein-
gehend geprüft hätten, was denn auch von der Kommission beschlossen
wurde.
Zu den Personalbeständen erklärte Gibson, daß die Vereinigten Staa-
ten zwar bei der Auffassung beharrten, daß die ausgebildeten Reserven
bei der Abrüstung zu Lande erfaßt werden müßten, daß sie sich aber
in dieser sie weniger interessierenden Frage der Mehrheit anschließen
würden, damit ein Abrüstungsabkommen zustande käme. Jetzt hatte die
französische These gesiegt, und ein deutscher Vermittlungsantrag war
unter den Tisch gefallen, der den Versuch machen wollte, durch ein
Bewertungsverfahren einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Wehr-
systemen herzustellen.
Aehnlich trat Gibson in der Frage des Heeresmaterials auf. Auch
hier erklärte er gleich zu Anfang, daß die Vereinigten Staaten auf ihrer
seitherigen These, wonach das auf Lager befindliche Material ebenso
wie das im Dienste befindliche erfaßt werden müßte, nicht weiter be-
stehen wollten. Dagegen erklärte er, nicht auf die von der französischen
Gruppe vertretene Auffassung eingehen zu können, wonach eine Be-
schränkung des im Dienste befindlichen Materials nur auf dem Wege der
Beschränkung des Budgets erfolgen solle. Für dieses Material komme
nur die direkte Beschränkung in Betracht. Da in der Materialfrage
eine Einigung zwischen der amerikanischen und der französischen These
nicht möglich war, wurde schließlich auf jegliche Erfassung des Ma-
terials verzichtet. Von französischer Seite erfolgte keinerlei Konzession.
Da nach deutscher Auffassung ein Abrüstungsvertrag nur eine Schein-
lösung bedeuten würde, wenn nicht die Personalbestände unter den
Fahnen, die ausgebildeten Reserven, das im Dienste befindliche Material
und das stockierte Material erfaßt würden, war jetzt, wo nur noch eine
Erfassung der Personalbestände unter den Fahnen in Frage kam, für
mich der Moment gekommen, in einer etwas feierlichen Form von der
Arbeit der Kommission abzurücken. Diese Haltung mußte ich einneh-
men, weil wir vermutlich später das Abkommen nicht würden unter-
schreiben können, wenn nicht noch die Abrüstungskonferenz eine bessere
Arbeit verrichtete. Für die bisherigen Leistungen mußte die Mehrheit
der Kommission allein die Verantwortung tragen.
Die Kommission hatte noch einige andere Fragen zu erledigen. Zu-
nächst den chinesischen Antrag auf Abschaffung der allgemeinen Wehr-
(256)
pflicht, und einen recht radikalen türkischen Abrüstungsvorschlag. Beide
erhielten ein ehrenvolles Begräbnis mit Aussicht auf eine Auferstehung
in der Abrüstungskonferenz. Das Kapitel über den chemischen Krieg
enthielt für die Konventionsteilnehmer im wesentlichen die gleichen
Verpflichtungen, welche die Unterzeichner des Genfer Gaskriegproto-
kolls von 1925 übernommen haben. Ein von mir im Anschluß hieran
eingebrachter Antrag auf Verbot des Bombenabwurfs aus der Luft wurde
abgelehnt, wie die Kommission überhaupt keine Neigung zeigte, in die
Abrüstungskonvention Verbote einzelner bestimmter Kampfmittel auf-
zunehmen.
Die Behandlung der restlichen Abschnitte des Konventionsentwurfes
über Budgetfragen und Organisation, wozu auch die Kontrolle und die
Publizität gehörten, wurde zusammen mit den Marinefragen auf die
zweite Hälfte der Tagung der Kommission verschoben. Deren Wieder-
einberufung sollte durch den Präsidenten erfolgen, sobald er der An-
sicht war, daß die Vorbereitungen der Marinefragen ausreichende Fort-
schritte gemacht hätten.
Dieser Fall trat erst Ende 1930 ein, und die dann stattfindende
letzte Tagung der "Préparatoire" spielte sich ganz im Schatten der
Londoner Konferenz ab. Das Interesse der großen Seemächte – vor
allem der Vereinigten Staaten und Englands – war so ausschließlich
auf die Festsetzung des in London erreichten Ergebnisses abgestellt,
daß niemand meinem Vorwurfe widersprechen konnte, die Mehrheit der
Kommission habe den Gedanken der Landabrüstung den Interessen
der Seeabrüstung geopfert.
Indessen wurde der formale Abschluß der Tätigkeit der "Prépara-
toire" erreicht.
Diese Feststellung bedeutet nahezu das einzige positive Ergebnis, das
in der Bilanz der Kommission auf der Aktivseite zu buchen ist. Wenn
wenigstens ein solcher formaler Abschluß erreicht wurde, so war das
einmal die Folge der entsprechenden deutlichen Entschließungen der
vorigen Bundesversammlung und ihrer III. Kommission, erklärt sich
aber auch daraus, daß wohl bei jedem der Delegierten der persönliche
Wunsch erkennbar war, so rasch wie möglich mit der eigenen Zuge-
hörigkeit zu einem Gremium Schluß zu machen, das allmählich in den
Augen der Weltöffentlichkeit alle Achtung eingebüßt hatte.
Das Arbeitsgebiet umfaßte die Beendigung der zweiten Lesung des
Entwurfs einer Abrüstungskonvention, die im Mai des vergangenen
Jahres nicht hatte zu Ende geführt werden können, sowie die Erledi-
gung einiger außerhalb des Entwurfes stehenden Aufgaben. Die Kom-
mission hat diesen Rahmen jedoch nicht ganz eingehalten, sondern
einige wesentliche Fragen nochmals zur Diskussion gestellt, über die
die Mehrheit in zweiter Lesung bereits entschieden hatte. Bestimmend
hierfür war die Erwägung, daß eine, wenn auch nicht wahrscheinliche
(257)
Verbesserung früherer Entschlüsse das magere Ergebnis der Gesamt-
arbeit in seiner Wirkung nach außen etwas günstiger hätte erscheinen
lassen können. So ist die Limitierung des Heeresmaterials von neuem
zur Diskussion gestellt worden. Tatsächlich ist es in dieser Frage bei
den alten Entschlüssen geblieben, jedoch ergab sich bei der Abstimmung
über die Frage der direkten Begrenzung des Heeresmaterials zum ersten
Mal ein Stimmenverhältnis von 9 : 9, das wenigstens auf diesem Ge-
biete gewisse Fortschritte in unserem Sinne nicht ganz ausgeschlossen
erscheinen ließ.
Meine Haltung in der Kommission war auf der einen Seite bestimmt
durch die von mir im Frühjahr des vergangenen Jahres abgegebene
Erklärung, mit der ich mich infolge der negativen Beschlüsse der Kom-
missionsmehrheit in der Material- und Personalfrage bereits klar von
ihrem Programm losgesagt hatte. Andrerseits mußte ich versuchen, bei
sich bietender Gelegenheit zu einer Verbesserung des Konventionsent-
wurfes beizutragen, sowie überall da einzugreifen, wo es galt, die Gründe
unserer abweichenden Stellung klarzulegen, etwaige direkte Angriffe auf
uns abzuwehren, Mißverständnisse hinsichtlich unserer Haltung aufzu-
klären und schließlich für zutreffende und erschöpfende Wiedergabe un-
seres Standpunktes im Bericht der Kommission zu sorgen. Besonderen
Anlaß zu aktiver Beteiligung hatte ich auf dem Gebiete der nicht mit
dem Konventionsentwurf direkt zusammenhängenden Fragen, wie z. B.
der Frage des Datums für die Konferenz und ihrer Vorbereitungen
durch rechtzeitige Bekanntgabe des gegenwärtigen Rüstungsstandes. Ich
glaube sagen zu können, daß die Aktivität, die ich in diesem Rahmen
entfaltet habe, genügt hat, um dem Vorwurf der Passivität oder gar der
Obstruktion vorzubeugen, zumal ich keine Gelegenheit habe vorbeigehen
lassen, das damalige Hauptziel der Reichsregierung in den Vordergrund
zu stellen, nämlich über die Vorbereitende Abrüstungskommission hin-
weg so rasch wie möglich zu einer allgemeinen Konferenz zu kommen.
Zu den oben erwähnten fünf Teilen des Vertragsentwurfs ist fol-
gendes zu bemerken:
1. Die Personalfrage war grundsätzlich bereits im ersten Teil der
6. Tagung zu unseren Ungunsten, also unter völligem Ausschluß der aus-
gebildeten Reserven von jeder Herabsetzung oder Begrenzung entschie-
den, kam aber gelegentlich der Diskussion über die Frage der Begren-
zung der Dienstdauer noch einmal zur Debatte. Das Ergebnis war, wie
bisher, in unserem Sinne negativ.
2. Die Materialfrage ist, wie schon oben erwähnt, noch einmal aufge-
rollt worden, ohne daß sich eine Mehrheit für die direkte Begrenzung
des Landmaterials gefunden hätte. Der Entwurf beschränkte sich auf
eine Erfassung auf dem Wege über die Budgets, jedoch auch da, ohne
das Material nach Art und Zahl herauszustellen.
(258)
Bei dem Seematerial wurde mein Antrag, auch das nichtschwimmende
Material zu erfassen, das sonst beliebig zu Vermehrung der Landbestände
verwandt werden kann, abgelehnt. Nur das schwimmende Material
sollte einer direkten Begrenzung unterliegen, für deren Gestaltung man
sich streng an das Muster des Londoner Vertrages gehalten hat. Die
Londoner Seemächte hatten zu diesem Zwecke die bisher im Entwurf
vorgesehenen Bestimmungen durch ein dem Londoner Vertrage ange-
paßtes Schema ersetzt, das in seinen wesentlichen Bestimmungen von der
Kommission angenommen wurde. Ich habe mich an dieser Debatte nicht
aktiv beteiligt.
Bei dem Luftmaterial sind die Kommissionsbeschlüsse ebenfalls weit
hinter meinen Anträgen auf Erfassung des gesamten Materials zurück-
geblieben: Man hat sich im wesentlichen auf eine Erfassung der start-
bereiten Flugzeuge und Luftschiffe nach Maßgabe gewisser Kriterien
geeinigt.
Eine erhebliche Rolle spielte in diesem Zusammenhange die Einbe-
ziehung der Zivilluftfahrt in den Entwurf. Ich habe von Anbeginn an,
insbesondere aber auch in der letzten Tagung, mit allem Nachdruck den
Standpunkt vertreten, daß die Zivilluftfahrt in einem Abkommen rein
militärischen Charakters überhaupt nichts zu suchen habe. Mit aller
Offenheit habe ich dabei festgestellt, daß gerade die Zivilluftfahrt das
einzige Gebiet sei, wo bei der Kommissionsmehrheit mit deutlich erkenn-
barer Tendenz ein Wille zu beschränkenden Maßnahmen festzustellen sei.
Es ist mir gelungen diesen Standpunkt in dem Entwurf nahezu voll-
ständig zur Geltung zu bringen. Der Entwurf berührte die Zivilluftfahrt
nur noch in dem Artikel 37, wo gewisse jährliche Veröffentlichungen
über den Stand der Zivilluftfahrt vorgesehen sind. Um auch diese Be-
stimmung aus dem Entwurf vielleicht noch beseitigen zu können, habe
ich den Antrag gestellt, eine internationale Vereinbarung über diese
Frage außerhalb der Konvention herbeizuführen. Entscheidend war für
mich dabei der Gedanke, daß wir aus dem Pariser Abkommen des Jahres
1925 ohnehin zu solchen Veröffentlichungen verpflichtet waren, uns also
ein Abkommen nur erwünscht sein könne, das – völlig herausgelöst aus
dem Konventionsentwurf militärischen Charakters – die anderen Staa-
ten in gleicher Weise verpflichtete.
3. Der Aufnahme der Haushaltungsangaben in den Entwurf habe ich
widersprochen, solange nicht die mißbräuchliche Verwertung von Etat-
zahlen zu Vergleichs- oder Bewertungszwecken für den Rüstungsstand
durch gleichzeitige direkte Begrenzung des Materials ausgeschlossen wird.
Der 4. Teil befaßte sich als einziger der Konvention mit der Frage
völligen Verbots gewisser Kriegsmittel. Ich hatte ihn bereits früher be-
nutzt, um, wenn auch ohne Erfolg, das völlige Verbot des Bombenab-
wurfs aus der Luft zu fordern. Ich habe meinen Antrag jetzt auf andere,
der Zivilbevölkerung besonders gefährliche Waffen von ausgesprochenem
(259)
offensivem Charakter, z. B. schwere Kanonen, ausgedehnt, mich aber
damit nicht durchsetzen können.
5. Bei der Debatte über den Schlußteil des Entwurfs, der allgemeine
Bestimmungen enthielt, habe ich mich darauf beschränkt, bei dem für
uns wichtigsten Punkt, der Frage des Verhältnisses der Konvention zu
früheren auf Abrüstung bezüglichen Verträgen einzugreifen. Ich habe
erklärt, daß ich bei Gelegenheit des betreffenden Artikels, soweit er sich
nicht auf die Verträge von Washington und London bezöge, gegen den
Entwurf in seiner Gesamtheit stimmen müsse, weil er in der von der
Kommissionsmehrheit angenommenen Form wesentliche Faktoren der
Landrüstung unberücksichtigt lasse, zu einer Verschleierung des wahren
Rüstungsstandes führe, ja sogar eine Aufrüstung gestatte. Man könne
nicht der Reichsregierung die Unterzeichnung eines solchen Abkommens
und in Verbindung damit die Erneuerung der Unterschrift unter die
Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages zumuten. Deutsch-
land werde den Wert des Vertrages zu gegebener Zeit danach beurteilen,
ob er dem Grundsatz der Gleichheit der Sicherheit (parité de sécurité)
Rechnung trage, wie er von den deutschen Vertretern seit Jahren gefor-
dert werde. Diese Erklärung war um so notwendiger, als in der zweiten
Lesung auf französischen Vorschlag dem Artikel der Absatz 2 hinzuge-
fügt worden ist, der für eine Reihe von Staaten die eigene Bindung an
das Abkommen von der Einhaltung der Entwaffnungsbestimmungen aus
den Friedensverträgen abhängig machen wollte.
Den abschließenden Bericht der Kommission dagegen habe ich anneh-
men können, da er ohne jede Ausnahme alle von mir formuliert vorge-
legten Reserven zu den Mehrheitsbeschlüssen mit angemessener Begrün-
dung brachte, also gewährleistete, daß der deutsche Standpunkt unein-
geschränkt und klar vor der Konferenz zum Ausdruck kam.
Meine Schlußerklärung gab mir zudem Gelegenheit, noch einmal zu
der Arbeit der Kommission kritisch Stellung zu nehmen und festzustel-
len, daß dem Entwurf das allein Wesentliche, nämlich der feste Wille
zur Abrüstung fehlte, und daß von der kommenden Konferenz nur dann
ein wirklicher Fortschritt in der Lösung der Aufgabe zu erwarten sei,
wenn die Regierungen ihre Vertreter unter dem Drucke der öffentlichen
Meinung mit ganz anderen Instruktionen versähen, als es für die Vor-
bereitende Abrüstungskommission der Fall war.
Die beiden außerhalb des Konventionsentwurfs diskutierten Fragen –
Offenlegung des damaligen Rüstungsstandes für den Beginn der Konfe-
renz und Vorschläge an den Rat über das Datum dieser Konferenz –
gingen beide auf meine Anträge zurück. Sie wurden zur Entscheidung
durch den Rat zurückgestellt. Bei dem Publikationsvorschlag, für den
auch der italienische Delegierte sich einsetzte, habe ich mich auf die Tat-
sache berufen, daß der Erfolg der Londoner Konferenz mit darauf be-
gründet sei, daß sie von Anbeginn an durch die Vorlage eines entspre-
(260)
chenden Dokuments einen klaren Ueberblick über den Rüstungsstand
aller Beteiligten zur See besessen habe. Als Zeitpunkt für die Konfe-
renz schlug ich den 5. November 1931 vor und bezog mich dabei auf
eine Ratsentschließung vom Dezember 1926, in der es ausdrücklich heißt,
die Kommission möge dem Rat hinsichtlich des Zeitpunktes Vorschläge
machen. Der von mir genannte Termin, der 5. November 1931, war –
wegen der Rücksicht auf die überseeischen Konferenzteilnehmer, wegen
der noch notwendigen diplomatischen Vorbereitungen und wegen der
Tagung der Bundesversammlung im September – der früheste Termin,
der ernsthaft erwogen werden konnte. Die Kommission entschloß sich
nicht zu einem bestimmten Datumsvorschlag, willigte aber wenigstens
darein, ihr Material dem Völkerbundsrat im Januar 1931 zur Entschei-
dung der Datumsfrage zu unterbreiten.
Die Sowjetdelegation entfaltete, vor allem solange sie durch Litwinow
persönlich vertreten war, eine rege, zumeist mit unseren Interessen über-
einstimmende Tätigkeit. In der positiven Mitarbeit ging sie weiter als
bisher und nahm sogar an Unterkommissionen teil. Sie hat es trotzdem
für richtig befunden, sich am Ende der Tagung formell von der gesam-
ten Arbeit der Kommission insofern loszusagen, als sie jede Beteiligung
an dem Bericht, obwohl dieser auch ihre Reserven uneingeschränkt ge-
bracht hätte, ablehnte und verlangte, daß ihre abweichende Darlegung
als Anhang zu dem Bericht dem Rat übersandt werden sollte. In der Dis-
kussion griff ich zugunsten eines Minderheitsberichts der Sowjet-Dele-
gation ein. Man einigte sich dann dahin, das Protokoll der Schlußsit-
zung, das mit allen Reden auch die russische Darlegung enthielt, mit
dem Bericht an den Rat gelangen zu lassen.
In der letzten Tagung der Kommission übernahm Lord Cecil wieder
wie in den ersten Jahren die britische Vertretung. Mit ihm hatte ich
alte freundschaftliche Beziehungen von gemeinsamer Arbeit in den
Ligen her. Er zeigte sich auch sehr entgegenkommend zur Zeit, als ich
noch als Privatmann für die deutsche Liga nach Genf fuhr, und Deutsch-
land noch nicht in den Völkerbund eingetreten war. Von dieser Zeit her
konnte ich immer einen leichten Anflug von Bevormundung in seinem
Wesen mir gegenüber konstatieren. Er liebte es nicht, wenn ich seine
Auffassungen in der Kommission bekämpfen mußte. So oft ich konnte,
versuchte ich unsere Gegensätze im Scherz zu überwinden. Insbesondere
mißbilligte Cecil meine guten Beziehungen zu Litwinow. Als ich in
kleinem Kreise einmal bei ersterem frühstückte, begrüßte mich Cecil
mit den Worten: "Hello Bernstorff, how is your friend Litwinow today?
I suppose you call him by his Christian name". Ich erwiderte schnell:
"No by his Jewish name" und hatte durch diese Antwort die Lacher auf
meiner Seite.
Wenn der Bericht der "Préparatoire" den deutschen Standpunkt in ob-
(261)
jektiver Weise wiedergab, so ist das wesentlich ein Verdienst der beiden
Berichterstatter, des Spaniers Cobian und des Belgiers Bourquin.
Nach Beendigung der Arbeiten der "Préparatoire" war ich darauf
vorbereitet, damit auch meine politische Laufbahn zu beenden. Ich nahm
aber doch noch Teil an der Völkerbundsversammlung von 1931 und
vertrat Curtius in den letzten Sitzungen derselben. Diese bezogen sich
auf den damals akuten japanisch-chinesischen Konflikt, der mich sehr
interessierte, bei dem aber Deutschland nur wenig beteiligt war. Ich
wurde auch von dem Auswärtigen Amte beauftragt, diese Verhandlun-
gen nach Schluß der Bundesversammlung weiterzuführen. Gern hätte
ich den Auftrag übernommen, doch brach ich damals gesundheitlich
nieder infolge der vielen Anstrengungen meiner langen politischen Lauf-
bahn. Nach 50jähriger Arbeit im Dienste des Vaterlandes war ich jetzt
genötigt, den Geboten meiner Gesundheit zu gehorchen.

"Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist,
und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat."

Der Prediger Salomo 12.7.





Johann Heinrich Graf Bernstorff



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